Sharm el Sheikh ist Mitte November eine riesige Messe, ein Konglomerat aus Hallen, Konferenzräumen und Pavillons. Ein Basar, bei dem es um die größte Krise des Planeten geht – den Klimawandel. Sina Löschke aus Halver war dabei, als es bei der Welt-Klimakonferenz (COP) vom 6. bis 20. November für die Vertreter von 197 Ländern darum ging, den Planeten zu retten. Für die Kommunikationsmanagerin war die Klimakonferenz im ägyptischen Sharm el Sheikh „ein surreales Erlebnis“.
Von 9 bis 20 Uhr haben Regierungs-, Verbands- oder Unternehmensvertreter in den wohlklimatisierten Hallen informiert, beraten, diskutiert, nach Kompromissen gesucht. Tageslicht sahen viele der 34.000 Teilnehmer kaum. Und wenn man raus kam, stand man in der gleißenden Sonne, sah die kahlen Wüstenberge „und alle drängten in den Schatten“, schildert Sina Löschke, wie sie die paar Schritte aus der klimatisierten Komfortzone des Konferenzzentrums in die Welt erlebt hat, für die Klimawandel längst Realität ist. – Ein Vorgeschmack auch auf das, was künftigen Generationen vielerorts droht, nicht nur in der Wüste am Fuße der Sinai-Halbinsel.
Halveranerin bereitete Fakten auf
Die Journalistin und Politikwissenschaftlerin sorgte als Kommunikationsmanagerin der Arbeitsgruppe II des Weltklimarates (IPCC) dafür, dass Entscheidungsträger und Berater auf der Grundlage gesicherter Fakten arbeiten konnten. Die lieferte der IPCC-Bericht, der die Folgen des Klimawandels abschätzt. Im Fokus stehen dabei Ökosysteme und die globale biologische Vielfalt bis hin zu den Folgen für Mensch und Gesellschaft, Kulturen, Siedlungen und Infrastrukturen in einzelnen Regionen.
Untersucht werden dabei Verwundbarkeiten, aber auch Anpassungskapazitäten und -grenzen natürlicher Systeme und menschlicher Gesellschaften. Sina Löschke und ihr Team haben dazu Fakten präsentiert. Regierungsvertreter dürfen danach Fragen stellen.
Darum geht es: Was droht bei weiterer Erwärmung? Auf was müssen wir uns vorbereiten. Was sind die Risiken? Welche Anpassungsstrategien sind geeignet? Welche funktionieren auf lange Sicht? „Viele Maßnahmen richten auch mehr Schaden an als dass sie nützen“, weiß Sina Löschke. Und viele, die naturnah erscheinen, „funktionieren nur, wenn die Erwärmung weit unter zwei Grad bleibt.“ Ansonsten seien die Verluste massiv.
„Stolz, wenn Kernbotschaft ankommt“
Diese Dringlichkeit, so ihr Eindruck, sei bei den Entscheidungsträger angekommen. Dass die sich, wie etwa John Kerry, der Sondergesandte des US-Präsidenten für Klimafragen, auf die IPCC-Expertise berufen, „erfüllt mit Stolz, wenn die Kernborschaft angekommen ist“, ist ihr persönliches Fazit. Dabei kann der Weltklimarat keine Handlungsempfehlungen aussprechen. Das machen dann Verbände wie Greenpeace oder junge Leute von „Fridays für Future“ wie Lisa Neubauer. „Das ist total wichtig, dass sie täglich in den Nachrichten ist. Sie können Dinge auf den Punkt bringen und sind starke Kommunikatoren“, zollt Sina Löschke den Klima-Aktivisten großes Lob.
In Sharm el Sheikh genossen sie diesen Respekt anscheinend nicht. Trotz großer Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft der Einheimischen seien „junge Leute abgezockt worden“, hat Sina Löschke erfahren. Sie waren während der zweiwöchigen Konferenz in Unterkünften mit dürftigen sanitären Anlagen untergebracht, wurden nachts für Passkontrollen aus dem Schlaf gerissen. Die Halveranerin lobt hier die Bundesregierung. Sie habe in ihrem Pavillon, dem Thema „Menschenrechte“ und den NGOs eine große Bühne geboten und gezeigt, dass Menschenrechte und Klimagerechtigkeit zusammengehören.
Dennoch: die Enttäuschung über die Ergebnisse der Klimakonferenz ist groß. Ein Zeichen etwa für den Ausstieg aus allen fossilen Energieträgern blieb aus. Sina Löschke sieht einen Grund in der starken Gruppe der Lobbyisten aus dem Kohle- und Ölsektor, aber auch der landwirtschaftlichen Großkonzerne. Sie wollten weiterhin „so Geld verdienen, wie sie es jetzt tun“. Der Wirtschafts-Sektor habe eine große Rolle bei der Konferenz gespielt. „Der schwedische Pavillon war ganz auf Business ausgerichtet“, bilanziert Sina Löschke. Die Aussteller hatten dabei im Blick, wie der Umwelt CO2 entzogen werden kann und wie sich solche Zertifikate handeln lassen. – Eine Entlastung der Umwelt als Geschäftsmodell?
„Klimaschutz beginnt in der Kommune“
Sina Löschke hat aus den zwei Wochen im Badeort am Golf von Aden mitgenommen, dass „wichtige politische Entscheidungsträger mittlerweile verstanden haben, dass sich die Klimakrise nur lösen lässt, wenn unsere Natur und ihre vielen Ökosysteme gesund sind und in einem großen Maße geschützt und wiederhergestellt werden. Dazu müssen mindestens 30 bis 50 Prozent der Land-, Süßwasser- und Meeresflächen geschützt und nur noch in einem nachhaltigen Maße genutzt werden.“ Sie plädiert dafür, „dass Natur- und Klimaschutz immer gemeinsam gedacht werden – und nicht jedes Thema für sich allein behandelt wird.“ Das sollte auch die Maxime im Alltag sein.
„Risiken und Emissionen zu reduzieren findet vor Ort statt“, ist die Halveranerin überzeugt. Jede politische Entscheidung auch in den Kommunen müsse „hinterfragt werden, ob sie Klima oder Natur schadet“. – Die Weltklimakonferenz allein rettet uns nicht. Auch das haben die zwei Wochen in Ägypten vor Augen geführt.
IN KÜRZE
Die Abkürzung COP steht für „Conference of the Parties“ und bedeutet: Konferenz der Vertragsstaaten. Die COPs werden jeweils mit einer Nummer versehen; inzwischen sind wir bei 27 angelangt.
Die erste COP1 fand 1995 in Berlin statt. Die Konferenzen werden jeweils mit einer Nummer versehen. Die jüngste COP war die 27.
Auf dem Welt-Klimagipfel sind 197 Vertragsstaaten vertreten. Dazu kommen sogenannte Beobachter. Dies sind überwiegend internationale Organisationen und Nichtregierungsorganisationen (NGO).









