Regen ist bei den Kinder nämlich keineswegs unbeliebt. „Dann ist der Matschberg toll“, erzählt Marlene. Manchmal, sagt die Fünfjährige, sei sie so dreckig, dass sie eine Gießkannen-Dusche braucht, bevor es nach Hause geht. Ihre Freundin Marla erklärt, was es damit auf sich hat: „Wer so dreckig ist, dass der Schlamm richtig tropft, wird mit einer Gießkanne abgeduscht. Dann kann es weiter gehen.“ Matsch ist im Kindergarten kein Thema. Frei nach dem Motto „Es gibt kein schlechtes Wetter, nur schlechte Kleidung“ dürfen die Kinder nach Herzenslust im Matsch buddeln, Matschepampe kochen und riesige Baustellen eröffnen.
„Der Alltag im Waldkindergarten ist bestimmt von der Natur und den Jahreszeiten. Unsere Arbeit beruht auf der ganzheitlichen Waldkindergartenpädagogik. So ermöglichen wir unseren Kindern intensive Lern- und Sinneserfahrungen in der Natur. Das heißt aber nicht, dass wir keine festen Strukturen haben“, erklärt Kindergartenleiterin Marina Hoheisel. Die Kinder kommen zwischen 7 und 8.45 Uhr. „Dann müssen wir erstmal alle in den Waschraum. Pipi machen und Hände waschen“, erzählt Max. Der Toilettengang ist klar geregelt. „Wenn man sieht, was die Kinder gerade alles an haben, weiß man, dass das ein längeres Unterfangen ist. Es muss also fest eingeplant sein. Natürlich kann, wer muss, auch zwischendurch gehen. Aber so bündeln wir das einfach etwas“, erklärt Hoheisel.
Marlene berichtet derweil, was sie alles an hat: „Also: Unterhose, Leggings, Kuschelhose, Unterhemd, Pullover, Fleecejacke, Matschanzug, Gummistiefel, Socken und Wollsocken – und natürlich eine Mütze, einen Regenhut und Matschhandschuhe.“ Die richtige Kleidung sei extrem wichtig, betont Marina Hoheisel. Denn ein ganzer Vormittag im Regen sei lang. Die Kinder spielen mit Wasser und sitzen auf dem Boden. „So wie die Kinder angezogen sind, können sie bei dem Wetter auch richtig Spaß haben“, sagt Hoheisel.

Bis zum Morgenkreis wird rund um das Haus gespielt. „Natürlich gibt es auch bei uns gezielte pädagogische Angebote. Es wird gebastelt und gewerkelt. Wir sind auch nicht spielzeugfrei. Also das unterscheidet sich eigentlich nicht vom Regelkindergarten – es ist einfach nur draußen“, erklärt Marina Hoheisel.
„Aufräumen!“ heißt es um kurz vor 9 Uhr. Dann steht der Morgenkreis an. „Wir haben immer einen Themenschwerpunkt. In der letzten Zeit dreht sich hier alles um Bienen. Das wird ja auch das Thema unseres Jubiläumsfests am Sonntag“, berichtet Hoheisel. „Ich weiß, dass Bienen ganz wichtig sind“, sagt Paul. Der Vierjährige ist in den vergangenen Tagen zu einem echten Bienen-Experten geworden. Und auch Marla hat etwas gelernt: „Gestern ging es darum, dass Bienen gar nicht gut sehen können. Dafür können sie gut riechen und fühlen.“ Im heutigen Morgenkreis geht es um das Leben einer Arbeiterbiene. Erzieherin Miriam Kollar erklärt das kurze Leben: von der Putzbiene über die Ammenbiene und Baubiene bis hin zur Wächterin und Sammelbiene. Gespannt hören die Waldkindergartenkinder zu. Und schnell enstehen echte Fachsimpeleien unter den Kindern. „Weißt du, was ich noch weiß“, fragt Marlene. „Die Biene Maya ist gar keine richtige Biene. Die hat nur zwei Beine und zwei Arme und keinen Stachel. Echte Bienen sehen ganz anders aus.“ Wie, das erklärt Marla: „Die haben sechs Beine und sind schwarz-gelb. Sie sind aber nicht so gelb wie die Biene Maya.“
Dann wird es langsam Zeit für das Frühstück und es geht mit dem Bollerwagen und den Rucksäcken in den Wald. Auf dem Weg machen die Kinder viele interessante Beobachtungen. Kleine Tiere, Pflanzen oder besondere Wurzeln – alles findet Beachtung. An den „Wartestationen“ lädt der Weg zum kurzen Spiel oder zu manch einem Gespräch ein, bis auch das letzte Kind eingetroffen ist. „Hier gibt es keine Zäune oder Absperrungen. Dafür Zwillingsbirken und Ilex“, berichtet Marina Hoheisel lachend. Die Kinder kennen ihre Grenzen, in denen sie sich frei bewegen können, ganz genau.

