"Eine Gemeinde lebt nicht von Gebäuden, sie lebt von Menschen." Diese Aussage soll Mut für die Zukunft machen, denn in Kierspe wird es bald nur noch eine evangelische Kirche geben. Das Presbyterium hat nach einem langen und intensiven Entscheidungsprozess seine Wahl getroffen und das Ergebnis den Gemeindegliedern im Rahmen einer Gemeindeversammlung am Dienstag, 7. Juli, mitgeteilt.
Viele Gemeindeglieder kamen zur Verkündung der Entscheidung
Schon eine halbe Stunde vor Beginn der Versammlung füllten sich die Bänke der Margaretenkirche mit Gemeindegliedern, die gespannt auf die Entscheidung warteten, welche der drei Kiersper Kirchen bleiben wird. Auch wenn viele Besucher schon vorher ahnten, welches Gotteshaus es treffen würde, hofften andere noch darauf, dass "ihre" Kirche bleiben darf.
Gemeinsam erläuterten Pfarrer George Freiwat und die Presbyterinnen Anja Rentrop, Birgit Ijewski und Brigitte Denda der versammelten Gemeinde die Gründe für die getroffene Entscheidung. Sehr anschaulich beschrieb Pfarrer Freiwat dabei die Suche nach der besten Lösung: "Unsere Reise war wie eine Fahrt durch den Nebel. Man wusste nicht wo es hingeht. Es gab viele Meinungen, aber wir mussten einen gemeinsamen Weg finden. Wir bleiben aber nicht im Nebel stecken, sondern wir sind sicher, da kommt noch was. Schmerzhaftes aber auch Schönes."
Verkauf reicht nicht um das Haushaltsdefizit auszugleichen
Finanzkirchmeisterin Brigitte Denda brachte die Entscheidung auf den Punkt: "Wir können die Augen nicht vor der Realität verschließen. Nach sorgfältigem Abwägen sind wir mit großer Mehrheit zu einer Entscheidung gekommen. Sie ist schmerzhaft und sie ist uns schwergefallen. Vor allem weil sie nicht ausreicht, das Haushaltsdefizit komplett auszugleichen." Daher sei der geplante Verkauf von zwei Kirchen auch nur ein erster, wenn auch großer Schritt. Die Suche nach weiteren Maßnahmen, um den Haushalt zu konsolidieren, gehe weiter.
Die Mitgliederzahlen sind von 8419 im Jahr 2000 auf 4843 im Jahr 2026 gesunken, was fast einer Halbierung gleich kommt. Das bedeutet ein sinkendes Einkommen bei gleichzeitig steigenden Kosten für die Instandhaltung der Gebäude und der laufenden Kosten. Dies betrifft die Kirchengebäude ebenso wie die Kindergärten. "Diese Finanzlage passt nicht mehr zu drei Kirchen, drei Gemeindehäusern und zwei Kindertagesstätten", rechnete Brigitte Denda vor.
Sie erinnerte auch noch einmal an alle Anstrengungen, die seitens des Presbyteriums gemacht wurden, um eine Lösung zu finden, mit der alle Gemeindeglieder leben können: "Wir haben in vielen Sondersitzungen darüber nachgedacht, haben die Gemeinde, die Öffentlichkeit, Geldinstitute und auch die Stadtverwaltung mit einbezogen", zählte sie auf. "Außerdem haben wir Umfragen gemacht, um die Verbundenheit der Gemeindeglieder mit den jeweiligen Kirchen zu ermitteln. Wir haben auch in anderen Gemeinden geschaut, wie die mit ihrer angespannten Finanzlage zurechtkommen." Ein Ergebnis all dieser Überlegungen ist, dass ein Förderverein ins Leben gerufen werden soll, um die letzte verbliebene Kirche dauerhaft behalten zu können.
Entscheidung für die Margarethenkirche
Pfarrer Freiwat freute sich über das große Interesse an der Gemeindeversammlung. "Das Interesse ist heute ja so groß, wie an der Messe am Heiligen Abend. Das macht uns Mut, dass wir gemeinsam und nicht allein unterwegs sind. Natürlich ist uns bewusst, welchen Schmerz wir auslösen werden. Es geht dabei ja nicht nur um Steine oder ein Gebäude, es ist für viele ein Zuhause. Das Herz hängt dran. Das macht mich fertig, das zerreißt mich", zeigte er seine Gefühle.
Besonders betroffen mache ihn, dass der Verkauf von zwei Kirchen nicht ausreicht, um die finanziellen Lücken zu schließen: "Wir haben alles versucht, um möglichst viele Angebote für Kinder zu halten. Schweren Herzens mussten wir uns dafür entscheiden, uns auf einen der Kindergartenstandorte zu konzentrieren."
