„Die Unterstützung von niederlassungswilligen Ärztinnen und Ärzten durch die Verwaltung, die heimische Politik – und insbesondere durch den Bürgermeister – wird begrüßt“ – darauf hatte sich der Ausschuss für Demografie, Soziales und Familie am 16. Mai geeinigt. Vorausgegangen war eine Diskussion um die Ärzteversorgung in Kierspe und ein FWG-Antrag (wir berichteten). Im Hauptausschuss am 6. Juni wurde die Thematik erneut aufgegriffen.
Die Kassenärztliche Vereinigung Westfalen-Lippe attestiert der Volmestadt einen „dringenden Versorgungsbedarf“ und bietet Förderdarlehen wie Praxisdarlehen oder Umsatzgarantien für Ärzte und ihre Kinder an. Auch Kita- und Schulplätze sowie Anlaufstellen des Märkischen Kreises stehen niederlassungswilligen Ärzten zur Verfügung. Doch das reicht nicht aus, um Ärzte in die Volmestadt zu locken. „Wir machen uns Gedanken um die ärztliche Versorgung in Kierspe“, so Georg Würth als einziger FWG-Vertreter im Fachausschuss. In Nachbarkommunen sei zu beobachten, wie trotz der Auslobung hoher Summen keine Ärzte sich im ländlichen Bereich niederlassen wollten. Daher der Antrag seiner Fraktion, die Verwaltung solle die Möglichkeiten der Räumlichkeiten für Praxisanmietungen prüfen. Kritik kam aus den anderen Fraktionslagern, die der FWG vorwarfen, keine Kostenkalkulationen ihrem Antrag beizufügen. Dagegen wehrte sich Würth entschieden.
Ein weiterer Diskussionspunkt: Die Verlagerung des Antrags in den Hauptausschuss. Dieser könne nur über die Finanzierung des Antrags beraten, aber nicht auf inhaltlicher Ebene diskutieren. Unverständnis bei den Ausschussmitgliedern, warum Jochen Reiffert als dienstältester Arzt in Kierspe zur Versorgungsproblematik im Hauptausschuss spreche, aber nicht im Fachausschuss. „Ein terminliches Problem“, so Dorette Vormann-Berg.
Hauptausschuss: Interesse eines Arztes muss bestehen
Reiffert kam am 6. Juni in den Hauptausschuss und mit ihm ein Ergebnis auf die Tagesordnung „das wir akzeptieren müssen, das uns aber nicht gefällt“, so Peter Christian Schröder. „Von der vorzeitigen Anmietung von Praxisräumen wird abgesehen“, heißt es nämlich in der Beschlussvorlage. Eine vorzeitige Anmietung sei nicht zielführend. Vielmehr müsse zunächst ein konkretes Interesse eines Arztes bestehen, sich in Kierspe niederzulassen. Wenn sich jemand niederlassen möchte, kann eine Förderung stattfinden, heißt es von Seiten der Stadt.
Bürgermeister Olaf Stelse äußerte die Hoffnung, „dass wir 2024 hoffentlich wieder jemanden nach Kierspe kriegen.“ Er verwies auf die bisherigen Bemühungen der Stadt: Bei jedem Bauprojekt wird der Investor für die Möglichkeiten der Einrichtung einer Arztpraxis angefragt, etwa bei der Anlage am Haunerbusch oder bei dem Rönsahler Hotel Zur Leie. Möglichkeiten der Umgestaltung in Praxisräume sind im Gespräch, so Stelse.
Ausdünnung in der Ärzteversorgung
Reiffert ist seit 30 Jahren Hausarzt in Kierspe. Er beobachtet den Ärztemangel nicht nur in der Volmestadt: „1300 bis 1600 Patienten pro Hausarzt sind kein Kiersper Problem“, betonte er. „Wir erleben hier eine Ausdünnung in der Versorgung. Kierspe ist unter den Abdeckungsgrad von 75 Prozent gerutscht. Daher wandern viele Patienten nach Meinerzhagen ab.“
Das Problem ist Reiffert zu folge das gesunkene Interesse von Medizinstudenten an einer Selbstständigkeit. Wirtschaftliche Risiken lassen das Interesse an einem gesicherten Angestelltenverhältnis steigern, war er sich sicher. Ein weiterer Punkt: Die Work-Life-Balance. Und: zu viel Verwaltung. 40 Prozent des Tages müssten für Verwaltungstätigkeiten aufgebracht werden. „Als selbstständiger Hausarzt kann ich mich kaum noch ausreichend um meine Patienten kümmern“ – viele Steine die der Selbstständigkeit in den Weg gelegt werden. An der ländlichen Lage Kierspes würde der Ärztemangel aber nicht liegen. Dennoch blieb bei den Ausschussmitgliedern die Frage, wie Kierspe für Ärzte attraktiver werden könnte, offen. Zwar sei ein Medizinisches Versorgungszentrum, wie es mit Halver angedacht sei, wünschenswert, aber nicht ausreichend, so Schröder.
„Nicht Sache der Stadt“
Angesichts der Herausforderungen lobte Reiffert den Einsatz der Stadt Hausärzte anzulocken. „Das ist eigentlich Ländersache“, erklärte er. Und trotz aller Kritik habe Deutschland eines der besten Gesundheitssysteme weltweit. Dennoch sieht Kierspes dienstältester Arzt einen entscheidenden Haken: Der wirtschaftliche Faktor steht im Vordergrund, nicht die Daseinsvorsorge. Auch für MZV sei es schwierig, die schwarze Null zu erwirtschaften. Ein Vorteil dieses Modells: Medizin und Wirtschaft sind getrennt.
Entwarnung gab Reiffert auf die Frage, ob das Klinikum Hellersen von der Krankenhaus-Reform der Bundesregierung betroffen sein könnte. „Das Klinikum hat beinahe den Status einer Uni-Klinik mit seinen spezifischen Abteilungen. Es werden eher die kleineren Kliniken Federn lassen müssen.“
Auf dem Land mit seiner alternden Bevölkerung sei die jahrelange Beziehung zwischen Arzt und Patienten entscheidend, weiß Reiffert aus Erfahrung. Für ältere Patienten sei es zudem herausfordernd, eine Stunde Fahrtweg auf sich zu nehmen. „Wir bleiben an dem Thema dran“, versprach Stelse abschließend.
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