Kommentar.
Schwere Verkehrsunfälle, an denen ältere Autofahrer beteiligt sind, werfen immer wieder Fragen nach deren Fahrtüchtigkeit auf. Bei aller Anteilnahme für die Verletzten und ihre Angehörigen darf dabei nicht vergessen werden, dass sich aus einzelnen Unfällen keine pauschalen Schlüsse über ältere Menschen am Steuer ziehen lassen. Dennoch ist die grundsätzliche Frage berechtigt: Warum wird die Fahrtüchtigkeit nicht regelmäßig überprüft, wenn körperliche und geistige Fähigkeiten mit zunehmendem Alter nachlassen können?
Selbstreflexion statt Selbstüberschätzung
Der damals 90-jährige Friedhelm Wilhelm Mertens hat vor über einem Jahr vorgemacht, wie es gehen kann. Nach 70 Jahren im Straßenverkehr gab er schweren Herzens seinen Führerschein ab – LokalDirekt berichtete. Es war ein Schritt, der Größe bewiesen hat und Respekt verdient. Denn es erfordert Ehrlichkeit und Selbstreflexion, sich einzugestehen, dass die eigene Fahrtüchtigkeit möglicherweise nachgelassen hat. Schließlich geht es dabei nicht nur um die eigene Sicherheit, sondern auch um die der anderen Verkehrsteilnehmer – und im schlimmsten Fall um Menschenleben.
Zwei Jahre Probezeit - und dann ein Leben lang freie Fahrt?
Ob Fahranfänger häufiger Unfälle verursachen als Senioren, lässt sich nicht pauschal beantworten. Doch darum geht es auch gar nicht. Dass Fahranfänger besonderen Regeln unterliegen, schließt regelmäßige Fahrtauglichkeitsprüfungen für ältere Menschen keineswegs aus. Wenn wir bei jungen Autofahrern zusätzliche Maßnahmen für mehr Sicherheit vorsehen, warum sollten wir dann nicht auch bei Senioren genauer hinschauen?
Fahranfänger müssen sich nach bestandener Führerscheinprüfung erst einmal bewähren. Zwei Jahre Probezeit, absolutes Alkoholverbot und zusätzliche Konsequenzen bei bestimmten Verstößen sollen für mehr Sicherheit im Straßenverkehr sorgen. Für Senioren gelten solche Sonderregeln nicht. Doch warum eigentlich?
Mit zunehmendem Alter können sich Sehkraft, Hörvermögen und Reaktionsgeschwindigkeit verändern. Auch Erkrankungen oder Medikamente können die Fahrtüchtigkeit beeinflussen. Das betrifft jedoch nicht alle Menschen gleichermaßen. Entscheidend sollte deshalb nicht allein das Lebensalter sein, sondern die tatsächliche Fähigkeit, sicher am Straßenverkehr teilzunehmen.
Die bestehenden Regeln für Fahranfänger sollen keineswegs infrage gestellt oder gar abgeschafft werden. Ebenso wenig betreffen diese Einschränkungen jeden älteren Menschen gleichermaßen. Sie zeigen aber, dass die Fahrtüchtigkeit nicht selbstverständlich ein Leben lang erhalten bleibt – und regelmäßig überprüft werden sollte.
Denkbar wären regelmäßige Überprüfungen in festgelegten Abständen, deren Häufigkeit mit zunehmendem Alter steigt. Entscheidend sollte dabei jedoch nicht das Alter allein sein, sondern eine objektive Einschätzung der individuellen Fahrtüchtigkeit.
Auch Ärzte sollten mögliche Einschränkungen der Fahrtüchtigkeit offen ansprechen und ihre Patienten bei Bedarf zu einer weiteren Abklärung ermutigen.
Der Führerschein bedeutet Freiheit – aber auch Verantwortung
Dass der Prozess, sich zur Abgabe des Führerscheins durchzuringen, lange dauern kann, kann ich mir gut vorstellen. Die eigene Freiheit und Mobilität aufzugeben und sich einzugestehen, nicht mehr sicher am Straßenverkehr teilnehmen zu können, muss schwerfallen. Gerade auf dem Land sind viele Menschen auf flexible Mobilität angewiesen. Sie möchten unabhängig bleiben, Angehörige nicht ständig um Fahrdienste bitten müssen und zusätzliche Kosten für Taxis oder andere Fahrmöglichkeiten vermeiden.
Bürgerbusse, Linienverbindungen, ehrenamtliche Fahrdienste und Taxis können helfen, ersetzen die individuelle Mobilität aber nicht überall und jederzeit. Für alle, die entweder freiwillig oder nach einer Fahrtauglichkeitsprüfung ihren Führerschein abgeben, sollte es daher auch ausreichend alternative Möglichkeiten geben, wie sie ihren Alltag ohne Auto bewältigen können.
Es zeigt sich also: Den Führerschein abzugeben, ist möglich – und kann ein verantwortungsvoller Schritt sein. Dabei sollte niemand gezwungen werden, ab einem bestimmten Alter auf das Autofahren zu verzichten. Vielmehr geht es darum, durch regelmäßige Fahrtauglichkeitsüberprüfungen sicherzustellen, dass Senioren weiterhin in der Lage sind, ein Fahrzeug sicher im Straßenverkehr zu führen. Denn am Ende geht es nicht darum, jemandem die Freiheit zu nehmen. Es geht darum, die Sicherheit aller Verkehrsteilnehmer zu gewährleisten. Und im Zweifel kann eine solche Überprüfung Leben retten.
Der Kommentar stellt die persönliche Einschätzung des Autors dar.
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