Unter dichtem Blattwerk lugen dunkle Zucchini oder Gurken hervor. Tomaten, noch grün, hängen in dichten Trauben an den Sträuchern auf der Südseite des Gartenhauses. Das erste Gemüse im Schulgarten der Humboldtschule kann geerntet werden. Dass auch die anderen Pflanzen die Trockenheit überstehen, dafür sorgt Hausmeister Marco Feckinghaus.
Er hat selbst einen großen Gemüsegarten, hatte mit Pflanzschalen und Saatgut Starthilfe für den Schulgarten geleistet. Jetzt, in den Ferien, greift er mindestens jeden zweiten Tag zur Gießkanne. So können die Schüler nach den Ferien sehen und nutzen, was sie im Frühjahr gesät hatten.
Marie (10) hatte „Erde aufgelockert und Sonnenblumen gesät“. Raian (11) hat Laub aufgefegt und an der Kräuterspirale mitgebaut „mit Steinen als Beetrand“. Cadaen (11) hat „jeden Tag Blumen gegossen“. Die Natur AG traf sich zwar nur einmal in der Woche. Dann aber war viel zu tun im Schulgarten.
Die Fünftklässler freuten sich auf die Aktivitäten unter freiem Himmel. Melek (11) hatte die AG gewählt, weil sie gerne rausgeht – mit einem Vorbehalt allerdings: „Wenn schönes Wetter ist“. Kaan hatte von anderen gehört, dass es rausgeht, Raian fand die frische Luft gut und Jamie war dabei, weil sie „die Natur liebt“. Marie hat in der AG gelernt, wie sie „Sachen recyceln kann und wie man neue Sachen erfinden kann.“





Beate Knitter, die die AG leitet, schaltet den Freiluft-Aktivitäten einen Theorie-Teil in der Klasse vor. Sie hält eine Plastikflasche hoch. Der Kopf mit dem Schraubverschluss ist nach innen gewendet wie ein Trichter. „Wozu dient die Flasche?“, zielt Beate Knitter auf die Phantasie und verweist dabei auf die Ringe an der Flasche, die als Markierung dienen könnten. Schließlich hat einer die Lösung: Regenmesser.
Die PET-Flasche als Messgerät, die Ringe als Maßeinheit. „Man kann ungefähr sehen, wie viel Regen gefallen ist“, erklärt Beate Knitter. Und wenn regelmäßig gemessen wird, lassen sich die Niederschlagsmengen vergleichen – erste Schritte für junge Forscher.
Natur-Kreislauf erfahrbar machen
Bei der Natur AG geht es um mehr als nur den Schulgarten. Beate Knitter möchte ihren Schülern „den Kreislauf in der Natur näher bringen und zeigen, wie eines vom anderen abhängt“. Blumenzwiebeln im Herbst gepflanzt, blühen im Frühjahr. Nistgelegenheiten in die Bäume gehängt, locken Vögel an. Und Regenwasser, das in zwei großen grünen Tonnen vom Dach des Gartenhauses aufgefangen wird, dient als Gießwasser für frische Pflanzen. Diese Art der Nutzung spart Kosten für Leitungswasser, das sonst genommen werden müsste.
Für den Schulgarten hatte sich Förderlehrerin Ilse Clever stark gemacht. Hier konnten sich Schüler mit besonderem Förderbedarf ausprobieren. Als Schülerfirma hatten sie auch Grünflächen im Auftrag der Stadt gepflegt. Als die Förderlehrerin in Pension ging, verwaiste der Schulgarten. Die Corona-Pandemie mit Distanzunterricht tat ein Übriges. „Jetzt geht es darum, von Grund auf wieder Ordnung reinzubringen“, hatte Beate Knitter das Ziel im Frühjahr vorgegeben.
Zusätzliches Angebot für Insekten
Das ist gelungen. Überall grünt und blüht es. „Zu Agrar-lastig“, sei der Garten, hatte Marco Feckinghaus gehört. Es fehle an Angeboten für Insekten. In den Ferien hat er Schmetterlingsflieder gepflanzt. Nahrung für die Raupen bieten Brennnesseln in einem Speisfass. Die Raupen hat Feckinghaus zuhause gesammelt und bei den Nesseln neu angesiedelt: Insekten-Migration.
Was reif wird, erntet er schon mal, verschenkt es oder gewinnt die Samen für die Aussaat im nächsten Frühjahr. Damit lernen die Schüler wie Nahrungsmittel entstehen, verweist Schulleiter Reiner Klausing auf situatives Lernen. Er hat beobachtet, dass Schüler immer weniger wissen, woher die Lebensmittel kommen. Die praktische Arbeit fördere zudem den Inklusionsgedanken. „Es gibt Schüler, die sich stärker beweisen können, wenn sie praktisch arbeiten“, verweist Klausing auf die Ursprungsidee. So kommen auch diese Schüler zu Erfolgserlebnissen. Das habe der Schulträger unterstützt.
Vor allem aber freut den Chef, dass der Schulgarten zum „grünen Klassenzimmer“ mutiert ist. Auf dem sattgrünen Rasen laden Eichenstämme zum Sitzen ein. Ein spannendes Klassenzimmer, in dem es immer wieder Neues zu entdecken gibt.
INFO
– Schulgärten erleben nach Angaben des Gesetzlichen Unfallversicherung ein Comeback. „Hier können Kinder ganz unmittelbar und praktisch Natur erleben, erforschen und mitgestalten.“, heißt es auf der Homepage der DGUV.
– Sie verweist darauf, dass die Schülerinnen und Schüler Zusammenhänge in der Natur kennen lernen, die Bedeutung von Biodiversität erfahren, ihre Motorik schulen und die Folgen ihres Handelns oder Unterlassen begreifen. Durch die Gruppenarbeit werde die Teamfähigkeit gestärkt und sie lernten, sich autonom zu organisieren.
– Die Vorteile machen sich auch andere Schulen zu eigen. An der Gesamtschule in Kierspe will die Imker AG per Crowdfunding ihren Schulgarten aufwerten.









