Beim Aufräumen seines Kellers ist Wolfgang Utsch im Frühjahr auf mehrere historische Gegenstände gestoßen. Darunter befinden sich alte Fotografien, Objekte aus der NS-Zeit sowie rund 500 Briefe, von denen einige fast 100 Jahre alt sind. Besonders ins Auge fiel ein Flugzeugpropeller. Um die Funde nicht ungenutzt zu lassen, wandte sich Utsch an die Museen der Stadt Lüdenscheid und fragte an, ob Interesse an der Übernahme des NS-Konvoluts bestehe.

Einblicke in ein geschlossenes historisches Konvolut

Ursula Delhougne vom Fachdienst Kultur, Museum, Galerie und Archiv in Lüdenscheid war zunächst skeptisch, als der Anruf einging. „Für mich war wichtig, dass der Propeller einen Lüdenscheider Bezug hat", erklärt sie im Gespräch mit LokalDirekt am Mittwoch, 17. Juni.

Als sich jedoch schnell zeigte, dass der Propeller nur Teil eines deutlich größeren und historisch bedeutsamen Fundes ist, zeigte sich auch Delhougne sehr angetan. „Das Reizvolle an diesem Nachlass ist, dass er so vollständig ist. Es ist selten, einen so umfassenden Blick auf einen Menschen zu erhalten", erklärt sie weiter. „Der Nachlass seines Vaters dokumentiert nahezu lückenlos die Entwicklung eines jungen Lüdenscheiders, der in den 1930er- und 1940er-Jahren eine typische Laufbahn innerhalb der nationalsozialistischen Organisationen und der Wehrmacht durchlief."

Ein grauer Karton ist mit gestapelten, beschrifteten Dokumenten gefüllt. Die Datumsangaben
Wolfgang Utsch entdeckte auf dem Dachboden zahlreiche Briefe seines Vaters.
Foto: Jung

Die Materialien ermöglichten Ursula Delhougne schließlich eine detaillierte Rekonstruktion seiner politischen Entwicklung sowie seiner militärischen Einsätze auf den europäischen Kriegsschauplätzen.

Das Leben von Heinz Utsch: Zwischen Karriere und der Suche nach Anerkennung

Sein Vater begann im Alter von 14 Jahren eine Ausbildung zum technischen Zeichner bei den Lüdenscheider Metallwerken. Nach Abschluss der Ausbildung folgte eine kurze Phase der Arbeitslosigkeit, ehe er 1931 bei der Firma Kostal anfing, berichtet Ursula Delhougne. Sie hat zahlreiche Dokumente über mehrere Monate hinweg ausgewertet, um mehr über das Leben von Heinz Utsch zu erfahren.

Um 1931 herum, also mit nur 17 Jahren, verlagerten sich seine Interessen jedoch zunehmend in eine stark rechtspolitische Richtung: Er wurde Mitglied der Lüdenscheider SA, stieg dort zum Truppführer auf und trat zusätzlich in die NSDAP ein. „Man kann sagen, dass er von diesem Gedankengut angetan war und sich damit sehr identifizierte", erklärt Delhougne. „Er suchte Anerkennung – und fand sie auch in diesen Gruppierungen."

In seinen Briefen berichtete er unter anderem von rechtsextremen Paraden, für die er bereits 24 Stunden vorher seine Haare schneiden und seine Schuhe polieren musste, sowie von Schießübungen auf dem Adolf-Hitler-Platz – dem heutigen Rathausplatz.

Im Frühjahr 1934 kündigte Utsch dann seine Stelle bei Kostal und verpflichtete sich zunächst für viereinhalb Jahre bei der Wehrmacht. Ab November 1936 nahm er als Fernaufklärer an der sogenannten „Winteroperation Rügen" teil und gehörte damit zur Legion Condor, die im Spanischen Bürgerkrieg die nationalistischen Truppen unter Francisco Franco unterstützte.

Ab 1938 folgten weitere Ausbildungen und Einsätze. Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde Heinz Utsch in unterschiedlichen Funktionen an mehreren Frontabschnitten im Westen und später an der Ostfront eingesetzt, berichtet sie weiter.

Nach der Kapitulation und seiner Kriegsgefangenschaft im Jahr 1945 setzte er in der Nachkriegszeit seine berufliche Karriere in der Lüdenscheider Metallverarbeitung fort. Heinz Utsch verstarb 1986 im Alter von etwa 73 Jahren.

Übergabe an das Stadtmuseum

Wolfgang Utsch hat sich dazu entschieden, die Sammlung den Museen der Stadt Lüdenscheid zu übergeben, damit die privaten Zeugnisse wissenschaftlich zugänglich gemacht und für die weitere Erforschung der lokalen Geschichte im Nationalsozialismus genutzt werden können.

Eine Entsorgung der Objekte kommt für ihn nicht in Frage. Vielmehr sollen sie dauerhaft bewahrt, dokumentiert und historisch aufgearbeitet werden – auch wenn es sich für Utsch dabei um seinen sehr engen Familienkreis handelt.