Als sich am Montag, 16. März, eine Gruppe von Bürgerinnen und Bürgern am Busbahnhof versammelt, wirkt die Szene auf den ersten Blick unspektakulär: Menschen stehen beisammen, begrüßen sich, tauschen ein paar Worte. Doch der gemeinsame Weg, der hier beginnt, führt mitten hinein in ein Thema, das im Alltag oft übersehen wird — und für viele doch entscheidend ist: Barrierefreiheit.

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Wenn der Gehweg zum Hindernis wird

Eingeladen zum Rundgang hatte der Sozialverband Deutschland (SoVD), vor Ort organisiert hatte ihn Werner Frühauf, Vorsitzender des SoVD-Kreisverbandes Iserlohn-Hagen und Mitglied der SPD Breckerfeld. Mit dabei waren neben interessierten Bürgerinnen und Bürgern auch Vertreterinnen und Vertreter der lokalen Politik. Ihr Ziel: Breckerfeld aus einer anderen Perspektive zu betrachten — aus der Sicht derjenigen, für die ein Bordstein, eine Stufe oder ein zu schmaler Gehweg schnell zur Grenze werden kann.

Schon nach wenigen Metern wird deutlich, worum es geht: Der Blick der Gruppe richtet sich nicht mehr nur geradeaus, sondern nach unten, zur Seite, auf Details. Unebene Pflastersteine, beschädigte Stellen, stark geneigte Gehwege — Dinge, die nicht-beeinträchtigten Menschen im Alltag kaum auffallen, werden hier genau betrachtet.

Dr. Michael Spörke vom SoVD Nordrhein-Westfalen — und selbst auf einen Rollstuhl angewiesen — bleibt immer wieder stehen, zeigt, erklärt, ordnet ein. Es sind oft die kleinen Mängel, die große Auswirkungen haben. Für Menschen mit Rollator oder Rollstuhl können sie zur täglichen Herausforderung werden.

Eine Frau im Rollstuhl und eine Gruppe von Menschen stehen auf einem Gehweg und betrachten eine Barriere. Ein Mann mit einer gelben Weste deutet auf den Gehweg.
Dr. Michael Spörke zeigte immer wieder Barrieren auf, mit denen Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen in ihrem Alltag konfrontiert werden.
Foto: Satur

Eine Ampel, die zum Nadelöhr wird

An der Frankfurter Straße bleibt die Gruppe länger stehen. Der Ampelübergang in Höhe des Kosmetikstudios zeigt ein Problem besonders deutlich: Der Gehweg ist extrem schmal. Zwischen Hauswand und Bordsteinkante bleiben nur etwa 70 bis 80 Zentimeter. „Hier passt kaum ein Rollstuhl durch“, wird festgestellt. Wer hier unterwegs ist, müsse genau manövrieren können — wenn das überhaupt möglich ist.

Die anwesenden Ratsmitglieder verweisen auf geplante Veränderungen: Im Zuge der Sanierung der L528 soll die Ampel versetzt werden. Ob das die Situation entschärft, werde sich erst zeigen müssen.

Personen warten an einer schmalen Fußgängerampel vor Fachgeschäften. Ein Rollator steht auf dem Bürgersteig, der sich verengt.
An der Ampelüberführung ist der Bürgersteig enorm schmal, insbesondere Rollator- oder Rollstuhlfahrer empfinden diese Stelle nicht nur als schwierig zu handhaben, sonder auch als gefährlich.
Foto: Satur

Auch an anderen Stellen, etwa vom Ostrin Richtung Marktplatz oder an der Langscheider Straße, wo sich eine Einrichtung für bereutes Wohnen befindet, zeigt sich: Querungen sind oft komplizierter, als sie auf den ersten Blick wirken. „Weil es hier keine gescheite Bordsteinabsenkung gibt“, stellt ein Rollatorfahrer fest.

Stufen verhindern Selbstständigkeit

Je weiter der Rundgang in Richtung Innenstadt führt, desto stärker rückt ein anderes Problem in den Fokus: der Zugang zu Gebäuden. Viele Geschäfte, sogar Arztpraxen sind nur über Treppen erreichbar.

Für Menschen mit körperlichen Einschränkungen bedeutet das vor allem eines: Abhängigkeit. „Hier ist man dann grundsätzlich auf die Hilfe von Mitmenschen angewiesen“, sagt Dr. Spörke. Oft bleibt nur, sich bemerkbar zu machen — in der Hoffnung, dass jemand hilft. Manchmal gibt es mobile Rampen, etwa am LokalLaden. Doch ob sie auch für „schwerere“, beispielsweise Elektrorollstühle geeignet sind, ist nicht immer klar.

