Jugendliche, die ein einsames Haus als Rückzugsort für sich entdecken. Ein Kind, das früher im Sportverein war, das soziale Kontakte hatte. Jetzt hat es sich zurückgezogen – in eine abgedunkelte Welt hinter dicht schließenden Rollladen. Einziger Lichtblick: sein PC. Ein leeres Einkaufscenter als neuer Treffpunkt. – Eine Utopie, wie Leerstände in den Kommunen genutzt werden könnten. Tobias Siebert, Regionsschreiber für Südwestfalen, hat Freizeitmöglichkeiten für junge Leute in der Provinz in den Fokus genommen.
Das „Wo“ ist für ihn unbedeutend. Entscheidend für seine Texte ist die Umgebung. Wichtiger sind ihm Atmosphäre und Eindrücke, „als dass sie in einem fest verortbaren Raum spielen.“ In den vier Monaten als Regionsschreiber für Südwestfalen wollte er ausloten, „welche Chancen gibt es oder nicht“, wollte erkunden, „wie sich digitales Leben auf dem Land verändert“. Was machen junge Menschen an Lenne, Volme oder im Wittgensteiner Land, wenn sie nicht in die Stadt fahren können, nicht die vielen Optionen haben wie die, die in den Städten leben?

Suche nach Besonderheiten
Mit dem 2017 gestarteten Projekt „stadt.land.text“ der NRW-Kulturregionen sollen Regionsschreiber Eindrücke zu Alltag und kultureller Vielfalt in Nordrhein-Westfalen nachspüren. Alle zwei Jahre können sich Autoren in den zehn Kulturregionen für vier Monate auf die Suche nach den Besonderheiten der jeweiligen Region machen. Die Kulturregion Südwestfalen, für die Tobias Siebert unterwegs ist, umfasst die Stadt Hagen, den Märkischen Kreis sowie die Kreise Olpe und Siegen-Wittgenstein. Die Beiträge werden auf dem Blog veröffentlicht. Tobias Siebert zog den ländlichen Raum vor. Er wollte sehen, welche Bedeutung hier größeren Städten zukommt. Seine Sicht hat er in drei Blogs veröffentlicht.
Überrascht haben ihn die vielen Leerstände. Dunkles Szenario schon im ersten Blog „Traum von einem leeren Objekt“. Ein Einkaufszentrum in Altena, einst Symbol des Fortschritts, ist verwaist: Leerstand und Leere. „Der Text spinnt eine Utopie, was man mit Leerstand machen kann“, sagt er. Einerseits platzten Städte aus allen Nähten, hier, in der Provinz, gebe es ungenutzte Möglichkeiten.
Widersprüche und Schattenseiten
Noch bis Ende Juni ist der junge Literat zwischen Hagen und Siegen unterwegs, spürt Trends nach. Für den Leipziger, der zehn Jahre lang in großen Städten gewohnt hat, ist das Sauerland eine neue Erfahrung. „Morgens rausgehen und gleich im Wald zu sein, ist für konzentriertes Arbeiten schön“, schätzt er die Region.
Mit nur mit zwei Koffern ist er ins Sauerland gekommen. Das wirkt cooler, distanzierter, anders als bei seiner Vorgängerin Dr. Barbara Peveling. Sie knüpfte als Regionsschreiberin 2020 „mit dem Wald und den Wiesen“ an glückliche Kindheitserinnerungen an, wollte ihren Kindern ihren Sommer, „so wie ich ihn schon immer kenne“, näher bringen. Das war die idyllische Seite des Sauerlands.
Tobias Siebert hat eher die Widersprüche und Schattenseiten unserer Zeit im Fokus, die durch die Sperrung der A45 und den drastischen Arbeitsplatzabbau bei Kostal noch verschärft werden. Das ist nicht schön, aber Realität. Dennoch: „Zum Wandern würde ich auf jeden Fall wiederkommen“, hat die Region auch bei ihrem aktuellen Schreiber Spuren hinterlassen. Und die Menschen? Da hat er festgestellt, gibt es „keinen großen Unterschied zu Menschen in anderen Regionen“. Für Sauerländer mag das beruhigend klingen, „normal“ zu sein.
INFO
- Gefördert durch das Land NRW sind zehn Regionsschreiber in den NRW-Kulturregionen unterwegs.
- Die Erkundung ländlich geprägter Gegenden ist ausdrücklich erwünscht. Ihre Ergebnisse präsentieren die Autorinnen und Autoren auf dem stadt.land.text-Blog, in den sozialen Medien und bei Lesungen an verschiedenen Orten in den Kulturregionen.
- Links zu den Blogs: https://stadt-land-text.de/residentinnen/residentinnen-2022 oder https://www.kulturregion-swf.de/stadtlandtext








