Am Mittwoch, 4. Dezember, gaben sich die Zeugen die Klinke des Schwurgerichtssaal nur so in die Hand. Am Ende ergab sich das Bild eines schwer depressiven und ausgebrannten Angeklagten, der, laut seiner Therapeutin, von verschiedenen Faktoren in seinem Leben schwer belastet war.
„Es gab immer wieder neue Rückschläge“
Nach einem Klinikaufenthalt übernahm die Psychotherapeutin im März 2023 die Anschlussbehandlung des Angeklagten – wegen Depressionen und Burn-Out, wie sie ausführte. Ein Alkoholproblem sei ihr nur aus den Berichten der Klinik bekannt.
„Er hat eine lange Leidensgeschichte hinter sich“, erklärte sie gegenüber dem Gericht. In der Vergangenheit hätten ihm der Verlust der Eltern, schwere Erkrankungen und ein Erbstreit mit seinen Geschwistern stark zugesetzt. Außerdem seien die Alltagsbelastungen zu hoch gewesen: „Er war jeden Tag berufsbedingt 12 Stunden unterwegs und hat danach noch den Hof unterhalten. Seine Frau hat zusätzlichen Druck auf ihn ausgeübt, Wertschätzung hat er weder vom Arbeitgeber noch von ihr erfahren.“ Laut ihrer Aussage gab es Pläne, den Hof um die Halle, die der Angeklagte als Werkstatt nutzte, zu verkleinern.
Eine Perspektive für ihren Patienten ergab sich auch im Rahmen der Behandlung nicht: „Es gab immer wieder neue Rückschläge.“ Auf Nachfrage der Richterin gab sie an, dass sie die vom Angeklagten geschilderten Differenzen nicht als „unübliche“ Eheprobleme einordnete.
Der Angeklagte war von März 2023 bis April dieses Jahres bei ihr in Behandlung. Eine geplante Reha, von der sie sich eine Stabilisierung erhoffte, verschob sich wegen einer geplanten Operation am Knie des Halveraners. Im April dieses Jahres brach der Kontakt zu ihrem Patienten ab: „Ich habe ihn seit acht Monaten nicht gesehen. Bis ich hörte, dass er im Affekt seine Ehefrau erwürgt haben soll.“
Ebenfalls geladene Zeugen aus dem Bekanntenkreis des Angeklagten beschrieben die Ehe hingegen als „harmonisch.“ Von Differenzen oder gar einem Alkoholproblem sei nie die Rede gewesen.
„Ich habe ihn so noch nie erlebt“
Verhört wurden auch zwei Freunde von dem Sohn des Angeklagten. Beide gaben an, sich am Abend vor der Tat bis ungefähr 23 Uhr auf und in der Nähe des Hofes aufgehalten zu haben. Beide konnten bestätigen, dass der Angeklagte bereits gegen 20.30 Uhr stark angetrunken war. Zu diesem Zeitpunkt habe er sich unter anderem bei ihnen darüber beklagt, dass seine Frau ihm seine Freunde nicht ließe. Einer der Freunde schätzte, dass der Angeklagte bereits in diesem Moment nicht mehr fahrtüchtig gewesen sei – „schon mal gar nicht, wenn er danach noch weitergetrunken hat.“ Beide Zeugen gaben an, nach einem gemeinsamen Abendessen auf der Wiese gegenüber des Hauses den Hof gegen 23 Uhr verlassen zu haben.
In den folgenden Tagen hörten sie nichts vom Sohn des Beklagten – bis zum 31. Mai, dem Tag der Vermisstenanzeige. Mittags, gab einer der Freunde an, sei er noch auf dem Hof gewesen, um einen Kasten Bier als Dank für die Autoreparatur vorbeizubringen. Der Sohn des Angeklagten sei da noch unbeschwert gewesen und habe sich auf den gemeinsamen Abend auf der Kirmes gefreut. Am Nachmittag erreichte die beiden Zeugen dann eine Nachricht, dass er sich aufgrund eines „familiären Problems“ verspäte. Als sie ihn schließlich gegen 21.30 Uhr auf der Kirmes trafen, habe er erzählt, dass die Polizei eine Frauenleiche gefunden habe, die seiner Mutter ähnele: „Er wirkte, als ob er da noch einen Funken Hoffnung hatte.“ Am Mittag des nächsten Tages habe einer der Zeugen den Sohn des Angeklagten dann von zu Hause abgeholt, und ihm die Öffentlichkeitsfahndung gezeigt. Darauf sei der Sohn des Beklagten sehr bestürzt gewesen: „Ich habe ihn so noch nie erlebt.“ Der Zeuge hatte den Eindruck, dass der Sohn die Fahndung in diesem Moment zum ersten Mal sah.
Bis heute, gaben die Zeugen an, hält sich der Sohn zurück mit Erzählungen rund um den Tod seiner Mutter.
Der Prozess wird am Montag, 9. Dezember, fortgesetzt.
Berichte über die ersten beiden Verhandlungstage:
Prozessauftakt: 56 Jahre alter Halveraner wegen Totschlags vor Gericht | LokalDirekt
Totschlag-Prozess: widersprüchliche Aussagen von Sohn und Tochter | LokalDirekt