Presbyterin Anja Rentrop gab schlussendlich die Entscheidung bekannt: "Wir haben entschieden, dass die Margarethenkirche unser Standort wird. Zu dieser Kirche gibt es eine starke emotionale Verbundenheit. Hier sind viele Menschen, auch Nichtmitglieder, erreichbar. Wir planen einen multifunktionalen Ausbau für die Nutzung für gemeindliche und kulturelle Veranstaltungen. Damit hoffen wir, den Haushalt, der Vorgabe entsprechend, bis 2030 auszugleichen."
Diese Entscheidung bedeutet natürlich im Umkehrschluss, dass die Servatius- und die Christuskirche verkauft werden müssen. Vor allem bei der Servatiuskirche hofft das Presbyterium auf einen Interessenten, der eine kirchliche Nutzung zumindest hin und wieder ermöglichen würde.
Damit die Gemeindearbeit zukünftig weiter stattfinden kann, soll das Gemeindehaus in Rönsahl und das Lutherhaus an der Margarethenkirche weiter erhalten bleiben. "Wenn wir allein von den Kosten ausgehen, müssten wir die Kindergartenarbeit eigentlich komplett einstellen", stellte Anja Rentrop klar. "Das wollen wir aber nicht, denn sie stellen eine wichtige Säule in der Gemeidearbeit dar. Aufgrund der Nähe zum Lutherhaus werden wir das 'Abenteuerland' erhalten, die Trägerschaft der 'Villa Regenbogen' dagegen zum 31. Juli 2028 aufgeben." Damit bleibe Eltern und Mitarbeitern ein Planungszeitraum erhalten.
Förderverein soll gegründet werden
Presbyterin Birgit Ijewski blickte derweil schon in die Zukunft: "Auch wenn Ihr große Sorgen habt, was mit der Gemeindearbeit passiert, sind wir zuversichtlich, dass nach der ersten Trauer wieder eine gute Gemeinschaft entstehen wird. Die Umsetzung wird einige Zeit dauern. Dafür benötigen wir Personen, die mitdenken und mitplanen. Wir wollen einen Förderverein gründen und suchen Personen, die ihn vorantreiben. Außerdem brauchen wir neue Räumlichkeiten für das Gemeindebüro, wir müssen Termine und Orte verlegen, damit wir das derzeitige Angebot komplett erhalten können. All diese Aufgaben benötigen Zeit sowie mithelfende und mitdenkende Personen."
"Geht den Weg mit"
Bevor die ersten Besucher der Gemeindeversammlung ihre Stimmen zum Ergebnis abgaben, bat Pfarrer Freiwat der Entscheidung des Presbyteriums zu vertrauen: "Geht den Weg mit, wir können ihn nur gemeinsam gehen. Die Gemeinde geht nicht kaputt, weil Kirchen verkauft werden. Eine Gemeinde lebt nicht von Gebäuden, sie lebt von Menschen."
Die Gemeindeglieder stärkten in ihren Aussagen nach der Bekanntgabe den Rücken der Presbyter. "Wir danken für eure Mühen. Wir wissen, wieviel Arbeit Ihr Euch mit der Entscheidung gemacht habt", hieß es immer wieder. Einige Fragen bezogen sich auf die weitere Abwicklung: Ob es schon Kaufinteressenten gebe, was passiere, wenn kein Käufer gefunden wird und wann werden die Kirchen entwidmet würden.
Sanfte Kritik kam von der Leitung der Villa Regenbogen: "Das was auf uns zukommt war uns klar. Es ist schade, und wir können es ehrlich gesamt nicht ganz nachvollziehen, dass an sehr viel alter Struktur festgehalten wird und nicht an was Neues gedacht wird. Über die Kinder die zu uns kommen, kann auch die Gemeinde vielleicht größer werden," sagte ihr Leiter und ergänzte mit Blick auf die Eingangsworte von Pfarrer Freiwat: "Ich empfinde die Schließung unseres Kindergartens nicht unbedingt als Gottes Führung, denn man kann Gottesdienste überall feiern. Das hätte man mit in die Planung einbeziehen können."
Pfarrer Freiwat beendete die sehr ruhige Gemeindeversammlung, bei der alle Zuhörer gefasst wirkten, mit dem Angebot: "Vielleicht braucht jeder erst mal Zeit, das alles sacken zu lassen. Wenn Ihr Euch vielleicht heute Abend ärgert, weil Ihr jetzt nichts gesagt habt, ist das nicht schlimm. Ihr könnt uns jederzeit ansprechen."









