Das Dorfhaus, das auf Sauerländisch auf „Duarphuis“ hört, steht eigentlich für eine sehr heile, eine liebe Beschaulichkeit. Mit einem Schlag kehrt in diese Idylle das Drama unserer Welt ein. Schüler aus Finnentrop sehen ein Theaterspiel über Nahrungsmittel-Verschwendung, die Globalisierung in der Landwirtschaft und den Hunger auf der Welt.

Überregionale Meldungen

Vor den Schülern der Gesamtschule führte das mobile „Theaterspiel Witten“ das Stück „Alle satt“ auf – erzählte das Elend des agroindustriell erzeugten kleinen Apfels, um den Notstand des großen Erdballs zu verdeutlichen. Was hat die kleine Obstkugel mit der Zerstörung der Erde, mit Hunger und Ausbeutung, mit Krieg und Flucht auf der großen Weltkugel zu tun?

So kumpelig, wie die Schüler von den Schauspielern mit Handklatscher empfangen wurde, so bitterernst wurde es gleich in der dritten Minute der Aufführung mit einem Gänsehaut-Experiment unter dem Motto „Wie haltet Ihr es mit Flüchtlingen“: Die Schüler sollten aufzeigen, wo ihre Priorität liegt. Wer ist dafür, der Flüchtlinge Leben zu retten, wer bevorzugt stattdessen ein besseres Schulessen in der Mensa? Die Schülerwelt teilte sich durch Aufzeigen auf in 60 Prozent Lebensretter und 40 Prozent Befürworter einer besseren Schulspeisung. Man einigte sich, sehr diplomatisch, auf beides: Lebensrettung und bessere Verpflegung lautete nun die Forderung.

Das Ensemble aus Witten gab den Schülern in Finnentrop zum Thema Nachhaltigkeit auch einen Ohrwurm mit. Luise Hegge, Beate Albrecht, Kevin Herbertz, Florian Walter und Simon Camatta (v.l.) sangen und spielten.

Das führt zum Thema Lebensmittelrettung und zum sogenannten Containern: Vielfach ist das, was in den Supermärkten aufgrund des abgelaufenen Mindesthaltbarkeitsdatums der Vernichtung  anheimfällt, noch ohne weiteres tagelang verzehrfähig – und landet doch im Container. Wer es daraus birgt, macht sich moralisch edel, aber strafrechtlich schuldig. Und um das Dilemma noch plakativer zu machen: Die beiden Jugendlichen Marie und Lucky containern und bergen unter anderem Äpfel der Phantasie-Sorte „Alabaster“, purpurrot und wie gemalt. Dem verwöhnten Lucky, der ernährungstechnisch in der Welt von Döner, Pommes und Vanilleeis lebt, der sich auf seine neue Playstation freut, ihm fehlt es an nichts, denn seine Mutter arbeitet in führender Stellung in der Nahrungsmittelbranche – und lebt von der Wegwerfgesellschaft. Lucky ahnt weder, dass es bei seiner Freundin Marie knapp zugeht und sie aufs Containern sogar angewiesen ist, noch von den Zuständen auf den Apfelplantagen in fernen südlichen Gefilden.

Davon erfährt er erst, als er, seine Mutter und Freundin Marie eine Reise ins Obstbauland antreten, dort die Vertreibung der angestammten bäuerlichen Familien mit eigenen Augen sehen, als er peinlich berührt erlebt, wie seine Mutter versucht, die letzten Obstbauern mit  Geld gefügig zu machen und sie von ihrer Scholle „auszukaufen“. Gleichzeitig geht es darum, die alten Apfelsorten vom Markt zu nehmen und die grünen, schmackhaften aber nicht immer bildhübschen Apfelsorten aus dem Markt zu werfen. Der leckere grüne „Nino“ hat keine Chance gegen den geschmacksarmen, aber makellosen „Alabaster“.  Der alte Apfel soll ebenso weg wie die Menschen, die ihn gezüchtet haben. Der neue Apfel soll nicht nur optisch tadellos und geschmacksneutral, sondern auch billig, ja noch billiger sein – erkauft mit menschlicher Tragik und chemischer Keule.

Dagegen lehnen sich die beiden Teenager auf, auf dass einerseits die angestammten Obstbauern bleiben können, andererseits aber die Managerin, Luckys Mutter, ihren Job verliert: Sie hat’s nicht gebracht. Gewissen gegen Gehalt, das ist die eine Alternative. Die andere lautet so: Es gibt nichts Gutes, außer man tut es. Wie aber muss man das Containern bewerten? Aus der Sicht des begüterten Lucky lautet die Erkennnis, dass es sich wohlfeil moralisieren lässt, dass man sehr souverän grün sein und sich sozial gerieren kann, wenn man alles hat. Green-washing als Verbesserung des eigenen Image macht einen schlanken Fuß. Wer jedoch knapp dran ist, der muss schon für sein eigenes Überleben maximal kämpfen.

Auch die Schüler stellten fest, dass es keine einfachen Wahrheit gibt. Doch, diese: Mit Lebensmitteln gilt es achtsam umzugehen.  Jedes Nahrungsmittel, sei es auch nicht so bildschön, hat seinen Wert – nämlich den, die Menschen zu sättigen. Bäuerliche Landbevölkerung hat alle Achtung verdient. Und alte (oft grüne) Apfelsorten, es gibt derer 30.000, während  der Discounter nur vier, fünf immer gleiche rote Sorten anbietet, gilt es zu verteidigen.

All‘ das diskutierten die Schüler leidenschaftlich mit den Theaterleuten, die sich reichlich Zeit zum Nachgespräch genommen hatten. So konnten alle Fragen rund um’s Thema und um das Theatermachen geklärt werden. Und ja, eines war besonders erfreulich: Bei der Hälfte der Schulkinder  steht im Familiengarten ein Apfelbaum. Mit grünen Äpfeln aus einer alten Sorte.