„Miri, wie geht es eigentlich mit dem kleinen Briefträger weiter?“ Paula kann es kaum noch erwarten. Sie geht in den Waldkindergarten Wiblingwerde und der kleine Briefträger aus dem Sandmännchen-Geschichtebuch begleitet die Kinder dort schon eine ganze Weile. „Vorlesen ist ein fester Bestandteil in unserem Kindergartenalltag“, berichtet Kindergartenleiterin Marina Hoheisel. Beispielsweise gebe es jeden Morgen eine Frühstücksgeschichte. Die Kinder machen es sich mit ihrem Frühstück im Wald gemütlich und während sie essen, wird gelesen. So entstehe eine ganz besondere und ruhige Frühstücksatmosphäre.
„Zu Beginn des Kindergartenjahres sind die Geschichten zunächst noch recht kurz, damit auch die kleineren Kinder der Handlung gut folgen können. Im Lauf des Jahres werden die Geschichten länger und komplexer“, erklärt Hoheisel. Auch in der Freispielzeit gibt es immer wieder Leseangebote. Viele Kinder nutzen sie für eine kleine Pause und genießen diese intensive Zeit mit den Erzieherinnen.
Den Erzieherinnen im Waldkindergarten ist bewusst, dass Zuhause weniger vorgelesen wird als früher. Hörspiele seien da oft beliebter. „Es gibt Kinder, die wissen gar nicht, wie man in einem Buch blättert“, berichtet Hoheisel. Die Kinder würden die erste und letzte Seite aufschlagen, nicht aber die dünnen. Oder Seiten reißen beim Blättern ein. In dem Wiblingwerder Kindergarten sei das jedoch nicht die Regel, sondern immer noch eher die Ausnahme. „Vorlesen ist für die Entwicklung elementar wichtig.
Es ist wichtig, dass Kinder Wörter von vertrauten Stimmen hören und auch sehen, wie diese gesprochen werden. Mimik und Gestik kann kein Tonie ersetzen. Und auch durch Sehen verbessern Kinder ihre Mundmotorik“, erklärt die Pädagogin. Zudem sei Vorlesen auch immer Beziehungsarbeit.

Eine Lese-Oma für die Kinder in St.-Elisabeth
Im katholischen Kindergarten St. Elisabeth sind nicht nur die Kinder ein bisschen aufgeregt, sondern auch Beate Lorkowski. Die Altenaerin hat ihre Premiere als Lese-Oma. „Wenn das heute gut ist, könnte ich mir schon vorstellen, öfter zu kommen – vielleicht so einmal im Monat“, erzählt Beate Lorkowski. Ihr Enkel Anton freut sich, die Oma im Kindergarten zu sehen. Gemeinsam mit den anderen Kindern macht er es sich mit der Lese-Oma gemütlich.
Auch davor gab es schon ein Angebot. Yuliia Arkhypova las eine Geschichte auf Ukrainisch vor. Sie ist erst seit Kurzem in Deutschland. „Wir haben vom Träger ein riesen Paket Bücher mit verschiedenen Sprachen bekommen“, erzählt Einrichtungsleiterin Sandra Schwieren. Bei dem einen oder andern stoßen die Erzieher jedoch an ihre Grenzen. „Die persischen Bücher werden ja von hinten aufgeschlagen. Da mussten wir schon erst etwas genauer gucken und natürlich können wir vieles nicht lesen“, sagt Schwieren. Und so kann sie leider auch die Frage eines Kindes nicht beantworten. „Was steht da?“, fragt der kleine Junge. „Ich habe keine Ahnung“, gibt sie zu. Denn diese Schriftzeichen kann vom Team niemand lesen.

