Herscheids Bürgermeister Uwe Schmalenbach verkörpert in bisher 16 Amtsjahren Konzilianz im Sprachgebrauch und Zielstrebigkeit in der Sache. Als verbales Raubein ist er in der Vergangenheit nicht aufgefallen. Umso mehr ließ seine Rede bei der Einbringung des Gemeindehaushaltes für 2026 aufhorchen: Schmalenbach tauschte Glacé- gegen Boxhandschuhe und prägte das Wort vom „Kreisumlage-Orkan“, der aus Lüdenscheid über die kreisangehörigen Städte und Gemeinden komme.

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Dass Herscheid in diesem Jahr (2026) 8,62 Millionen Euro Kreisumlage nach Lüdenscheid überweisen soll, nehme der Gemeinde die Luft zum Atmen, formulierte der Bürgermeister. „Das ist ein regelrechter Umlageorkan, der unsere Steuereinnahmen quasi wegfegt. Gegenüber 2025 steigt die Umlage nochmal um rund 1,25 Millionen Euro!“

Kann so drastisch nur ein Bürgermeister formulieren, der in der vierten Amtsperiode steht, der bei seiner letzten Wiederwahl auf gut 90-prozentige Zustimmung der Wähler kam? Wird er von den Amtskollegen, die größtenteils viel jünger oder gar neu im Amt sind, als Gallionsfigur und Kassandrarufer an die Spitze einer Bewegung gesetzt? Immerhin kommt die Wortwahl einer Anklage, einer Kampfansage gleich.

"Kreisumlage-Orkan" ist die Wortschöpfung des Monats Dezember 2025. - Wolkenmacher: St. Aschauer-Hundt

„Die deutliche Sprache muss jetzt sein“, sagt Schmalenbach im Gespräch mit LokalDirekt — und deshalb nenne er die Dinge beim Namen. Im übrigen sei es langjährige Praxis, dass jeweils eine der MK-Kommunen eine abgestimmte Stellungnahme zum Kreishaushalt abgebe, in diesem Jahr Neuenrade. Und dieser Kommentar lasse an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. Der Befund sei klar: Die Tendenz, dass die Kreisumlage von Jahr zu Jahr ins nicht mehr Beherrschbare steige, sei klar erkennbar. „Ich sehe, dass es schlimmer wird. Es muss dringend umgesteuert werden!“

Zwei große Kostgänger sind es, die Uwe Schmalenbach im Kreishaushalt rot anstreicht: Das Defizit der MVG, das über den Haushalt ausgeglichen werden muss, steigt bis 2029 geplant auf 50 Millionen Euro. Das werden binnen weniger Jahre weitere 20 Millionen Euro sein, die die MVG mit steigenden Personal- und Fahrzeugkosten  begründet. Dazu gesellt sich der Verlustausgleich für die Märkischen Kliniken. Heißt: Die jetzt vom Märkischen Kreis angeforderte Kreisumlage markiert nicht das Ende der Fahnenstange; noch höhere Mittelanforderungen sind bei unverändertem Wirtschaften des Kreises und seiner Beteiligungen zu erwarten.

Der "Kreisumlage-Orkan" ist als Begriff so einprägsam, dass sogar Googles Künstliche Intelligenz "Gemini" auf den Zug aufspringt. - Creator: St. Aschauer-Hundt

In jedem normalen Wirtschaftsbetrieb würde bei einer solchen Prognose die Alarmglocke geläutet — „Ich habe aber nicht den Eindruck, dass es in Lüdenscheid einer merkt“, beklagt Herscheids Bürgermeister. Dabei müsse der Kreis dringend über seine Standards nachdenken und Verzichtbares zurückschneiden, um die Steigerungen der Kreisumlage einzufangen und die Kommunen nicht auszubluten.

„Die kommunale Situation ist mehr als angespannt.“ Herscheid befinde sich mit dem gerade zu Ende gegangenen Doppelhaushalt 2024/25 derzeit im Haushaltssicherungskonzept und der Haushaltsentwurf 2026 sei der Versuch, dies noch ein Jahr fortzusetzen, „aber am Ende landen wir wieder im Nothaushalt“. Das raube Herscheid die Selbstbestimmung und die Entwicklungsperspektive.

