Mit gerade einmal 18 Jahren ist Lorelay Wegner die jüngste Dachdeckergesellin im Märkischen Kreis. Mit LokalDirekt hat sie über die Herausforderungen der Ausbildung als junge Frau im Handwerk gesprochen und einen Blick in die Zukunft gewagt.

Hammer & Co. statt Barbies

"Es ist ein harter Job", erklärt Lorelay Wegner direkt zu Beginn des Gesprächs. Doch trotzdem stand für sie schon früh fest, dass es einmal hoch hinaus gehen soll. „Es war bei uns zu Hause ein Standardthema und daher hat sich der Berufswunsch als Kind schon verfestigt. Meine Schwester hatte Barbies und von mir gibt es dagegen ein Foto, wie ich mit zwei Jahren vor dem Tannenbaum stehe — mit meinem Geschenk, einem 'Bob der Baumeister'-Spielset, mit Hammer und Co."

Auch ihr Vater Michael Wegner kann "passende" Geschichten aus Lorelays Kindheit erzählen: „Wenn wir zu Hause ein Gerüst stehen hatten, dann sprang sie da mit sechs oder sieben Jahren schon drauf herum." Man habe auch keinen Akku-Schrauber liegen lassen dürfen: "Sonst waren auch schonmal ein paar Schrauben in der Küche drin.“ Er war jedenfalls froh, dass seine Tochter im eigenen Betrieb eine Ausbildung macht. „Viele haben ja keine Lust mehr auf Handwerk“, stellt er fest.

Verkürzte Ausbildung im väterlichen Betrieb

Da für Lorelay die ganze Zeit klar war, dass sie die Ausbildung machen möchte, hat sie mit 16 Jahren angefangen und die Ausbildung auf zweieinhalb Jahre verkürzt. Ende Januar hat sie die Ausbildung gemeinsam mit einem anderen Auszubildenden des Betriebs abgeschlossen und arbeitet seitdem als Gesellin in der Firma ihres Vaters.

„Viele unken immer, im elterlichen Betrieb die Lehre zu machen, sei nie gut“, so Michael Wegner. „Aber es gibt nicht viele andere Möglichkeiten“, merkt er an, da die Kinder eines "Konkurrenten" nur schwer einen Ausbildungsplatz in einem anderen Betrieb bekommen würden. Für Lorelay hingegen war es selbstverständlich, die Ausbildung im Familienbetrieb zu machen: „Das ist meine Zukunft hier, warum soll ich mir was anderes angucken?“

Dachdeckerin Lorelay Wegner erzählt im LokalDirekt-Gespräch über die Ausbildung zur Dachdeckerin.
Foto: Maximowitz

Während es im ersten Ausbildungsjahr noch zum Cuno-Berufskolleg nach Hagen ging, hat sie in den darauffolgenden eineinhalb Jahren viel Zeit im sauerländischen Eslohe verbracht. Dort war sie internatsmäßig für meist fünfwöchige Schulblöcke. In ihrer Klasse war sie die jüngste Auszubildende. Gestört hat sie das nicht: „Ich ticke von der Art her ein wenig anders als Gleichaltrige. Aber wenn man mit einem 45-jährigen, sechsfachen Vater in der Klasse sitzt, ist das schon komisch“, sagt sie mit einem Schmunzeln im Gesicht. Ihr Vater ergänzt mit Blick auf das immer umfangreicher werdende Arbeitsgebiet: „Wir sind froh, dass wir die Schule in Eslohe haben. Unser Beruf ist so vielseitig, dass man es im Betrieb alles gar nicht beibringen kann. Jetzt haben sie die Grundlagen gelernt, das Kerngeschäft. Alles andere kommt jetzt nach und nach im Betrieb.“

Frauen sind auf Baustellen noch immer selten

„Das Körperliche war die größte Herausforderung. Gerade zu Beginn der Ausbildung hat man noch nicht so die Kondition und Kraft, vor allem als Mädel. Da bin ich an meine Grenzen gekommen. Aber mittlerweile merke ich, dass es mir nichts mehr ausmacht“, sagt Lorelay auf die größten Hürden der Ausbildung angesprochen. Auch wenn sie sich freut, dass es immer mehr Frauen im Handwerk gibt — „auch hier bei uns in Halver 'im Dorf', egal welches Gewerk“ —, könnten es laut ihr ruhig noch mehr sein. Dass sie letztens mit vier Frauen, zwei Malerinnen und einer Elektrikerin, gemeinsam auf einer Baustelle war, habe immer noch Seltenheitswert.

