Für die Reportagenreihe „Ein Tag im Einsatz“ begleitet LokalDirekt-Volontärin Amaris Seegmüller Menschen, die dort arbeiten, wo Hilfe nicht warten kann. Teil zwei führt in den Alltag der Polizei in Lüdenscheid — gemeinsam mit den Polizeibeamten Florian Diehl, Tim Knutzen, Florian Drischel und Steffen Kaufung.
Zwischen Kaffeeduft und Funkverkehr
Im Flur hallen Schritte über den Boden, irgendwo klackt eine Tür ins Schloss. Alles wirkt geordnet, kontrolliert. Im Aufenthaltsraum riecht es nach Kaffee. Eine Gruppe Polizeibeamter unterhält sich über den gestrigen Dienst. Leise Gespräche mischen sich mit dem Rascheln von Papierbechern.
Mein Kollege Paul Hösterey und ich begleiten an diesem Tag zwei verschiedene Streifenbesatzungen. Zunächst fahren wir mit Florian Drischel und Steffen Kaufung hinaus in den Lüdenscheider Alltag — dorthin, wo sich innerhalb weniger Sekunden entscheidet, wie sich eine Situation entwickelt.
Der erste Einsatz führt in ein Wohngebiet. Kaum kommt die Meldung über Funk herein, beschleunigt der Streifenwagen abrupt. Der Motor heult auf, Blaulicht und Martinshorn setzen ein. Innerhalb weniger Sekunden drückt die Beschleunigung uns spürbar in den Sitz. Autos ziehen hastig zur Seite, während der Wagen mit hoher Geschwindigkeit durch den Verkehr fährt. Die Sondersignale kommen nur bei dringenden Einsätzen zum Einsatz. Auch dann müssen die Beamten die Verkehrslage jederzeit im Blick behalten und mit der nötigen Sorgfalt fahren.
Der Rettungswagen ist bereits vor Ort. Das Fahrrad steht am Straßenrand. Sanitäter knien bei der Jugendlichen, stabilisieren ihren Kopf. Währenddessen beginnt für die Polizei die eigentliche Arbeit. „Wir teilen uns die Aufgaben in der Regel auf“, erklärt Florian Drischel, Polizeioberkommissar. „Einer macht den subjektiven Teil, spricht mit Zeugen und Beteiligten. Der andere kümmert sich um den objektiven Teil — Fotos, Videos, Skizzen.“
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Während sein Kollege, Polizeihauptkommissar Steffen Kaufung, mit den Zeugen spricht, fotografiert Drischel das Fahrrad mit seinem Diensthandy. Jede Aufnahme wird später Teil der Akte sein. „Das Mädchen ist wohl hier bergauf gefahren und von der Straße abgekommen“, sagt er und blickt auf die beschädigte Hecke. „Auf den ersten Blick eigentlich gar nicht so wild, aber sie scheint unglücklich gestürzt zu sein.“ Die Beamten klingeln anschließend bei den Nachbarn. Wem gehört die Hecke? Ist ein Schaden entstanden? Auch solche Fragen gehören zu einer Unfallaufnahme.
Jugendliche, Drogen und ein Lachen zur falschen Zeit
Kurz darauf rollt der Streifenwagen durch die Innenstadt. Über den Sternplatz, vorbei an Menschen mit Einkaufstüten, Jugendlichen auf Fahrrädern und wartenden Passanten an Bushaltestellen. Der Wagen fällt auf. Köpfe drehen sich. Manche schauen nur kurz, andere starren dem blau-silbernen Fahrzeug hinterher.
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Wenig später bittet das Ordnungsamt um Unterstützung. Zwei zivile Beamte kontrollieren Jugendliche im Rahmen einer Jugendschutzmaßnahme. Es besteht der Verdacht auf Drogenbesitz. Einer der Jugendlichen schaut stur auf den Boden, der andere versucht lässig zu wirken. Beide wirken beinahe unbeteiligt — fast so, als seien sie solche Kontrollen gewohnt. Währenddessen sind die beiden Polizisten und die Mitarbeiter des Ordnungsamtes hochkonzentriert. Ihre Blicke wandern immer wieder über den Platz und die vorbeilaufenden Menschen. Selbst während des Gesprächs bleiben sie aufmerksam, jederzeit bereit, auf eine plötzliche Veränderung der Situation zu reagieren.
„Einer der beiden hat laut des Ordnungsamtes vermutlich Drogen dabei“, erklärt uns Kaufung. „So genau können wir das jetzt noch nicht sagen. Das müsste geprüft werden.“ Also durchsuchen die beiden Polizisten die Jugendlichen. Da der Verdacht auf den Besitz von Betäubungsmitteln besteht, ist die Durchsuchung rechtlich zulässig und dient dem Auffinden möglicher Beweismittel. Dabei tragen sie Gummihandschuhe. Rosafarbene Tabletten finden sie später in einem Beutel. Der Verdacht: MDMA. „Wir haben verschiedene Handschuhe für die jeweiligen Situationen. So kann man mit den Gummihandschuhen besser fühlen. Wir haben aber auch zum Eigenschutz robustere Handschuhe dabei“, erklärt Kaufung.
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Nun muss ein Erziehungsberechtigter informiert werden. Als Kaufung die Schwester des Jugendlichen anruft, reagiert diese zunächst gereizt, beschimpft den Polizisten am Telefon und hält den Anruf offenbar für einen schlechten Scherz. Erst später erscheint sie tatsächlich vor Ort. Doch statt Sorge folgt erneut ein kurzes Lachen: „Wir dachten, das wäre ein Spaß“. Die Beamten bleiben sachlich. Menschen reagieren auf Polizeieinsätze unterschiedlich — für die Einsatzkräfte gehört der Umgang mit diesen Reaktionen zum Alltag.
