Der Europa-Abgeordnete und Satiriker kann auch Selbstironie. In gut zwei Stunden weihte der Vorsitzende von „Die Partei“ die Besucher in Geschichte und Strategie der Partei ein, die 2004 gegründet worden ist, „um die Schröder-Regentschaft zu stürzen“., was auch „gut gelungen“ sei. Mit jeder Wahl habe man Stimmen gewonnen, den Anteil grob gesagt verdoppelt. Somit brauche es noch 64 Bundestagswahlen, um im Reichstag das Sagen zu haben.
Kleine Erfolge gab es schon. Als die AFD Gold verkauft hat, um über den Umsatz die Partei zu finanzieren und Steuermittel zu kassieren, hat „Die Partei“ reagiert und Geld verkauft. Ihr Angebot: für einen Hunderter nur 80 Euro zahlen. Inzwischen, so Sonneborn, sei die Parteienfinanzierung geändert worden. Nur Umsätze spülten nicht mehr Steuermittel in die Kasse.
„Europa nicht den Leyen überlassen“
Anhand von Wahlplakaten, die er auf der Leinwand einblendet, zeigt er, wie Aussagen umgedeutet oder der Lächerlichkeit preisgegeben werden. In Video-Einspielern seiner Auftritte als Redner im EU- Parlament führt er das Spitzenpersonal vor, entlarvt den Widerspruch zwischen europäischen Werten und eigenen pekuniären Interessen bis zu kriminellen Vorgängen.

Auf die Frage aus dem Publikum, wen er von der EU-Kommission gegen deren Vorgänger austauschen würde, ist seine Antwort klar: alle! Mehrfach betont er: „Wir sollten Europa nicht den Leyen überlassen.“ Er wünscht sich Martin Schultz als Präsidenten des EU-Parlament, Claude Junker als Chef der Kommission zurück. „Alte, weiße Männer“. Genau, die oft geschmähten. Beide aber solche mit einer Vision von Europa.
Mit den Parteien fremdelt er. AFD, FDP und CSU sind für ihn ein No-Go. Grüne ähneln, seit sie in der Regierung sitzen, der CDU und taugen nur als Oppositionspartei, weil sie ihre drei Basics Pazifismus, Basisdemokratie und Umwelt für Macht und LNG-Terminals über Bord geworfen haben.
Parteivorsitzender, Wahlkämpfer, Abgeordneter, Investiv-Journalist, Satiriker? Martin Sonneborn verkörpert alle zugleich. Er kommt sachlich rüber, etwas spröde. Dadurch verschwimmen zuweilen die Grenzen zwischen Fakten und Fiktion. Das verstört, polarisiert, stößt aber auch Denkprozesse an. Manches wird zur Geschmacksfrage.

„Unterhaltsam“ fanden es einige, „zu einfach“ andere. Mies machen sei einfach, wenn man keine politische Verantwortung tragen müsse. Sie mag es beruhigt haben, dass es noch 64 Bundestagswahlen, also gut 250 Jahre dauert, bis „Die Partei“, das Sagen hat.
Dank für „Test-Publikum“
Reichlich Beifall konnte Martin Sonneborn nach anfangs zögerlichem Szenenapplaus dennoch mit auf
den Weg nehmen. Sein Stopp in der Stadthalle sei nur eine „eine technische Probe“ für seine Lesung
in Zinnowitz. Dem Veranstalter KUK dankte er, ihm „das Test-Publikum“ zur Verfügung gestellt zu
haben. Ihm schien die Betreuung gefallen zu haben. Nach dem Auftritt postete er ein Bild aus der
Garderobe mit Imbiss und Willkommensgruß von KUK.
Die Stadt hat ihm weniger zugesagt. Seine Antwort auf eine entsprechende Frage aus dem Publikum: „Mit der Sprengung der Brücke sind wir noch nicht am Ende.“ – Lokalpatrioten mögen Trost bei Kurt Tucholsky finden, der befand: „ Die Satire muß übertreiben und ist ihrem tiefsten Wesen nach ungerecht. Sie bläst die Wahrheit auf, damit sie deutlicher wird,….“. Aber die waren ohnehin in der Minderheit. Mit der Sonneborn-Lesung hatte KUK überraschend viele Auswärtige in die Stadthalle gelockt.









