Am Samstag geht es auf der Mainstage los. Ich stell mir einen Auftritt vor Tausenden von Menschen super aufregend, aber auch stressig vor. Hast du ein bestimmtes Ritual vor jedem Auftritt, um lockerer zu werden? Oder ist das nach mehr als 15 Jahren Erfahrung gar nicht mehr notwendig?
Bosse: Ne, es ist gar nicht mehr notwendig. Als ich angefangen habe, war es so, dass ich teilweise vor Auftritten zwei Wochen immense Schlafstörungen hatte. Da haben wir drei Wochen nur geprobt für diesen einen Tag. Dann kam der Tag, und wir hatten einfach gar keine Kraft mehr. Ich glaube mit 20 oder 21 Jahren ist das bei mir dann so umgeschwenkt, dass ich mich irgendwie locker gemacht habe. Mein Ass im Ärmel ist, dass mir wirklich egal ist, was die Leute von mir denken. Seitdem lege ich mich noch so zwei Stunden vor dem Konzert eine Stunde schlafen. So entspannt bin ich mittlerweile. Die Tage sind manchmal stressig, alles ist viel und es gibt viele Reizüberflutungen. Deswegen haue ich mich nochmal aufs Ohr – wobei ich Lea nicht verpassen möchte, ihr schaue ich noch zu.
Und wie sieht es nach einem Auftritt aus? Machst du dann eine Art „Selfcare-Abend“, um dich, deinen Körper und insbesondere deine Stimme zu schonen?
Nein, gar nicht. Ich muss danach duschen, weil ich auch einfach viel tanze und schwitze, wie so ein Schwamm (Bosse lacht). Und dann klingt der Abend entspannt aus. Aber wenn ich auch so zwei, eineinhalb Stunden durchtanze, dann bin ich danach körperlich so am Limit, dass es dann auch gar nicht mehr so viel darum geht, Leute zu sehen oder nochmal tanzen zu gehen. Ich bin dann auch derjenige, der sich bald ins Bett legt, weil es auch irgendwann anstrengend ist. Dann schlaf ich – und dann ist der Tag auch schon wieder vorbei. Wenn ich auf Tour bin, dann ist es für mich wirklich Arbeit. Ich erwarte auch eigentlich von mir, seitdem die Karte mehr kostet als vier Euro neunzig Cent, dass ich jeden Abend so frisch bin, wie am ersten Abend. Manchmal komme ich mir vor wie ein Spitzensportler oder so, der so mitten in der Saison ist.
Hast du dann auch Zeit, deinen Hobbys nachzugehen? Ich habe gehört, dass du dich gerne Gartenarbeit widmest.
Ja, genau. Ich bin großer Fan jeglicher Kampfsportarten und von japanischen Pflanzen. Ach, und ich koche ganz gerne. Wenn ich dann zuhause oder auch unterwegs bin, dann versuche ich auf jeden Fall, die Sachen zu machen, die mir guttun.
Performst du zum ersten Mal im Sauerland?
Nein, tatsächlich nicht. Ich war zuvor in Attendorn, da habe ich schonmal gespielt. Das ist aber auch schon länger her. Es ist aber das erste Mal in Lüdenscheid.
Was sind deine Impressionen von den Sauerländern, die am Samstag dein Publikum sein werden?
Egal ob du mich auf die Bühne schickst in München, Leipzig oder im Sauerland – ich könnte es, wenn ich von der Bühne auf das Publikum schaue, irgendwie nicht so richtig feststellen, wo ich bin. Das heißt: Keine besonderen Verhaltensauffälligkeiten, alles nette Leute bisher immer. Ich weiß, wie es ist, ohne eine Millionenstadt um die Ecke aufzuwachsen. Das macht aber einen lange nicht zum schlechteren Menschen. Man muss dann natürlich suchen, wo die Kultur ist. Deswegen ist ja genau so ein Bautz Festival voll gut. Das war auch einer der Gründe, warum ich sofort zugesagt habe, weil ich so dachte „Ach guck mal, dahinten war ich echt schon lange nicht mehr“.