Am „Frühstücksnest“ angekommen, sucht sich jeder mit seiner Sitzmatte ein gemütliches Plätzchen
im Kreis. Natürlich ist das Händewaschen ein fester Bestandteil vor dem Essen, genauso wie das Frühstückslied. Beim Essen wird eine Geschichte vorgelesen. Dann wird in gemeinsamer Runde genüsslich und in Ruhe gegessen und getrunken.
Wer fertig ist, kann in der Nähe spielen. „Wenn das Wetter ganz extrem ist oder es sehr kalt ist, verlegen wir das Frühstück auch schonmal ins Haus. Lange stillsitzen in der Kälte ist gerade für die kleinen Kinder kaum machbar, sie kühlen sofort aus“, erklärt die Leiterin.

Das Freispiel im Waldgelände wird je nach Situation mit Impulsen und Angeboten ergänzt. Während
einige Kinder schon eifrig am Bau einer Hütte beteiligt sind, ruht manch anderer sich noch ein
Weilchen in der Hängematte aus. Mit Lupe und Lexikon gehen kleine Waldforscher auf spannende
Entdeckungsreisen, vorbei an der Kuhle, in der gerade leckere Brötchen aus Lehm geformt werden.
Nach dem Rückweg ist die Kindergruppe müde, aber zufrieden um 12.30 Uhr wieder am
Waldkindergartenplatz angekommen und beendet mit einem gemeinsamen Abschlusskreis den
Vormittag. Die ersten Eltern nehmen ihre Kinder in Empfang, die anderen Kinder können in der
Abholzeit noch am Waldkindergarten spielen oder helfen den Erzieherinnen beim Aufräumen. Die Kinder, die bis 14 Uhr im Kindergarten bleiben, machen es sich zum Mittagessen bequem. „Kochen ist hier natürlich nicht möglich. Daher bringen die Kinder selbst ihr Essen mit. Meist im Henkelmann – so wie man es von früher noch kennt. Manche essen auch Müsli oder Brot. Da gibt es in den Familien Zuhause dann eine warme Mahlzeit. Das macht jeder, wie er möchte“, berichtet Hoheisel.

Themenwoche Waldkindergarten
Der Waldkindergarten Wiblingwerde feiert sein 25-jähriges Bestehen. Am Sonntag, 7. Mai, gibt es ein großes Familienfest mit einem Tag der offenen Tür. Doch was macht diesen Kindergarten eigentlich besonders und sind die Kinder wirklich Wind und Wetter ausgesetzt? LokalDirekt widmet sich mit einer Themenwoche diesen und weiteren Fragen rund um das waldpädagogische Konzept und die Einrichtung in Wiblingwerde. Um den Wald als Arbeitsplatz geht es am morgigen Mittwoch. Donnerstag folgt ein Blick über den Tellerrand. Das Wiblingwerder Modell hat Kreise gezogen und war Vorbild für immer mehr Waldkindergärten in der Region. Um das Konzept Elterninitiative im Wandel der Zeit und Gesellschaft geht es am Freitag. Der Samstag ist den kritischen Fragen gewidmet und zum Abschluss besuchen wir das große Jubiläumsfest.










