Berlin, Frankfurt, Essen – und mittendrin Halver. Wo früher Industriegeschichte geschrieben wurde, diskutieren heute Bildungsexperten über die digitale Zukunft Deutschlands. Das Kreativ.Quartier.Wippermann. in Halver war am Mittwoch, 10. Juni, Gastgeber des bislang größten TUMO-Treffens und wurde für einen Tag zum Zentrum eines bundesweiten Bildungsnetzwerks.

Als die ersten Gäste im Kreativ.Quartier.Wippermann. eintreffen, blicken viele zunächst überrascht auf die Umgebung. Halver. Eine Kleinstadt im Märkischen Kreis. Keine Metropole, kein Szeneviertel, kein Ort, den die Besucher automatisch mit digitaler Bildung und kreativen Zukunftsprojekten verbinden. Und doch sind sie gekommen.

Aus Berlin. Aus Frankfurt. Aus Köln. Aus Essen. Mehr als 30 Verantwortliche, Mitarbeitende, Unterstützer und Partner der TUMO-Zentren aus ganz Deutschland reisen an diesem Tag nach Halver. In das Kaff, dass bisher niemand kannte. Es ist das dritte bundesweite TUMO-Treffen überhaupt – und zugleich das bislang größte.

Schon kurz nach ihrer Ankunft verteilen sich die Gäste im Kreativ.Quartier.Wippermann. Zwischen historischen Backsteinmauern, modernen Arbeitsräumen und der TUMO-Box entstehen erste Gespräche. Manche zücken ihre Smartphones für Insta-Stories und Fotos, andere bleiben stehen und schauen sich neugierig um. Immer wieder fällt derselbe Satz: „Das hätte ich hier überhaupt nicht erwartet.“ Die Überraschung ist ehrlich.

Denn Halver ist klein. Sehr klein im Vergleich zu den Städten, aus denen viele Besucher angereist sind. Doch genau das macht den Reiz aus. Während anderswo große Budgets und urbane Kulissen als Voraussetzung für Innovation gelten, zeigt das Kreativ.Quartier.Wippermann., dass kreative Räume auch fernab der Metropolen entstehen können.

Auch David Emmanuel Breuer, Geschäftsführer der TUMO Deutschland gGmbH mit Sitz in Berlin, zeigt sich beeindruckt. „Es ist toll, hier zu sein“, sagt er mit Blick auf das Quartier und die besondere Atmosphäre des Standorts.

Zur Begrüßung richtet Heike Müller-Bärwolf den Blick auf das, was hier entstanden ist. Die Geschäftsführerin von b.invest verantwortet gemeinsam mit ihrem Team das TUMO-Zentrum in Lüdenscheid sowie die TUMO-Box in Halver. „Das haben wir hier zu dritt in Halver gemeinsam geschaffen: b.invest gGmbH, die Stadt Halver und die EW Halver GmbH“, sagt sie.

Und es gibt noch einen weiteren Grund, warum so viele nach Halver kommen: Die TUMO-Box im Denkhof ist ein besonderer Ort innerhalb des internationalen Netzwerks. Sie war die erste TUMO-Box außerhalb Armeniens – und gleichzeitig die erste weltweit, die gar keine Box im klassischen Sinne ist.

Denn: In Armenien bestehen die sogenannten TUMO-Boxen aus umgebauten Seecontainern, die als Satellitenstandorte dienen und mit einem zentralen TUMO-Zentrum verbunden sind. Als das Konzept nach Halver kam, entschieden sich die Verantwortlichen für einen anderen Anlauf – einen neuen Weg. Statt eines Containers entstand die TUMO-Box direkt in den Räumen des Denkhofs – fest integriert in das Kreativ.Quartier.Wippermann. Außerdem stehen in Halver auch Sitzstufen statt cleaner Schreibtische.

Großes Interesse an „kleiner Box“

Was in Halver als mutige Weiterentwicklung des armenischen Modells begann, kann zum Vorbild für weitere Standorte werden. Genau deshalb ist das Interesse der Gäste so groß an der kleinen blauen Box.

Sie stehen vor den Räumen, lassen sich Konzepte erklären, fragen nach Erfahrungen und Erfolgsfaktoren. Für viele ist die Halveraner Lösung mehr als ein lokales Projekt. Sie ist ein Beispiel dafür, wie sich das internationale TUMO-Konzept weiterentwickeln kann. Doch an diesem Tag geht es um weit mehr als Architektur oder Raumkonzepte.

