„160 Arbeitsplätze in Gefahr.“ Diese Botschaft prangt in großen Lettern auf einem roten Banner an einer Bahnunterführung auf dem Weg zum Dahlerbrücker Werk des finnischen Stahlherstellers Outokumpu. Direkt neben der Tür zum Empfang befindet sich das Betriebsratsbüro. „Wer kämpft, kann verlieren, wer nicht kämpft, hat schon verloren“, zitiert Torsten Kasubke, Erster Bevollmächtigter der IG Metall, den Lyriker Bertolt Brecht. Sein Ziel sei es, den Betrieb in Dahlerbrück aufrechtzuerhalten. Es ist ein Treffen von Betriebsratsmitgliedern, Gewerkschaftern und Beratern.
Vor wenigen Wochen kündigte der Stahlkonzern an, den Standort an der Volme bis Ende 2024 schließen zu wollen. „Dieses vergiftete Weihnachtsgeschenk liegt den Kolleginnen und Kollegen schwer im Magen. Sie wissen nicht, wie es für sie weitergehen wird. Der Arbeitgeber muss mehr Klarheit verschaffen“, fordert Torsten Kasubke, Erster Bevollmächtigter der IG Metall. Die Belegschaft hat in den vergangenen zehn Jahren mehrere Umstrukturierungsmaßnahmen durchlaufen, was zu einem dreistelligen Personalabbau geführt hat.
„Die Beschäftigten haben auch während der Hochwasserkatastrophe, der Corona-Pandemie und zu jeder anderen Gelegenheit bewiesen, dass sie zum Standort und zum Arbeitgeber stehen. Vor diesem Hintergrund ist es unverständlich, dass der Konzern so vorgeht. Wo ist der Dank dafür?“, fragt Kasubke. Aktuell gebe es eine „konjunkturelle Delle“ – das sei volkswirtschaftlich völlig normal – nach Höhen kämen Tiefen. Seit November 2022 befindet sich der Betrieb in Kurzarbeit – auf einen Monat Produktion folgt immer im Wechsel ein Monat Produktionsschließung, um auch Energie einzusparen. Die Kurzarbeit entspricht etwa 50 Prozent in der Produktion, was finanzielle Einschnitte für die Mitarbeiter bedeutet. „Das haben wir mitgetragen, um Arbeitsplätze zu erhalten“, sagt der Betriebsratsvorsitzende Siegfried Kwapich. Die geplante vollständige Schließung des Werks in Dahlerbrück durch das Unternehmen sorgt nun beim Betriebsrat für Unverständnis.
In Dahlerbrück werden Teile für die Automobilindustrie, für Haushaltsgeräte wie Waschmaschinen und viele weitere Einzelteile für den Alltag produziert. Angesichts „der guten Wirtschaftslage des Konzerns“ vermutet Kasubke, dass die Schließung andere Gründe hat. „In diesen Tagen wirkt es attraktiv, in Deutschland Standorte zu schließen. Auf so etwas reagiert der Kapitalmarkt positiv und verspricht schnelle Rendite. Wir werden in den kommenden Verhandlungen dafür sorgen, dass auch die Beschäftigten mit ihren Familien ein Gesicht bekommen und nicht nur der schnelle Euro an der Börse.“
„Salami-Taktik“ und „Show-Nummer“
Betriebsrat und Gewerkschafter sprechen von einer „Salami-Taktik“ und einer „Show-Nummer“ in Bezug auf das Angebot des Konzerns, einen Teilbereich der Fertigung – inklusive der 50 Mitarbeiter – nach Dillenburg zu verlegen. „Das sind keine Homeoffice-Jobs, wo man zwei Tage nur ins Werk muss. Das sind Produktionsjobs“, sagt der Arbeitsrechtler Jörg Towara. Für die wenigsten Mitarbeiter wäre ein Umzug oder die tägliche Fahrt von insgesamt rund drei Stunden – und das im Dreischicht-Betrieb – zumutbar. Der Kölner Rechtsanwalt soll den Betriebsrat juristisch begleiten.
Außerdem soll das Unternehmen PCG – Project Consult aus Essen durch den Gesamtbetriebsrat beauftragt werden. PCG-Geschäftsführer Kay Kürschner erklärt seine Aufgaben wie folgt: „Wir müssen uns einen Überblick über die Situation verschaffen. Dazu brauchen wir viel Material vonseiten des Arbeitgebers. Nur mit diesen Informationen können wir auf Augenhöhe sprechen.“ Konkret gehe es darum, die Zahlen und die Ist-Situation zu analysieren und dann Vorschläge zu unterbreiten. Es gehe darum, ein Alternativkonzept aufzuzeigen. Kürschner sagt: „Können neue Märkte erschlossen werden, neue Einsatzgebiete für Produkte gefunden werden oder können Prozesse verändert werden? Diese und weitere Fragen müssen wir stellen.“ Vielleicht könne auch die Situation überbrückt werden, bis die „Wirtschaft wieder anspringt“, wie es Torsten Kasubke formuliert.
„Wir als Betriebsrat sind bereit, viele Dinge mitzutragen – wir wollen, dass der Standort erhalten bleibt“, betont Betriebsratsvorsitzender Siegfried Kwapich. Derweil lässt die Geschäftsführung durch einen Angestellten ausrichten, dass Fotos auf dem Werkgelände nicht erlaubt sind – auch im Besucherbereich nicht. Der Betriebsrat, die Gewerkschafter und die Berater stehen nun im Regen. Das Gruppenfoto wird vor der Betriebseinfahrt aufgenommen – noch ist das Tor geöffnet.










