„Wir brauchen Überzeugungstäter!“ Dass die Formulierungen im Zusammenhang mit einer polizeilichen Ausbildung vielleicht nicht ganz treffend gewählt war, fiel Landrat Marco Voge am Freitagvormittag, 19. August, recht zügig auf. Die Nachricht hinter seiner Aussage, die im Rahmen des Pressegesprächs am ESBK für allgemeine Erheiterung sorgte, ist dennoch angekommen: Wer eine Karriere bei der Polizei anstrebt, muss das aus voller Überzeugung tun, sich für „Recht und Ordnung“ einsetzen wollen, ein „Freund und Helfer“ sein.
Den Schülerinnen und Schülern, die am Schulversuch Fachoberschule Polizei (Polizei FOS) des Landes NRW teilnehmen, sollte dies gelingen. Denn bevor sie den neuen Bildungsgang einschlagen, haben sie bei der Polizei einen Eignungstest absolviert und sich somit für eine Karriere bei der Polizei empfohlen.
Jungen Menschen ohne Abitur eine berufliche Zukunft bei der Polizei zu ermöglichen, also mit mittlerem Schulabschluss in den Polizeidienst einzusteigen, ist das Ziel des Schulversuchs, an dem nun auch der Märkische Kreis teilnimmt. Mit der Abschaffung des Mittleren Dienstes bleibt es einem großen Teil der Bevölkerung verwehrt, im Polizeidienst zu arbeiten. Doch auch an der Polizei geht der Fachkräftemangel nicht spurlos vorüber. Eine Rückkehr zum Mittleren Dienst ist der neue Bildungsgang zwar nicht, wohl aber die Möglichkeit für Schüler mit Mittlerer Reife, sich wieder mit der Möglichkeit einer Polizeikarriere befassen zu können.
Dass das „Projekt“ nun in den Märkischen Kreis gekommen ist, ist gerade auch Landrat Marco Voge zu verdanken. Zunächst waren zehn Kreispolizeibehörden zur Teilnahme ausgesucht worden – der Märkische Kreis nicht. „Das fand ich weniger cool“, berichtet Marco Voge und „kämpfte“ beim Innenministerium für eine neue Chance zur Bewerbung. Den entsprechenden Antrag hatte die Kreisverwaltung Anfang des Jahres gestellt. Mit dem Schreiben aus Düsseldorf ist nun klar, dass der Bildungsgang am ESBK angeboten wird – der Märkische Kreis ist der einzige Landkreis in Südwestfalen, der an dem Schulversuch teilnimmt.
Voge: „Mit einem Kreistagsbeschluss haben wir die Rückendeckung und ausdrückliche Unterstützung der Kreispolitik gehabt, uns als Standort für diesen Schulversuch zu bewerben. Unsere Kreispolizeibehörde engagiert sich mit der Teilnahme ebenfalls intensiv, um im Rahmen dieses Schulversuchs zukünftige Kolleginnen und Kollegen auszubilden. Und unser Berufskolleg in Halver verfügt über eine moderne und umfangreiche technische Ausstattung sowie über das erforderliche Knowhow.“ Nicht zuletzt sieht Voge in der Zusage auch eine Stärkung des Schulstandortes.
Auch ESBK-Schulleiter Ulrich Fröndhoff sieht in dem neuen Bildungsgang einen große Chance – nicht nur für seine Schule, sondern vor allem auch für die Schülerinnen und Schüler, von denen viele interessiert am Polizeiberuf seien. „Hier wird zukünftig ortsnah für Jugendliche aus der ganzen Region eine weitere interessante Bildungsperspektive geboten. Ihnen werden parallel zum Fachabitur bereits Einblicke in den Polizeiberuf gewährt und sie erhalten die Möglichkeit der anschließenden Berufsausbildung bei der Polizei. Seit vielen Jahren werden hier bereits die Rechtsanwalts- und Notariatsfachangestellten sowie die Verwaltungsfachangestellten ausgebildet. Hieraus resultierend verfügt das Berufskolleg über Lehrpersonal, das sich durch ausgezeichnete Expertise in den einschlägigen Fachbereichen auszeichnet. Wir freuen uns auf die neuen Erfahrungen, von denen unsere Schülerinnen und Schüler, die Region und auch die Schulgemeinschaft profitieren werden.“
Manfred Kurzawe, der als Abteilungsleiter Polizei die fachliche Gesamtverantwortung der Kreispolizeibehörde trägt: „Das ist ein sehr gutes Signal für die Polizei, aber auch für die Menschen im Märkischen Kreis. Der Weg über die Fachoberschulreife ist für Bewerberinnen und Bewerber mit mittlerem Schulabschluss zudem eine gute Möglichkeit, Zugang zum Polizeiberuf zu bekommen. Der neue Ausbildungsgang ist eine Stärkung der Region.“
Polizei FOS – Darum geht’s:
Der Schulversuch Fachoberschule Polizei (Polizei FOS) beginnt zum 1. August 2023 und richtet sich an junge Menschen mit mittlerer Reife. Der zweijährige Bildungsgang (Fachoberschule 11/12S) vermittelt neben der Fachhochschulreife, die zum Fachhochschulstudium berechtigt, auch spezifische Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten des Polizeiberufs. Dadurch werden die Teilnehmer gezielt für den Einstieg in die Laufbahn des gehobenen Polizeivollzugsdienstes des Landes NRW qualifiziert.
Von der mittleren Reife zum Kommissar – so geht’s:
Der zweijährige Bildungsweg am ESBK startet zum 1. August 2023. Die Aufnahmevoraussetzung für die zweijährige Fachoberschule Polizei ist der mittlere Bildungsabschluss (Fachoberschulreife) oder die Berechtigung zum Besuch der gymnasialen Oberstufe. Zusätzlich ist ein bestandenes dreitägiges Auswahlverfahren bei der Polizei NRW erforderlich. Der Bewerbungsschluss bei der Polizei ist auf den 8. Oktober datiert, alle Infos dazu gibt’s online. Es muss sowohl bei der Polizei als auch bei der Schule (in diesem Fall ESBK) eine Anmeldung erfolgen.
In der Jahrgangsstufe 11 sind die Schüler an zwei Tagen in der Schule und an drei Tagen im Praktikum bei der Polizeibehörde. In der Jahrgangsstufe 12 besuchen die Schüler das ESBK in Vollzeit und bereiten sich auf die Fachhochschulreife vor. Nach erfolgreichen zwei Jahren haben die Absolventen die Fachhochschulreife und die direkte Einstellungszusage für das Polizeistudium. Das Studium zur Polizeikommissarin oder Polizeikommissar dauert drei Jahre.
Übrigens: Die Polizeilaufbahn ist nach der zweijährigen Schullaufbahn nicht zwingend einzuschlagen. Mit der erworbenen Fachhochschulreife ist auch immer noch eine Ausbildung oder ein Fachhochschulstudium in anderen Bereichen möglich.
Ein Versuch der Zukunft hat?
Die letzte planmäßige Einschulungsmöglichkeit besteht im Schuljahr 2027/28 – damit alle ihre Ausbildung im Zeitraum des Schulversuchs abschließen können. Rechtzeitig vor dem Ende des Schulversuchs will das Land anhand der gesammelten Erfahrungen und Ergebnisse entscheiden, ob der Bildungsgang in das Regelsystem übernommen wird. Sollte dies der Fall sein, würde am Eugen-Schmalenbach-Berufskolleg der Bildungsgang dauerhaft angeboten.








