Der 3. November war ein besonderer Tag für Fred Behrend, seine Familie und Lüdenscheid. Fred Behrend, der an diesem Tag seinen 100. Geburtstag feierte, war anlässlich der Verlegung von Stolpersteinen für ihn und seine Eltern Hermann und Else aus den USA zugeschaltet. 1939 waren er und seine jüdische Familie von den Nationalsozialisten aus Lüdenscheid vertrieben worden. 87 Jahre später lautete die Botschaft des Jubilars, der per Videocall aus rund 6000 Kilometern Entfernung zugeschaltet war: „Ich habe das gute Gefühl, dass meine Familie in Lüdenscheid willkommen ist.“

Rund 40 Gäste, darunter Fred Behrends Kinder Evelyn und Andrew, nahmen an dem feierlichen Akt vor dem heutigen Café Moon teil. Mitarbeiter des STL setzten die Stolpersteine fachgerecht in das Pflaster der Oberstadt ein.

Drei messingfarbene Gedenksteine vor dem Haus Wilhelmstraße 42 erinnern nun an das Schicksal der Familie Behrend. Sie betrieb hier bis 1938 erfolgreich das Bekleidungs- und Modegeschäft Robert Stern. Die Familie genoss in Lüdenscheid hohes Ansehen – bis die Nationalsozialisten in ihrem Rassenwahn Juden verfolgten und ermordeten.

Evelyn und Andrew Behrend (im Vordergrund) filmten den historischen Moment.
Foto: Wolfgang Teipel / LokalDirekt

Hermann Behrend wurde am 10. November 1938 um 6 Uhr von zwei Polizisten verhaftet. Zunächst hielten sie ihn in den Arrestzellen des alten Rathauses fest, später wurde er in das Konzentrationslager Sachsenhausen deportiert. Dort erlebte er Schreckliches. Unter der Auflage, dass seine Familie Deutschland verlassen müsse, kam er schließlich frei. Am 25. Februar 1939 ging die Familie an Bord des Schiffes „Iberia“ und gelangte über Kuba im Jahr 1940 in die Vereinigten Staaten.

Fred Behrend besuchte in New York zunächst eine Public School, später eine Highschool, die er wegen seines Militärdienstes nicht abschließen konnte. Nach seiner Zeit in der US Army ließ er sich zum Elektrotechniker ausbilden und machte später als Geschäftsmann Karriere.

Erst nach langem Zögern entschied er sich 1990, einer Einladung der Stadt Lüdenscheid zu folgen und gemeinsam mit anderen Verfolgten die Bergstadt zu besuchen. Später schenkte Behrend dem Stadt- und Geschichtsmuseum Lüdenscheid eine historische Pergamentrolle aus Familienbesitz. Aus ihr wird zum jüdischen Purimfest gelesen. Sein Vater Hermann Behrend hatte die sogenannte „Megillat Ester“ auf der Flucht mitgenommen.

Fred Behrend war während der Feierstunde im Alten Rathaus aus den USA per Videocall zugeschaltet
Foto: Wolfgang Teipel / LokalDirekt

„Ich kann mir keinen schöneren Weg vorstellen, um den 100. Geburtstag meines Vaters zu feiern“, sagte Evelyn Behrend während der Videoschalte nach New York. Die Stolpersteine gäben der Stadt einen Namen zurück und trügen dazu bei, dass die Menschen hinter den Namen gesehen würden.

Für Evelyn und ihren Bruder Andrew hatte der Besuch in Lüdenscheid noch eine weitere besondere Bedeutung: Sie besuchten das Grab von Hans Behrend auf dem jüdischen Friedhof. Er war das erste Kind von Else und Hermann Behrend und bereits im frühesten Kindesalter gestorben.

Die drei Stolpersteine für Hermann, Fred und Else Behrend.
Foto: Wolfgang Teipel / LokalDirekt

Die Stolpersteine mit den Nummern 45, 46 und 47 vor dem heutigen Café Moon wurden auf Initiative des Geschichts- und Heimatvereins Lüdenscheid verlegt. Anlass war ein Besuch von Fred Behrends Tochter Evelyn und seiner Enkelin Elisha im Sommer dieses Jahres.

„Fred Behrends 100. Geburtstag ist uns einmal mehr ein Anlass, an das Schicksal der jüdischen Bevölkerung in Lüdenscheid zu erinnern“, betonte Arnhild Scholten, Vorsitzende des Geschichts- und Heimatvereins. „Und an das Leben von Fred Behrend, der – trotz alledem – seiner Heimatstadt verbunden geblieben ist.“

Nach Kenntnis des Geschichts- und Heimatvereins ist Fred Behrend der älteste noch lebende Jude mit Lüdenscheider Wurzeln.

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