„Misch dich ein!“, lautet das Motto der diesjährigen internationalen „Woche gegen Rassismus“. Für Murat Isboga der perfekte Anlass, um Menschen verschiedener Kulturen an einen Tisch zu bringen. Gemeinsam mit der Awo-Migrationsberatung veranstaltete er am Dienstagabend, 21. März, in der Bar „frieda’s“ eine Gesprächsrunde, inspiriert vom „Theater der Unterdrückten“ (Das Theater der Unterdrückten ist eine interaktive Form des Theaters, das die Zuschauer aktiv einbezieht und dabei verschiedene Möglichkeiten der Lösung eines Problems „durchspielt“; Anmerkung der Redaktion).
Dass keine Gäste der Einladung gefolgt sind, bedauerte Isboga: „Ich möchte, dass Menschen Empathie mit Unterdrückten aufbauen können“, erläuterte er im Gespräch mit LokalDirekt. Dennoch arbeitete er sich mit Mitarbeitern der Awo-Migrationsberatung und Besil Alali, einem syrischen Migranten, der 2016 nach Deutschland flüchtete, durch das Skript des Theaters. Dabei kam es zum Austausch von Rassismus, kulturellen Gleich- und Ungleichheiten.

Aufgepasst: Hier kommt die Familie Öztürk
Das satirische Theaterstück erzählt die Geschichte der deutsch-türkischen Familie Öztürk. Es folgt dem launischen Familienvater Ali Öztürk und der aktivistischen Tochter Zeynep Öztürk. Mit ihren 27 Jahren hat Zeynep, ehemalige Lehramtsstudenten, die Nase voll von geschändeten muslimischen Friedhöfen, Brandanschlägen auf Moscheen und Gewalt gegen Menschen mit Migrationshintergrund. Sie wechselt in die Medien-Branche, um auf die Missstände aufmerksam zu machen – zu wenig würden sie über diese Gewaltakten berichten. Vater Ali sorgt sich um seine Tochter – schließlich könnte Zeynep für ihre Haltung von Rechtsextremisten angefeindet, sogar angegriffen werden.
In dieser Situation fand sich auch der Autor und Regisseur des Theaterstücks Murat Isboga wieder – der Charakter Zeynep wurde stark von seinem Leben inspiriert. „Familie und Freunde haben auch mir gesagt, dass ich es lieber lassen sollte. Man wüsste schließlich nicht, wer im Publikum säße und sich angegriffen fühlt. Doch ich dachte mir: Wer, wenn nicht ich?“.
Diese offene Einstellung findet sich auch in Zeynep wieder, denn sie lässt nicht locker: „Wir sollen Angst haben, über den Rassismus in den Behörden oder über Rechtsextreme in der Bundeswehr zu reden? Baba, ich bitte dich.“
Ali fürchtet eine Abschiebung: „Wir sind gute Türken!“
„Wenn wir an die Macht kommen, werden wir nicht nur jeden Flüchtling abschieben, sondern
alle Ausländer, die dem Gesetz nur annähernd in die Quere kommen. Und es spielt für uns keine
Rolle, ob es eine Schlägerei oder ein Raubüberfall ist, oder ob der Ali im Verkehr jemanden
umfährt.” Diesen deutlichen Worten eines Politikers in einer Talkshow lösen bei Ali große Panik aus. Er möchte nicht abgeschoben werden – schließlich zahlt er seit 30 Jahren Steuern, arbeitet und steht bei Fußballspielen sogar auf Deutschlands Seite. Außer sie spielen gegen die Türkei – versteht sich.
Als er dann noch versehentlich eine deutsche Frau namens Paula auf der Straße angefahren hat, die bewusstlos im Wohnzimmer der Öztürks liegt, verschlimmert sich die Situation. Ali erinnert sich an die Worte von vorhin und ist sich sicher: Er muss zurück in die Türkei. Um das zu verhindern, schmiedet er gemeinsam mit seiner Frau Halime einen Plan aus: „Wir müssen verhindern, dass dieses deutsche Mädchen eine Anzeige stellt. Wir müssen so tun, als wenn wir Deutsche sind!“. Ali verwandelt sich zu Schweinsteiger – „Ja, der Fußballer“ – und Halime zu Dörthe, „die schon immer so genannt werden wollte“. Mit blonden Perücken und typisch deutschen Sprichwörtern möchte sich das türkische Ehepaar von ihrer besten Seite zeigen.

Angst vor Abschiebungen unter Geflüchteten groß
Auch wenn das Thema Abschiebung humorvoll thematisiert wird, sieht die Realität ernster aus: „Die Menschen haben wirklich Angst, abgeschoben zu werden“, weiß Sinem Babuscu vom Awo-Jugendmigrationsdienst, die Geflüchtete zwischen 12 und 27 Jahren berät und unterstützt. Dabei sehe Babuscu täglich, wie sich die Menschen um einen Arbeits- oder Ausbildungsplatz bemühen. „Man merkt ihnen an, dass sie was auf die Beine stellen wollen“, führte sie weiter aus.
Rassismus bei den Behörden sei lange kein Einzelfall mehr – in dem Punkt waren sich alle Teilnehmer einig. „Es handelt sich um Menschen, die geflüchtet sind. Man muss mit der Sache sensibel umgehen. Und das tun Behörden leider nicht. Es sollte Workshops geben, die sich mit den Thema genauer befassen“, fordert Sinem Babuscu.
Ein Neo-Nazi und ein Türke im Gespräch
Alle mühevollen Versuche sind nutzlos. Wie sich in Akt zwei herausstellte, ist Paula eine Rechtsextremistin, die für viele rassistische Gewaltakte gegen Menschen mit Migrationshintergründen verantwortlich ist. Doch anstatt dass Ali Paula aus seinem Wohnzimmer wirft, sucht er das Gespräch mit ihr.
„Dass man mit Nazis nicht in den Dialog gehen kann, ist eine verbreitende Meinung. So auch die von Tochter Zeynep, die Paula ganz schnell aus ihrer Wohnung haben will. Ich persönlich sehe das aber anders“, findet Murat Isboga und lässt das besondere Gespräch zwischen Ali und Paula geschehen. Ali hakt nach und sucht nach den Gründen von Paulas Entwicklung in die rechte Szene. Wie das Theaterstück ausgeht und ob sich Ali und Paula auf ein friedliches Miteinander einigen können, können Interessierte bei der nächsten Aufführung am 2. April in Hagen herausfinden.
„Ich möchte niemanden beschuldigen“
Mit dem Finger auf eine Gruppe zu zeigen, ist für Murat Isboga nicht der richtige Weg, um Menschen aus verschiedenen Nationen zusammen zu bringen. „Ich möchte niemanden beschuldigen. Ich versuche immer, beide Seiten zu beleuchten. Ich spiele gerne mit der Kritik. Es geht nicht immer um den bösen Nazi, sondern auch um uns Türken. Was machen wir gegen solche Missstände, oder auch anders gefragt: Warum tun wir nichts?“. Sich untereinander kennenlernen und kulturell auszutauschen sei die Essence – das möchte Isboga mit dem Theaterstück „Mein KrAMPF“ erreichen.