Wenn sich jemand Sorgen macht
Der folgende Einsatz wirkt zunächst unscheinbar. Über Funk kommt die Meldung, dass ein Mann verwirrt an einer Straße entlanglaufen soll. Ein Verkehrsteilnehmer hat die Polizei gerufen, weil er sich Sorgen macht. Die Beamten finden den Mann nahe einer Tankstelle. Autos rauschen vorbei, während sie ihn ansprechen. Der Mann bleibt ruhig stehen, beantwortet die Fragen freundlich. Schnell wird klar: Kein medizinischer Notfall. Keine Gefahr. Er ist lediglich spazieren gegangen.
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Trotzdem fahren die Beamten nicht einfach wortlos weiter. Sie nehmen sich Zeit, erklären ruhig, warum sie angehalten haben, vergewissern sich mehrfach, dass es ihm gut geht. „Man kann die Polizei immer rufen, wenn man sich Sorgen macht“, betont Drischel später. „Da ist kein Anruf zu viel, wenn man ihn ernst meint.“
Zwischen Taser, Bodycam und Funkgerät
Zurück auf der Wache zeigen Florian Drischel und Steffen Kaufung uns ihr Fahrzeug. Wer hier schwere Technik, Hightech oder spektakuläre Spezialausrüstung erwartet, wird überrascht: In den Fächern des Streifenwagens liegen vor allem unscheinbare Dinge. Hütchen für Absperrungen, kleine Lampen, ein Besen für Unfallstellen und Schutzwesten.
Im Anschluss zeigen die Beamten, was sie am Körper tragen: Der Taser sitzt gut erreichbar am Gürtel, daneben Funkgerät und weitere Einsatzmittel. „Die Schusswaffe trägt jeder Kollege draußen“, erklärt Drischel und zeigt auf die Waffe an seinem Gürtel. „Die Bodycam schalten wir meistens an, wenn jemand aggressiv wird“, erläutert er. „Das hat tatsächlich schon häufiger deeskalierend gewirkt.“ Dann erklärt er das Funkgerät. „Wenn wir die Fünf drücken, haben wir einen Sprechwunsch. Dann meldet sich die Leitstelle bei uns.“
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Auch die eigene Körperhaltung ist Teil dieser ständigen Einsatzbereitschaft: Die Beamten erörtern, dass sie ihre Arme stets im sogenannten Aktionsraum halten. Das bedeutet, die Hände bleiben nah am Oberkörper, häufig sogar oben an der Schutzweste. So können sie im Ernstfall ohne Verzögerung reagieren.
Hausdurchsuchung und Drogenfund
Später wechseln wir die Streife. Nun begleiten wir Florian Diehl und Tim Knutzen, die uns zunächst durch das Gebäude führen, vorbei an Büros, Aufenthaltsräumen und schließlich auch durch die Zellen.
Der nächste Einsatz beginnt diesmal nicht auf der Straße, sondern auf der Wache. Zurück am Empfangstresen steht plötzlich ein Mann. Genau hier, wo eben noch normaler Wachdienst lief, verdichtet sich die Situation innerhalb weniger Augenblicke zu einem Einsatz. Der Mann berichtet von einem Freund, der mit einer Tasche voller Betäubungsmittel in einen Bus gestiegen sein soll. Noch während er spricht, wird klar: Die Informationen sind zwar fragmentarisch, aber ausreichend, um sofort zu handeln.
Dann geht es ohne Verzögerung weiter in den Streifenwagen und hinaus in den fließenden Verkehr. Als die Beamten den mutmaßlichen Verdächtigen schließlich entdecken, läuft dieser bereits zu Fuß durch eine Wohnsiedlung. Sie sprechen den Mann an und durchsuchen ihn. Im weiteren Verlauf erklärt er sich damit einverstanden, dass die Beamten auch seine Wohnung durchsuchen. Wenig später öffnen die Einsatzkräfte Schränke, Taschen und Schubladen — und finden weitere Drogen. Außerdem Manschettenknöpfe mit Hakenkreuzsymbolen.
„Grundsätzlich muss nun geprüft werden, ob der Besitz dieser Gegenstände mit den Hakenkreuzsymbolen verboten ist oder nicht“, erklärt Polizeioberkommissar Florian Diehl. Eine Wohnungsdurchsuchung ist rechtlich nur unter bestimmten Voraussetzungen möglich — etwa mit Zustimmung, auf richterliche Anordnung oder bei Gefahr im Verzug, wenn schnelles Handeln erforderlich ist.
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Später kontrollieren die Beamten während ihrer Streife noch einen Autofahrer, der die Vorfahrt missachtet hat. Dann geht es zurück zur Wache. Berichte müssen geschrieben, Vorgänge dokumentiert, Informationen nachgetragen werden. Polizeiarbeit besteht aus Einsätzen, bei denen Menschen Hilfe brauchen oder aus Einsätzen, weil sich Menschen nicht an geltende Regeln handeln. Und aus Beamten, die zwischen Funkgerät, Blaulicht und Alltag immer wieder neu abwägen müssen, wann, ob und in welcher Form ein Einschreiten notwendig ist — und wann ein ruhiges Gespräch ausreicht.
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Und irgendwo zwischen Berichtsbögen, Funkverkehr und dem Alltag auf Streife ist den Polizisten stets bewusst: Der nächste Einsatz kommt. Immer.







