Die Versorgung der Patienten im südlichen Märkischen Kreis ist massiv gefährdet. Erste kleinere Pflegedienste hätten bereits aufgegeben. Diese düstere Prognose formulierten mehr als 25 Vertreter von ambulanten Pflege- und Hilfsdiensten aus dem Südkreis im Ratssaal des Lüdenscheider Rathauses.
Sie hatten sich zuvor seit Juni vergangenen Jahres in mehreren Arbeitskreissitzungen getroffen und einen „Brandbrief“ an NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann formuliert, der jetzt auf den Weg gebracht wird. Er wird auch den heimischen Landtagsabgeordneten zur Kenntnis gegeben. Mit ihnen soll zusätzlich das Gespräch gesucht werden.
Lüdenscheids Bürgermeister Sebastian Wagemeyer und der Märkische Kreis unterstützen das Anliegen der ambulanten Pflegedienste auf finanzielle Entlastung. „Die ganze Dramatik der Situation ist deutlich geworden. Sie haben einen enormen wirtschaftlichen Druck auf der einen Seite und den Anspruch, ihren Patienten gerecht zu werden, auf der anderen“, so Wagemeyer.
Was massiver wirtschaftlicher Druck genau bedeutet, erläuterte Stefan Hesse von der Caritas Pflege und Hilfe. „Fünf Träger haben mal das erste Halbjahr 2021 vor der Brückensperrung mit dem ersten Halbjahr 2022 verglichen. Es war 13,5 Prozent mehr Personaleinsatz wegen der Fahrten erforderlich. Das bedeutet 1.200 Euro Mehrkosten jährlich pro Patient.“
Die ambulante Versorgung pflegebedürftiger Menschen wird in Lüdenscheid und den angrenzenden Kommunen von zwölf Pflegediensten sichergestellt. Von diesen Diensten werden mehr als 1000 Personen versorgt – davon etwa 800 mit Wohnsitz in Lüdenscheid – erfuhren die Teilnehmer beim Treffen im Lüdenscheider Rathaus. Weiterhin gebe es aktuell 30 Anbieter für Unterstützungsleistungen im Alltag, die ebenfalls mehr als 1000 Personen versorgen.
Für sie alle sei eine jährliche Kompensation der Kosten wegen der Brückensperrung in Höhe von knapp einer Million Euro erforderlich. Außer Betracht, so hieß es im Ratssaal, seien in dieser Rechnung noch die Anbieter der angrenzenden Kommunen, die zum Teil durch den Umgehungsverkehr ebenfalls massiv betroffen seien. Deshalb formulierte Florian Wilms, Pflege an der Volme: „Ein Durchfahrtverbot für LKW in Lüdenscheid würde für uns noch zusätzlichen Verkehr bedeuten und die Probleme bei uns weiter verschärfen.“
Was das genau bedeutet, beschrieb Myra Mani vom Pflegedienst Mani sehr anschaulich: „Bei rund 500 Einsätzen pro Tag sind diese seit der Brückensperrung kaum noch planbar. Verzögerungen sind auch aus medizinischer Sicht problematisch. Wir haben Patienten, die ihre Medikamente zu ganz bestimmten Zeiten einnehmen müssen.“ Eine weitere Folge der Brückensperrung sei die nochmalige Verschärfung des Fachkräftemangels in allen Gesundheitsdienten. Der Standort südlicher Märkischer Kreis werde für pendelnde Fachkräfte in den Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen durch die enormen Fahrtzeiten unattraktiv. Erste Kündigungen von Mitarbeitern seien bereits aus diesen Gründen erfolgt. Die Personalgewinnung sei zu einer besonderen Herausforderung geworden.
Besonders schwierig sei die Situation für diejenigen Menschen, die erstmals professionelle Hilfe in Anspruch nehmen möchten, schreiben die Akteure an NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann. Täglich würden viele Anfragen an ambulante Dienste aus Kapazitätsgründen abgelehnt. Wörtlich heißt es in dem Schreiben: „Es kann aus hiesiger Sicht nicht hingenommen werden, dass kranke, alte oder pflegebedürftige Menschen keine Hilfe bekommen, wenn diese Benötigt wird.“ Eine technische Lösung könnte eine App sein, so die Pflegedienstleistenden. Ein erstes Angebot für deren Entwicklung sei eingeholt worden. Das liege bei 40.000 Euro. Und für den Betrieb müssten jährlich 6000 Euro aufgebracht werden. Geld, das bislang noch in keinem Haushaltsplan eingesetzt sei.
Die ambulanten Pflege- und Hilfsdienste erwarten von Regierung und Politik finanzielle Entlastungen. Ansonsten stehe die Pflege tatsächlich vor dem Kollaps.
Liste der an den Arbeitskreistreffen teilnehmenden Akteure:
- Caritas, Lüdenscheid
- Mani Häusliche Pflege, Lüdenscheid
- Pflegedienst zu Hause, Lüdenscheid
- Johanniter, Lüdenscheid
- Homelnstead, Lücenscheid
- Arche, Lüdenscheid
- AuraIntense, Lüdenscheid
- LaBa, Lüdenscheid,
- Diakoniestation Lüdenscheid/Altena
- MAAL Sozialdienst, Lüdenscheid
- Nal Alltagsunterstützung, Lüdenscheid
- Deine Alltagsbegleitung, Lüdenscheid
- Seniorenbetreuung Lebenswert, Lüdenscheid
- MaWo Betreuungsdienst, Lüdenscheid
- Betreuung Eilenberg, Lüdenscheid
- Alltagsbegleitung Briese, Lüdenscheid
- Mobile Pflege Bethanien, Lüdenscheid
- Pflege- und Betreuungsdienst „Alles aus einer Hand“, Lebenshilfe Lüdenscheid-Märkischer Kreis
- Seniorenwohnheim Weststraße Pflege, Lüdenscheid
- Pflege an der Volme, Schalksmühle
- HWS Seniorenhilfe, Schalksmühle
- Pflegeteam Pro Vita, Altena
- Wenn Eltern helfen, Meinerzhagen
- Christel Schmidt Pflege, Meinerzhagen
- FAJA Pflege, Kierspe
- Pflegedienst for a better life, Kierspe
- Rat und Tat Pflege, Kierspe
- WHW, Plettenberg
- Lanas Alltagsbegleitung, Herscheid
- Tag in Gemeinschaft, Halver
- Pflegeleicht NRW GmbH, Halver
- AG Wohlfahrt, Lüdenscheid
- Zukunft Pflege Südwestfalen e.V.