Sekundarschule: Auch große Kinder hören gerne Geschichten
In der Sekundarschule wurde die Mensa zum Vorlesesaal. Bürgermeisterin Birgit Tuapt hatte es sich bequem gemacht, um den Sechstklässlern vorzulesen. Mitgebracht hat sie das Buch Tintenherz. „Ich liebe Vorlesen. Ich liebe es bei meinen Nichten und Neffen und ich habe es auch immer genossen, wenn mir vorgelesen wurde“, erzählt Birgit Tupat. Als Kind wurde ihre Liebe für Bücher geweckt. „Meine große Schwester hat mir vorgelesen und mir auch beim Lesen lernen geholfen“, verrät die Bürgermeisterin. Schon als Kind fand sie es toll, in die Bücher einzutauchen – und diese Begeisterung möchte sie weitergeben.
„Ich weiß noch: Als ich in der Grundschule war, bekam ich mein erstes kleines Bücherregal und ich war stolz auf jedes einzelne Buch, das dazu kam.“ Und auch heute noch hat sie am liebsten ein echtes Buch in der Hand. Der E-Book-Reader komme nur für den Urlaub ins Gepäck, damit der Koffer nicht zu voll wird. Tupat: „Ein echtes Buch kann dadurch für mich nicht ersetzt werden.“ Privat liest sie übrigens am liebsten Krimis: „Je blutiger, desto besser.“

Auch die zweite Vorleserin in der Sekundarschule ist eine echte Lese-Botschafterin: Büchereileiterin Stefanie Ingenpaß. Sie las den Fünftklässlern vor. Im Gepäck hatte sie das Grimm-Märchen „Das Eselein“ und ihr eigenes Kunstmärchen „Das Geheimnis der glücklichen Menschen vom Langenstück“, das sie anlässlich des Tags des Denkmals geschrieben hatte. „Vorlesen und Geschichten erzählen verbindet, schafft Gemeinschaft, ob im kleinen familiären Kreis oder im großen“, erklärt Stefanie Ingenpaß. Vorlesen mache neugierig aufs selber lesen, erweitere den Wortschatz und verbessere das Sprachvermögen. Zudem lernten die Kinder sich auszudrücken und Emotionen in Worte zu fassen. „Nicht zuletzt schult es auch das Vermögen zuzuhören und zu lauschen. Eine Fähigkeit, die leider etwas verloren gegangen ist, aber nicht hoch genug geschätzt werden kann“, sagt die Büchereileiterin.
Sie selbst habe noch in guter Erinnerung, wie ihr ihre Großmutter vorgelesen habe. „Dabei habe ich mich immer unendlich geborgen gefühlt.“ Heute lese sie aus verschiedenen Gründen: „Zum einen, um mich zu bilden, zu lernen, meinen Horizont zu erweitern; zum anderen aus reiner Liebe zur Kunst. Einen treffend formulierten Satz zu lesen, lässt mein Herz hüpfen.“
Lesestart-Taschen für Fibs-Kinder
Bereits am Mittwoch war Stefanie Ingenpaß im Fibs. Im Kindergarten an der Bachstraße sprach sie mit Müttern über die Wichtigkeit des Vorlesens und las natürlich auch den Kindern vor. Zudem verteilte sie 50 Lesestart-Taschen der Stiftung Lesen. „In den Taschen sind Bilderbücher für Kinder ab drei Jahren, eine mehrsprachige Broschüre für Eltern und natürlich auch eine Anmeldung für die Nachrodter Bücherei“, erklärte Ingenpaß.
Lindgren-Klassiker für Awo-Kinder

„Lesen muss Teil jeder Kindheit und Jugend werden, damit alle die gleichen Chancen haben“, sagt Aykut Aggül. Seit elf Jahren beteiligt er sich am Vorlesetag. Dieses Mal war er im Awo-Kindergarten und im katholischen Kindergarten unterwegs. Aggül: „Ich möchte gerne dazu beitragen, die Lesefreude bei den Kindern zu wecken. Lesen und Vorlesen unterstützt die Entwicklung unserer Kinder.“ Außerdem fördere Vorlesen die Konzetrationsfähigkeit und rege die Fantasie der Kinder an. Ihm selbst sei immer vor dem Schlafen vorgelesen worden. „Am liebsten mochte ich ,Hilfe, die Hartmanns kommen‘ und ,Wir von der anderen Seite'“, erinnert sich Aggül. Er las übrigens nicht nur auf Deutsch, sondern auch auf Türkisch.