Social Media als Einblick in die tägliche Arbeit

Gerade in der Öffentlichkeit ist es noch nicht selbstverständlich, dass auch Frauen im Handwerk sind. „Wenn ich nach der Arbeit in Zunft einkaufen gehe, dann gucken die Leute einen an als ob Karneval wäre“, sagt Lorelay und lacht. „Man fühlt sich manchmal wie ein Alien.“ Um diese öffentliche Wahrnehmung zu ändern, hat sie einen Instagram-Account angelegt, auf dem sie bereits über 6000 Follower bei ihrer täglichen Arbeit auf die Dächer des Märkischen Kreises mitnimmt.

„Ich wurde in der Vergangenheit von weiblichen Influencerinnen motiviert und habe von ihnen gelernt, auch beim Lernen für die Abschlussprüfungen habe ihr der ein oder andere Social-Media-Beitrag geholfen. Oft habe sie sich dann gedacht: 'Voll cool, das will ich auch für andere sein.'

„Wir haben ein sehr junges und witziges Team, da passieren so viele coole Sachen auf der Baustelle, die ich dann auf meinem Kanal teile. Ganz viel Spaß gibt es bei mir“, macht sie Werbung für ihren Account. Auch ihr Vater steht dem Ganzen offen gegenüber, auch wenn er selbst keinen Instagram-Account hat: „Wenn der Job schon hart ist, dann muss man wenigstens Spaß haben.“ Er sieht durch Lorelays Social-Media-Aktivitäten zudem auch Vorteile für den eigenen Betrieb: „Ich hatte erst heute Morgen einen Neukunden, der über den Insta-Account auf uns aufmerksam geworden ist.“

Für einen besonderen Schub auf dem Instagram-Account hat Lorelays Sieg in der Sonderkategorie "Weibliche Auszubildende" bei der Dachkrone — den "Handwerk-Oscars" der Dachdecker sozusagen — im Jahr 2025 gesorgt. Medial ist aber noch ein großes Projekt geplant: Im Frühjahr ist sie gemeinsam mit einem Kollegen im Fernsehen zu sehen — in einer Sendung speziell über Auszubildende im Handwerk. Bei welchem Format und auf welchem Sender darf sie aktuell noch nicht sagen, die Sendetermine will sie aber im Voraus kommunizieren.

Meisterkurs in Zukunft

Als nächstes strebt sie einen Meisterkurs an. „Das ist auf jeden Fall mein Ziel“, sagt sie mit Blick auf die Zukunft, die sie im Betrieb ihres Vaters sieht. Aber auch verschiedene Lehrgänge, zum Beispiel rund um Photovoltaikanlagen oder für den Umgang mit gefährlichen Stoffen, stehen auf ihrer beruflichen Wunschliste. Langweile wird Lorelay also nicht haben, ist sie überzeugt. In ihrer Freizeit engagiert sie sich zudem noch in der Freiwilligen Feuerwehr in ihrem Wohnort Kierspe — auch ein "Hobby", wo sie als Frau in der Unterzahl ist.

Sie gibt offen zu: "Ich mag es, ein bisschen aus der Reihe zu springen“, vor allem, da sie privat oft ganz anders eingeschätzt werde. „Das ist oft lustig, wenn Leute mich kennen lernen. Papa nennt mich immer 'Hobby-Tussi' und wenn ich dann sage, dass ich Dachdeckerin und in der Feuerwehr bin, das glauben die Leute mir kaum. Aber ich mag diesen Kontrast.“ Sie habe schon früh gelernt: „Es ist als Frau wichtig, für sich einzustehen. Sei es auf der Baustelle oder im Privaten. Und dass man trotzdem an seinen Zielen festhält und nichts auf dumme Sprüche gibt.“