Kathrin Diegmann, Marketingmanagerin b.invest/Tumo Lüdenscheid, stellt das entwickelte Konzept für Lüdenscheid vor. Auch andere Standorte berichteten über ihre Kampagnen und Kommunikationsstrategien. Konkret entstand der Wunsch aller Marketingmitarbeiter, sich zukünftig regelmäßig zu vernetzen, um Ressourcen zu bündeln.

Während drinnen über die Zukunft der Bildung referiert und diskutiert wird, entstehen in den Workshops neue Kontakte. Berliner sprechen mit Sauerländern, Kölner mit Frankfurtern, Essener mit Menschen aus neuen TUMO-Standorten. Ideen werden ausgetauscht, Projekte vorgestellt, Erfahrungen geteilt.

Programmieren, animieren, designen

In Workshops und Gesprächsrunden diskutieren die Verantwortlichen über die Herausforderungen ihres Alltags. Wie können Jugendliche dauerhaft für die Angebote begeistert werden? Welche Themen sprechen junge Menschen besonders an? Wie erreicht man diejenigen, die bislang noch keinen Zugang zu digitalen Bildungsangeboten gefunden haben?

Ebenso offen wird über Finanzierung gesprochen. Förderprogramme, Sponsoring, Kooperationen mit Unternehmen und Stiftungen – viele Standorte stehen vor ähnlichen Fragen. Erfahrungen werden geteilt, Kontakte vermittelt, Ideen gesammelt. Es wird diskutiert, gerechnet, skizziert und manchmal auch kontrovers debattiert.

Gerade dieser offene Austausch macht den besonderen Wert des Treffens aus. Denn alle eint dasselbe Ziel: jungen Menschen Fähigkeiten zu vermitteln, die in einer digitalen Welt immer wichtiger werden. Programmieren, Robotik, Animation, Filmproduktion, Grafikdesign oder Künstliche Intelligenz – TUMO versteht sich nicht als klassisches Bildungsangebot, sondern als Ergänzung zu Schule und Ausbildung.

Investition in die Gegenwart und die Zukunft

Es geht um die Fachkräfte von morgen. Und damit um nicht weniger als die Zukunft eines modernen Wirtschaftsstandorts Deutschland. Während vielerorts über Digitalisierung gesprochen wird, entstehen in den TUMO-Zentren konkrete Lernorte dafür. Orte, an denen Jugendliche selbstständig experimentieren, kreativ werden und technologische Kompetenzen entwickeln können.

Wer an diesem Nachmittag durch die Räume geht, spürt deshalb schnell: Hier wird nicht nur über Zukunft geredet. Hier wird in sie investiert. In die Gegenwart junger Menschen. Und vor allem in die Zukunft.

Vor dem Gebäude steht eine Besucherin und blickt die Frankfurter Straße hinunter. Sie kommt aus Berlin und lacht, als sie erzählt, was ihr als Erstes aufgefallen ist: „In dieser Stadt gibt es sogar veganen Kuchen“, sagt sie und schüttelt leicht den Kopf.

Der Satz steht auch für die vielen kleinen Überraschungen dieses Tages. Für das Bild, das viele von einer Kleinstadt mitgebracht haben – und das hier Stück für Stück korrigiert wird. Halver wirkt an diesem Tag anders, als manche es erwartet haben. Offen. Kreativ. Selbstbewusst. Und ja, vielleicht sogar ein wenig hip.

Lüdenscheid und Halver setzen Impulse

Viele der Gäste kommen, um sich inspirieren zu lassen und um sich auszutauschen. Neben Vertretern aus den sieben bestehenden deutschen TUMO-Zentren sowie den geplanten Standorten in Lüdenscheid, Essen, Köln, Mannheim, Hirschaid, Düsseldorf, Saarbrücken, Hannover, Nürnberg und Berlin nahmen auch Vertreter von TUMO Deutschland und weitere Partner an dem Netzwerktreffen teil.

Aufgrund der hohen Dichte an TUMO-Zentren in Deutschland – nach Armenien, dem Gründungsland, folgt Deutschland als das Land mit den meisten TUMO-Zentren – besteht hierzulande ein gut ausgebautes Netzwerk, in dem sich die Mitarbeiter der verschiedenen Zentren zu unterschiedlichen Themen austauschen.

Das Kreativ.Quartier.Wippermann. ist dabei weit mehr als die Kulisse für ein Treffen. Es ist selbst Teil der Geschichte. Es zeigt, wie aus einer Idee ein Lernort werden kann, der über die Stadtgrenzen hinaus Aufmerksamkeit erzeugt. Wie das TUMO-Zentrum Lüdenscheid in Halver Impulse setzt, die bis nach Berlin, Frankfurt oder etwa Amsterdam (dort entstehen derzeit Boxen) reichen.

Weitere Infos: https://luedenscheid.tumo.de/