Zeugnisse jüngster Zeitgeschichte, gepaart mit kreativen Schülerarbeiten, das bietet die Sonderausstellung „Die Brücke. Traum und Alptraum einer Stadt“. Sie ist seit Donnerstag, 18. Juni, in den Museen der Stadt Lüdenscheid zu sehen.

Die Exponate stehen für Belastung, Erleichterung und Kreativität im Umgang mit dem Brückendesaster, das die Region vier Jahre lang in einen Ausnahmezustand versetzte. Nicht nur der taufrische Bezug zur jüngsten Vergangenheit der Region ist eine Besonderheit. Die Ausstellung rund um das Brückendesaster ist die erste selbst kuratierte Ausstellung von Benedikt Müller, dem derzeitigen wissenschaftlichen Volontär in den Museen der Stadt Lüdenscheid.

Ein Mann mit blonden Haaren und Bart spricht in ein Mikrofon. Im Hintergrund ist ein Banner mit der Aufschrift
Mit „Die Brücke. Traum und Alptraum einer Stadt“ präsentierte Benedikt Müller seine erste eigene Ausstellung.
Foto: Wolfgang Teipel / LokalDirekt

Der junge Mann, der noch während der Sperrung der A45 seinen Dienst am Sauerfeld angetreten hat, hat sich den Blick auf das Alltägliche im Ausnahmezustand bewahrt. „In den vielen Gesprächen, die ich geführt habe, habe ich immer ein Gefühl der Machtlosigkeit gespürt, aber immer auch die Hoffnung“, sagte Benedikt Müller bei der Ausstellungseröffnung am Donnerstag. Wichtig war es ihm, die vier schwierigen Jahre aus der Perspektive von Kindern darzustellen. „Sie werden zu selten gehört“, sagte er.

Dabei habe die Sperrung Kinder und Jugendliche ebenso getroffen wie Erwachsene. Manches Elternteil habe womöglich wegen der Sperrung seinen Job verloren, andere mussten den Wohnort wechseln. Auch ein Problem: „Wegen der Sperrung kam ich immer wieder zu spät zur Schule“, berichtete eine Schülerin der Adolf-Reichwein-Gesamtschule. Die bittere Konsequenz: „Ich musste viel früher aufstehen.“ Andere Schüler erzählten von eingeschränkten Kontakten zur Verwandtschaft. „Ich konnte meine Oma nicht mehr so häufig sehen.“ Auch das ist ein Brückenschicksal.

In Vorbereitung der Ausstellung, an der neben der Adolf-Reichwein-Gesamtschule auch die Ida-Gerhardi-Grundschule beteiligt ist, unternahm Lehrerin Josette Ommer mit ihren Schülern einen Baustellenbesuch. „Danach sah ich die Baustelle mit anderen Augen und erkannte, wie vielschichtig und kompliziert so ein Brückenbau ist“, berichtete sie. Sie werde sich nie mehr beschweren, wenn sie vor einer Baustelle im Stau stehe. Eine schöne Lehrstunde für eine Lehrkraft.

Schilder erzählen Geschichte

Schilder erzählen Geschichte, so wie die große Hinweistafel auf die Sperrung, die einst am Seligenstädter Dreieck stand. Sie war Wolff-Dieter und Ute Theissen bei einer Autobahnfahrt aufgefallen. Der ehemalige Lüdenscheid Kulturdezernent befand: Das ist ein Stück Geschichte und gehört in die Sammlung der Museen. Zusammen mit Jens Kaminski, dem Leiter der Autobahnmeisterei, gelang es, das gute Stück für die Museen zu sichern.

Nicht weniger kreativ war beispielsweise der Gasthof Spelsberg. Er kreierte den Brückenteller, eine Zusammenstellung von Bohnen, Steaks als Brückenpfeiler, die von einem Spieß überspannt werden. Das und mehr dokumentiert den Alltag im Ausnahmezustand, den Lüdenscheid lange Zeit erleiden musste.

Ausstellung wird noch ergänzt

Die Ausstellung wird in den nächsten Tagen noch ergänzt. Der angekündigte Fernsprecher, an dem individuelle Erlebnisberichte aus den vergangenen viereinhalb Jahren zu hören sind, kam nicht rechtzeitig in Lüdenscheid an. Die in Zusammenarbeit mit dem Heimat- und Geschichtsverein gesammelten O-Töne können nach der Ankunft des Gerätes, um weitere Erinnerungen ergänzt werden. „So wird der Erfahrungsschatz rund um das Brückendesaster immer wertvoller. Das alles darf nicht verloren gehen“, sagt Benedikt Müller.

Song "Brücke der Hoffnung"

Zum Eröffnungsprogramm gehörte am Donnerstag auch ein Auftritt des Lüdenscheider Männerchors. Neben dem Song „Brücke der Hoffnung“, der der Rahmedetalbrücke gewidmet ist, präsentierten die Sänger „An Tagen wie diesen“ von den Toten Hosen und „An guten Tagen“ von Johannes Oerding.

 Die Ausstellung wird im Rahmen des Projekts „Kultureller Brückenschlag Lüdenscheid–Hagen“ als Teil des Regionalen Kultur Programms NRW gezeigt.