Ist Facebook der neue Stammtisch? Am Stammtisch, wie man ihn vielleicht früher aus der Kneipe kannte, wurden alle Meinungen geteilt. Da wurde diskutiert und debattiert. Da war es nicht schlimm, wenn die Wahrheit nicht ganz getroffen wurde. Jeder durfte sagen, was er denkt. Man war ja unter sich. Heute geschieht das auf Facebook. Der Unterschied: Alle lesen mit.
Der Ton ist oft rau. Gerade Politik und Verwaltung werden in den heimischen Facebook-Gruppen oft angegriffen. Insbesondere, wenn es um die Lennebrücke geht. Doch, was ist dran an den Vorwürfen? Vielleicht sind nicht alle völlig unberechtigt? Und wie fühlt es sich an, immer und immer wieder öffentlich angegriffen zu werden? Fragen, denen wir am heutigen Samstag auf den Grund gehen werden.
„Am Anfang geht einem das schon an die Nieren. Man muss sagen, die Leute, die da ständig Kritik üben, sind oft die selben. Es wäre schön, wenn die Kritiker mir mal eine E-Mail schreiben, mich anrufen oder einfach mal im Amtshaus vorbei kommen würden“, sagt beispielsweise Bürgermeisterin Birgit Tupat. Manchen Kritikern fehle das Hintergrund-Wissen. Dadurch sei für sie nicht klar, warum welche Entscheidungen getroffen wurden und warum manche Projekte scheinbar einfach nicht voran schreiten. „Ich glaube, in dem Moment, wo einfach alles an mir abprallt, wäre es Zeit den Posten an den Nagel zu hängen. Aber ich habe sicherlich ein deutlich dickeres Fell bekommen und differenziere auch. Nicht alles kann ich ernst nehmen“, sagt die Bürgermeisterin.
Neben Nachrodt-Wiblingwerdern ohne politisches Amt meldete sich jüngst auch Susanne Jacoby, Beisitzerin der SPD, in einem Kommentar zu Wort. „Nur aus dem Fenster gucken reicht nicht, Frau Bürgermeisterin“, schrieb sie unter einen Post. Und entfachte so eine kleine Diskussion mit einer weiteren Nutzerin. „Sie tut einfach zu wenig.“ Schrieb sie später. Fraktionsvorsitzender Gerd Schröder betonte auf Nachfrage, dass diese Aussage eine rein private Meinung von Jacoby sei. „Ja, das ist Polemik“, sagte Schröder. Grundsätzlich gebe es bei der SPD keine Richtlinien, zum Verhalten auf Facebook. „Es gibt die Regel, dass wir keine Leserbriefe schreiben. Das hat sich durch soziale Medien jedoch überholt. Und Facebook-Kommentare sind ja ja vergleichbar“, erklärte Schröder. Natürlich dürfe jedes Partei- und Fraktionsmitglied posten, aber dann handele es sich in der Regel um reine Privataussagen.
Er selbst habe sich einst bei Facebook angemeldet, um Kontakt mit der amerikanischen Verwandtschaft zu halten. „Inzwischen gucke ich sehr selten rein. Und ich kommentiere eigentlich nichts. Also in den vergangenen zwei, drei Jahren waren ich gar nicht aktiv“, erklärt Schröder.
Sonja Hammerschmidt, Vorsitzende der UWG, ist da schon deutlich aktiver. „Wir als Partei nutzen die sozialen Medien natürlich – insbesondere Facebook. Aber nur um Sachen bekannt zu machen“, sagt Hammerschmidt. So würden unter anderem Presseartikel geteilt und verlinkt. „Wie werden aber den Teufel tun, irgendwo Kommentare zu schreiben. Auch, wenn es oft in den Fingern juckt“, erklärt die Vorsitzende. Jedoch sei das nicht das Medium, um zu diskutieren. Hammerschmidt: „Ein Kommentar ruft einen anderen Kommentar hervor.“
Gehe es auf Facebook um Kritik an der Politik, stehe sie persönlich in der Regel darüber. „Man weiß ja, dass es nicht stimmt. Ganz anders wäre es, wenn ich als Person angegriffen würde. Dann würde ich nicht mehr darüber stehen“, sagt Hammerschmidt.
Ein deutlich dickeres Fell hat Ordnungsamtsleiter Sebastian Putz. „Tatsächlich trifft mich Kritik am Ordnungsamt oder an der Verwaltung nicht. Ich weiß ja, dass nicht ich als Person gemeint bin, sondern mein Amt“, erklärt Putz. Zudem seien es immer die gleichen fünf bis sechs Facebook-Nutzer, die in den lokalen Gruppen für schlechte Stimmung sorgen. „Das Problem ist, dass die Leute zu vielen Vorgängen zu wenig Informationen haben. Sie schnappen irgendwo etwas auf und bilden sich daraus eine eigene Meinung“, sagt der Ordnungsamtsleiter. Er würde sich wünschen, persönlich mehr kontaktiert zu werden: „Wer auf Facebook böse Kommentare schreiben kann, der kann auch E-Mails schreiben und nachfragen. Anrufen geht natürlich auch.“
Der fraktionslose Ratsherr Aykut Aggül sieht das ähnlich. „Leider sind die Menschen, die Hetze im Netz verbreiten, oft nicht in der Lage, einen selbst anzusprechen. Aber wir leben – zum Glück – in einer Demokratie und da gibt es eine freie Meinungsäußerung, die wir akzeptieren müssen.“ Wer im öffentlichen Leben stehe, müsse damit umgehen können. Konfrontationen gehörten zum Amt. „Ich glaube, wirklich gefährlich sind eher die Leute, die gar nichts sagen.“ Er selbst nutze die sozialen Medien, auch, um die Bürger zu informieren und in Prozesses einzubinden.
Im Lauf des Tages werden sich Birgit Tupat, Sonja Hammerschmidt, Gerd Schröder, Aykut Aggül und Sebastian Putz in Interviews den provokanten Aussagen aus dem Netz stellen, und Rede und Antwort stehen.










