Zuhause laut. Woanders still und leise. Sophia* (*Name von der Redaktion geändert) kennt alle Lieder auswendig – aber sie singt in der Schule nicht mit. Sie lernt fleißig das Gedicht – aber sagt es nicht vor der Klasse auf. Ihre Lehrerin hat noch nie die Stimme der Grundschülerin gehört. Denn Sophia leidet unter selektivem Mutismus.
So sehr sie es sich auch wünscht; in der Schule, vor Fremden, ja sogar vor einigen Familienmitgliedern ist sie einfach sprachlos. Logopädin Laura Obermeier erklärt im Gespräch mit LokalDirekt, was das für Kinder wie Sophia bedeutet. Und wie sie einen Ausweg finden können. Vom Schweigen.
Betroffen sind vor allem Kinder im Kindergarten- und Grundschulalter. Tendenziell eher Mädchen als Jungen. Aufgrund der hohen Dunkelziffer lässt sich laut Laura Obermeier schwer sagen, wie viele Kinder tatsächlich an selektivem Mutismus leiden. Denn bis es erkannt wird können Jahre vergehen. Wenn die Verdachtsdiagnose überhaupt gestellt wird.
Selbst Fachkräfte, wie Erzieher oder Lehrer, wüssten nicht immer, dass es diese Angststörung überhaupt gibt. Und so kommt es vor, dass Kinder schnell als schüchtern oder gar als Trotzköpfe abgestempelt werden. Einen konkreten Auslöser gebe es nicht, vielmehr kommen mehrere Faktoren zusammen.
Druck von Außen
Im Fall von Sophia fiel ihr Schweigen erst im Laufe der Schulzeit auf. Bis dahin erlebte sie jeden Tag den gleichen Teufelskreis. So viele Lieder, Spiele und auch Aufgaben, bei denen ihre Stimme versiegte.
Die Enttäuschung, es nicht zu schaffen, ist groß. Der Druck von Außen ebenso und die immer wiederkehrende Frage „Warum spricht sie nicht?“ Weil sie es nicht kann, sagt Laura Obermeier.

Sie arbeitet in der Logopädischen Praxis Spille in Lüdenscheid und hat sich speziell für selektiven Mutismus ausbilden lassen. Warum? „Weil es eine Herausforderung ist. Ich kann mich kaum auf die Therapie vorbereiten. Es gibt keinen klassischen roten Faden, wie bei anderen Sprachstörungen, wie zum Beispiel beim Lispeln.“ Inzwischen weiß auch Sophias Lehrerin Bescheid. Das macht vieles leichter. Für Sophia. Für die Eltern. Für die Schule. Laura Obermeier bezieht sie alle in die Therapie ein.
Die ersten Worte – ein besonderer Moment
„Meine wichtigste Aufgabe ist es zunächst Vertrauen aufzubauen“, sagt die Logopädin. Das Büro soll sich im Laufe der Zeit zum Safe-Place entwickeln. Er wird zur Höhle oder zum Schloss. Ein Ort zum Wohlfühlen und Fallenlassen. Wenn das gelingt und das Kind die ersten Laute oder gar Worte spricht, dann ist das auch für die Logopädin ein ganz besonderer Moment. Sophia ist das inzwischen gelungen. „Ich war richtig aufgeregt, mein Puls ging hoch und ich habe mich unglaublich gefreut“, erzählt Laura Obermeier stolz.
Für kleinere Kinder im Kita-Alter setzt Obermeier gerne „Schnecki“ ein. Das Kuscheltier kriecht in sein Schneckenhaus, wenn es es schüchtern ist, kann aber auch mutig sein und herauskommen. „Sie ist außerdem sehr langsam und tollpatschig und freut sich, wenn die Kinder ihr ‚helfen'“, sagt die Logopädin.

Sophia hat den ersten Meilenstein gemeistert. Doch der Weg zum gemeinsamen Singen in der Schule und zum Aufsagen der gelernten Gedichte ist noch lang.
Stück für Stück wird sie ihn gehen. Mit Laura Oberbermeier an ihrer Seite. Die Logopädin betont, dass selektiver Mutismus kein Makel ist. Vielmehr eine Besonderheit. Und definitiv auch eine Herausforderung.
Tipps zum Umgang
Was kann das Umfeld von Kindern mit selektivem Mutismus tun? Das Wichtigste ist, rät die Expertin, keinen Druck aufzubauen. Und Alternativen aufzeigen, mit denen das Kind kommunizieren kann. Das kann ein Zwinkern sein, zuwinken oder nicken. Das allein nehme den Kindern eine große Last.
Hilfe für Betroffene
Wenn der Verdacht im Raum steht, dass ein Kind an selektivem Mutismus leidet, rät Laura Obermeier zunächst genau hinzuschauen. Nicht jedes Kind, das wenig spricht sei betroffen. Es sei wichtig zunächst zu reflektieren, in welchen Momenten geschwiegen wird. Sollte sich der Verdacht jedoch erhärten, ist der Kinderarzt die erste Anlaufstelle.
Weitere Informationen sowie eine Liste mit spezialisierten Praxen gibt es beim Dortmunder Mutismus Zentrum