Der neue Landrat — und der Kreiskämmerer — müssten alles auf den Prüfstand stellen, Entbehrliches wie eine eigene Statistikstelle auflösen und bei den großen Beteiligungen externes Wissen einholen. Beim Kreiskrankenhaus könne dies über den Verkauf eines Minderheitsanteils geschehen. „Wir brauchen das Klinikum als Krankenhaus und wir brauchen es auch als Maximalversorger. Es soll auch in kommunaler Trägerschaft bleiben." Aber eine Minderheit zu privatisieren könnte ein Versuch sein, externes know-how hereinzuholen.

Die prognostizierten Verluste der MVG bis 2029. Diagramm aus dem Haushaltsentwurf 2026 des Märkischen Kreises.
Foto: St. Aschauer-Hundt

Auch bei der MVG müsse angesetzt werden. „So einen Wirtschaftsplan mit einer Steigerung des Defizits auf 50 Millionen Euro über wenige Jahre darf man erst gar nicht vorlegen.“ Eine solche Zahl dürfe kein Landrat, kein Kreiskämmerer, kein Kreistag annehmen und goutieren. Hier müsse unbedingt gegengesteuert werden.

Er, Schmalenbach, sehe aber im Kreishaus keine Signale dazu und spüre kein Bewusstsein zu sparen. Kostenbewusstsein sei nicht gelebt worden. „Der Landrat hätte deutlich früher tätig werden müssen.“ Die Reaktionen auf seine, Schmalenbachs drastische Haushaltsrede seien jedenfalls vielfältig und positiv ausgefallen. Auf der Jahresveranstaltung der SIHK habe er von vielen Seiten gehört, die deutlichen Worte hätten die Augen geöffnet.

Bei der MVG mahnt Schmalenbach ein strenges Kostenregiment an. „Was kostet ein Kilometer Bus? Die Zahl gibt es heute gar nicht.“ Der Betrieb sei ihm ein Rätsel und er habe den Eindruck gewonnen, dass man bei der MVG am Wehberg die eigenen Kosten nicht kenne. Deshalb müsste durchleuchtet werden, was zukünftig im öffentlichen Nahverkehr noch geleistet werden könne. Alle Linien müssten untersucht und bewertet werden; er, Schmalenbach, habe das Empfinden, dass die innerstädtischen Linien — oft mit zu großen Bussen — große Verlustbringer seien. „Wir in Herscheid haben ja nur eine Linie, die bei uns durchfährt.“ Obendrein: Die „54“ gehört MVG-intern zu den „guten“ Linien; alle anderen in Herscheid sporadisch verkehrenden Busse sind dem Schülerverkehr zugeordnet und zählen zum schulpolitischen Pflichtprogramm.

"Andere Kreishäuser kommen bodenständiger daher als unseres", urteilt Bürgermeister Uwe Schmalenbach und meint damit so etwas wie "mehr kniepiges Amt als freigiebiger Dax-geneigter Bau".

Der Bürgermeister fordert Kreistag und Landrat auf, zu einem freiwilligen Haushaltssicherungskonzept zu finden. Der Kreiskämmerer solle den „globalen Minderaufwand“ (Anmerkung des Redakteurs: das ist so etwas wie 'Daumen drauf' auf allen Etatposten) durch geschärftes Management und das Sperren von Haushaltsansätzen restriktiv durchzusetzen, damit am Ende wirklich eine Einsparung eintritt.

Im übrigen: Andere NRW-Landkreise — Schmalenbach deutet nach Olpe — gäben ein deutlich bodenständigeres Bild ab als der Märkische Kreis, in dem bereits die einem DAX-Konzern optisch zuträgliche Kantine des Kreishauses an der Heedfelder Straße den Eindruck erwecke, "man habe es ja".

Das kleine Herscheid sei derzeit so etwas wie der Seismograph in Sachen Kreisumlage. „Das werden auch die reicheren Kommunen nicht können, was jetzt kommt. Wir spüren es in Herscheid nur früher als die anderen. Wir hatten in Herscheid schon einen Nothaushalt und wissen, dass dann nur noch das gesetzlich Verpflichtende geht. Ich hoffe sehr, dass der Kreis ein Zeichen setzt und die Kreisumlage begrenzt.“

Immerhin habe ihm der neue Landrat Ralf Schwarzkopf zugesagt, sich die Beteiligungen anzusehen. Schmalenbach setzt darauf — und wird sich weiter als Freund der klaren Aussprache betätigen. Das Wort „Kreisumlage-Orkan“ bleibt also in Gebrauch.