Kannst du uns einen kleinen „Sneak Peek“ geben und unseren Lesern verraten, welche Songs die Menschen am Samstag erwarten? Wird es ein Mix aus älteren und neueren Alben?
Es wird ein Mix. Es ist bei uns so, dass wir zwei, drei Sachen natürlich vorgefertigt haben, die immer ganz gut funktionieren. Ich kann einfach Mal sagen, dass wir vom neuen Album, glaube ich, drei Nummern spielen werden, auch eine, die noch nicht releast ist. Und sonst so die Klassiker wie „Die schönste Zeit“ oder „Letzter Tanz“ und der ganze Rest der tauscht sich. Manchmal machen wir es aber auch so, dass ich mir das Publikum anschaue, und dann nochmal reagiere. Wenn ich merke, dass es eine monstermäßige Hip-Hop-Veranstaltung ist, dann lasse ich auch Mal ein paar akustische Balladen weg (Bosse lacht).
Wir haben auch unsere Leser auf Instagram gefragt, was sie gerne von dir Wissen möchten. Eine Leserin möchte erfahren, was denn bisher dein Lieblingsmoment auf der Bühne war.
Wir haben mal – ist kein Witz – vor 17 Jahren bei Rock am Ring gespielt. Alle noch so ganz klein mit dem großen Lebenstraum Rock am Ring – und ziemlich überfordernd. Wir haben dann gegen „The Prodigy“ gespielt und die mussten an dem Abend so schlecht gewesen sein, dass Tausende bei uns zuschauten. Wir spielten auf einer kleinen Bühne um 22 Uhr. Wir haben angefangen vor 80 Leuten und am Ende haben wir nach so zehn Minuten vor 20.000 Menschen gestanden. Später waren es sogar 30.000. Mein magischster Moment war 2018 auf dem Hurricane Festival. Da haben wir am Sonntag als erste Band nach einem großen Unwetter am Samstag gespielt. Als wir gespielt haben, kam wirklich die Sonne raus und es gab einen Double-Rainbow. Alles schien so perfekt. Das wurde mit der Kamera eingefangen. Und manchmal, wenn es mir nicht so gut geht, dann guck ich das.
Die letzte Frage kommt ebenfalls von einem Leser und dieser fragt, ob du uns was über den kreativen Entstehungsprozess deines neuen Albums „Übers Träumen“ erzählen kannst, welches im Oktober releast wird.
Es ist bei mir so: Wenn ich schreibe, brauche ich einen Grund, warum ich etwas mache. Und bei dem Album war das irgendwie so, dass ich auf der letzten Platte einen Song hatte – der heißt „Das Paradies“ – wo es um unsere Gesellschaft und die Traumwelt geht und alles „Tiptop“ ist. Ich fand die Nummer von allen Liedern auf dem Album am stärksten. Dann habe ich mich irgendwie an dieser Traumwelt so festgehangen und habe irgendwie gedacht: Ich glaube, ich schreibe jetzt eine Platte, die sich komplett mit dem Thema „Träumen“ beschäftigt. Ich glaube aber nicht, dass es ein Konzept-Album ist. Es gibt ein paar Songs, die sich damit gar nicht beschäftigen. Aber der ganze Rest beschäftigt sich schon mit Fieberträumen, Zukunftsträumen, dem „German-Dream“, es geht um berauschende Träume, ums Vermissen oder den Traum vom Loslassen. Das war eben mein Thema – und das wusste ich eigentlich ziemlich schnell. Ich wusste, wie ich strukturieren will und das ist manchmal ziemlich geil, weil ich eigentlich voll unstrukturiert bin. Ich finde gerade in einer Zeit, wo die Realität manchmal so abkackt und so schwierig ist, ist es manchmal ganz schön, sich rauszuziehen und Kraft zu sammeln.
Vielen Dank für das Interview. Viel Spaß auf dem Bautz-Festival!