Eine mobile Rampe führt zur Eingangstür eines Geschäfts mit dem Schild „Regionale Produkte, Begegnung und Information“.
Der LokalLaden verfügt über eine Rampe.
Foto: Satur

An der Hanse-Apotheke zeigt sich ein weiteres Beispiel: Der Haupteingang ist nur über mehrere Stufen erreichbar. Ein Aufzug existiert — allerdings am Hintereingang. Wer das nicht weiß, steht zunächst vor einer unüberwindbaren Hürde. Christoph Altenbeck merkt an: „Allerdings ist hier immerhin an der Treppenmauer eine für Rollstuhlfahrer erreichbare Klingel angebracht, sodass man sich bemerkbar machen kann.“ 

Die scheinbaren 'Kleinigkeiten' summieren sich: Klingeln, die zu hoch angebracht sind, Türen, die sich schwer oder nur nach außen öffnen lassen. „Es ist ein Geflecht aus Details, das über Teilhabe entscheidet“, betont Dr. Michael Spörke.

Auch die Orientierung für Sehbehinderte wird schließlich zum Thema. Taktile Leitsysteme, eigentlich gedacht als Hilfe, enden mancherorts abrupt. „Sie führen einen zwar über die Straße, aber danach hört’s auch auf“, heißt es aus der Gruppe. Was fehlt, ist die Weiterführung — eine logische, sichere Linie durch den öffentlichen Raum oder wenigstens durch den Ortskern.

Wenn Planung an der Realität vorbeigeht

Barrieren offenbaren sich auch an den Bushaltestellen und am Busbahnhof. „Ein barrierefreier Umbau von Haltestellen ist im Zuge der anstehenden Sanierung der L528 nicht vorgesehen“, erklärt Bürgermeister André Dahlhaus. Der Landesbetrieb Straßen.NRW habe hierfür technische und bauliche Gründe genannt. Die Stadt Breckerfeld werde sich aber darum bemühen, in ein Förderprogramm des VRR (Verkehrsverbund Rhein-Ruhr) aufgenommen zu werden, damit die Haltestellen irgendwann barrierefrei gestaltet werden.

Dr. Spörke rät dabei zu einem Blick über Breckerfeld hinaus. Er wisse aus der Erfahrung in anderen NRW-Städten, dass Planungen oft nicht ineinandergreifen: „Gerade beim Straßenbau, oder in diesem Fall barrierefreien Umbau sind an der Planung stets mehrere Stellen oder Ämter beteiligt. Oft wurde ein Haufen Geld ausgegeben, ohne dass anschließend eine wirkliche Barrierefreiheit herausgekommen ist“, sagt er. Ein Problem sei nicht nur die fehlende Abstimmung: „Auch wenn Verkehrsbetriebe neue Fahrzeuge anschaffen, passt es manchmal am Ende nicht mehr zusammen.“ Der Bürgermeister versichert daraufhin: „Die Stadt Breckerfeld wird sich hier mit dem VER und der HST abstimmen und sie in die Planungen einbeziehen.“

Zwei Männer im Rollstuhl sitzen im Gespräch vor einer alten Steinmauer. Im Hintergrund stehen vier weitere Personen und betrachten eine Informationstafel.
Dr. Michael Spörke (links) lobte Breckerfeld zwar als "idyllischen Ort", machte jedoch auch zahlreiche "Knackpunkte" hinsichtlich der Barrierefreiheit aus.
Foto: Satur

Die Stadt aus neuer Perspektive

Mit jedem Schritt durch den Ortskern verändert sich — vor allem für jene, die (noch) nicht auf Hilfsmittel wie einen Rollator oder Rollstuhl angewiesen sind — der Blick auf die Stadt. Was zuvor selbstverständlich wirkte, erscheint plötzlich als Hindernis. Breckerfeld zeigt sich an diesem Tag nicht nur von seiner idyllischen, sondern von seiner herausfordernden Seite. Gleichzeitig wird den Teilnehmern des Rundgangs deutlich: Viele Probleme sind lösbar — wenn sie erkannt werden.

„Barrierefreiheit ist kein Luxus, sondern Voraussetzung für gesellschaftliche Teilhabe“, hatte Organisator Werner Frühauf im Vorfeld betont. Und nach dem Rundgang hat dieser Satz nochmal an Gewicht zugelegt. Für die Beteiligten ist klar: Der Rundgang war kein Abschluss, sondern erst ein Anfang. Denn am Ende der Strecke stand eine lange Liste an Beobachtungen. Diese sollen laut SoVD und SPD nun ausgewertet werden und die Erkenntnisse in die politische Diskussion einfließen — Schritt für Schritt.