Nach vier Jahren Pandemie-Pause ließ die Volksbank das Forum-Format wieder aufleben. Diesmal, so Vorstandssprecher Roland Krebs in seiner Begrüßung, schien die Vielfalt relevanter Themen „besonders groß zu sein“.
Auf Gesellschaft und Demokratie prasselten viele Anforderungen ein. Die Vorstellung, unsere Gesellschaft sei gegen Populismus immun, müsse revidiert werden. Umfragen zeigten einen Vertrauensverlust in Politik und demokratische Institutionen. Momentaufnahme oder Krise? Darum ging es am Donnerstagabend, 26. Oktober.

„Nicht jede Veränderung ist eine Krise“
Prof. Nolte wollte „zur Differenzierung des Bildes“ beitragen und stellte gleich zu Beginn seines Vortags klar: „Das Glas wird nicht ganz leer.“ Gleichwohl vollziehe sich, seit 50 Jahren zu beobachten, ein Wandel. Aber: „Nicht alles, was sich verändert ist Krise.“
In zehn Punkten legte er seine Thesen vor, analysierte und bewertete die Entwicklung. Grundtenor: seit 50 Jahren gibt es Veränderungen weg von organisierten Verbindungen (Parteien, Vereine, Kirchen, Gewerkschaften) zur mehr Individualisierung. Hinzu kamen gesellschaftlich-kulturelle Umbrüche (Umweltschutz, Klimawandel, Ehe für alle, neue Mobilität, Digitalisierung). Diese Entwicklungen zu verarbeiten brauche Zeit. Demokratie sei daran nicht schuld, diene aber als Projektionsfläche. Aus diesen Veränderungen speise sich der Populismus. Leitvorstellungen des grenzenlosen Fortschritts und Optimismus hätten seit der ersten Ölkrise in den 1970-er Jahren Risse bekommen.

Dennoch sei die liberale Demokratie immer noch stark, so stark, dass sich „alle Systeme an ihr abarbeiten“. Der Historiker erinnerte auch daran, welche Fortschritte es in den letzten fünf Jahrzehnten gegeben habe. Frauen hätten bis 1973 keine Rolle in der Politik gespielt. Demokratie zeige sich nicht nur bei Wahlen. Bürgerinitiativen und Nichtregierungs-Organisationen (NGO) bestimmen Entscheidungen mit. Mitbestimmung gebe es inzwischen in allen gesellschaftlichen Bereichen, „Patriarchalische Krusten sind aufgebrochen“ worden. Nicht zuletzt: die Diskussion über Demokratie verschafft ihr mehr Aufmerksamkeit und schärft das Bewusstsein.
Den Besuchern gab der Historiker als „Take-Home-Point“ ein paar Leitplanken mit auf den Weg:
- mehr Gelassenheit, keine Apokalypse,
- Demokratie ist nicht an allem Schuld, sie dient oft als Projektionsfläche für andere Probleme.
- es führt kein Weg zurück,
- Gewinne der Demokratie mehr wertschätzen,
- sich organisieren gegen die Tendenz, Bindungen aufzulösen,
- Bildung und Teilhabe sind wichtig, dabei auf direkte Kommunikation (Face-to-Face) setzen statt auf mediale Kanäle,
- Mut haben, Demokratie im Alltag zu verteidigen.
Moderiert von dem Journalisten Mirko Heintz diskutierten Roland Krebs (Volksbank) Stefan Meisenberg, (Bürgermeister in Marienheide), Sven Dombrowski (Schulleiter ev. Gymnasium) und Thomas Machatzke (Redaktonsleiter LN) wo Demokratieprobleme in ihren Bereichen sichtbar werden.
Plädoyer für schnellere Entscheidungen
Stefan Meisenberg plädierte für schnellere Entscheidungen. Das bisherige System führe, vor allem bei jungen Leuten, schnell zu Frustrationen. Auf kommunaler Ebene sollte das Wahlalter gesenkt werden. Selbst aktiv würden Bürgerinnen und Bürger auch auf kommunaler Ebene nur, „wenn man direkt betroffen ist“.

Sven Dombrowski sah es als Problem, dass junge Leute kaum noch Fernsehen gucken. Informationslevel driften auseinander. Gleichwohl seien Schüler sehr engagiert und wollten mitreden. Er wehrte sich dagegen, alles, auch den Einsatz für Demokratie, den Schulen aufzubürden.
Thomas Machatzke sah die Medien in der Pflicht, Entwicklungen kritisch zu beobachten.
Angesichts der schwierigen Lage (gesperrte A 45, fehlende Bahnverbindungen) sah Roland Krebs den engen Schulterschluss zwischen Wirtschaft und Politik positiv.
Und auch mit unseren Eliten, vielfach kritisiert, können wir zufrieden sein, so das Fazit des Historikers Prof. Nolte. Sie rekrutiere sich aus allen Schichten und sei nicht so elitär wie in den USA oder einigen Nachbarländern. Klar wurde in fast zweieinhalb Stunden, in denen das Publikum zum Schluss eingebunden wurde, auch: „Demokratie ohne bürgerschaftliches Engagement funktioniert nicht.“
Kommentar von Rüdiger Kahlke
Nach Digitalisierung und Klimawandel jetzt die Krise der Demokratie. Damit hat die Volksbank nach der Corona-Zwangspause mit ihrem Forum wieder ein Mega-Thema aufgegriffen, einen interessanten Beitrag zum gesellschaftlichen Diskurs geleistet. Mit Paul Nolte, Professor für Zeitgeschichte in Berlin, hatte sie einen Referenten eingeladen, der Skepsis und Nörgelei mit erfrischender Sachlichkeit und praktikablen Rezepten begegnete.
Mehr miteinander reden, statt in Internet-Kanälen übereinander herzufallen. Das VB-Forum ist dafür ein gutes Beispiel. Sich die Vorteile der Demokratie zu vergegenwärtigen und sie zu vertreten auch.
Nolte verwies auf die Fortschritte bei der Gleichberechtigung und der Rolle der Frauen. Auf dem Podium saßen sechs Männer. Da ist noch Luft nach oben. Vielleicht beim nächsten Volksbank-Forum?









