Dass Beleidigungen und Pöbeleien im Sport, besonders im Amateurbereich, keine Seltenheit sind, weiß jeder, der schon einmal ein Spiel live erlebt hat. Medien berichten von abgebrochenen Partien, Morddrohungen und sogar Fällen, in denen Schiedsrichter bewusstlos geschlagen wurden. LokalDirekt hat bei heimischen Unparteiischen im Fußball und Handball nachgefragt, welche Erfahrungen sie auf dem Spielfeld machen.
Der 63-jährige Helmut Schubert, der seit 1997 als Handballschiedsrichter in der Region tätig ist, berichtet von einem überwiegend positiven Umgang mit seiner Person. „Natürlich werden wir oft angeschrien und angepöbelt, häufig auch von Eltern auf der Tribüne, die mit einer Entscheidung nicht zufrieden sind. Auf dem Feld haben sich die Spieler jedoch meistens im Griff“, erklärt er. „Hin und wieder gibt es aber auch Situationen, in denen man vorsichtig sein muss. Einmal hat sich nach dem Abpfiff das gesamte Team draußen um mich versammelt. Ein anderes Mal wollten mich Zuschauer nicht aus der Halle gehen lassen — auch solche Situationen kommen gelegentlich vor."
Wichtig sei vor allem die Erfahrung, um zu wissen, wie in solchen Momenten richtig zu reagieren ist. Ebenso brauche es den "passenden Charakter", um mit Kritik und Emotionen umgehen zu können. Schubert betont jedoch, dass sich viele Konflikte relativ schnell entschärfen ließen: „Manchmal reicht es schon, nach dem Spiel ruhig miteinander zu reden — vielleicht bei einem Bier. Oft merken alle Beteiligten dann, dass alles gar nicht so schlimm war."
Gleichzeitig erinnert Helmut Schubert daran, dass man es ohnehin nicht immer allen recht machen könne: „Ich mache auch mal einen Fehler, und es gibt Tage, an denen andere nicht zufrieden mit mir sind. Dann bin ich es selbst aber auch nicht."
Mehr Konflikte im Fußball
Im Fußball läuft es etwas anders ab. Christian Liedtke, Vorsitzender des Kreisschiedsrichterausschusses, erklärt, dass Anfeindungen und Gewalt hier deutlich häufiger auftreten als in anderen Sportarten. „Fußball ist die größte Sportart in Deutschland. Es ist daher nachvollziehbar, dass es dort mehr Fälle von Anfeindungen gibt, da sehr viele Menschen mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen diesen Sport ausüben“, sagt Liedtke im Gespräch mit LokalDirekt.
Respektvolle Handballer
„Im Handball — das hat man auch bei der diesjährigen Europameisterschaft gesehen — herrscht deutlich mehr Respekt gegenüber den Schiedsrichtern. Nach einem Foul wird der Ball liegen gelassen, eine Zeitstrafe wird ohne große Diskussionen akzeptiert und anschließend entschuldigt man sich beim Gegner. Solche Situationen gibt es im Fußball zwar ebenfalls, sie treten dort jedoch deutlich seltener auf."
Mehr Disziplin in höheren Spielklassen
Der 43-Jährige berichtet, dass Konflikte mit zunehmender Spielklasse seltener werden. Zwar gebe es auch Ausnahmen, und auch er habe früher bereits Gewalt durch einen Zuschauer erlebt, grundsätzlich nehme die Zahl der Anfeindungen jedoch mit höherem Niveau ab. „Auf Verbandsebene schauen mehr Menschen auf die Spieler, entsprechend muss auch eher mit Konsequenzen gerechnet werden. Auf höherem Niveau ist Disziplin gefordert, andernfalls könnte es beispielsweise Probleme bei der Jobsuche geben", sagt er. „Eine weitere Hürde ist, dass in den Kreisligen nur ein Schiedsrichter vor Ort ist. In höheren Klassen stehen bis zu drei Schiedsrichter auf dem Platz. Das ist für viele wahrscheinlich eine weitere Hürde."
Zu jung, zu weiblich – zu wenig Respekt?
Christian Liedtke pfeift, seit er 16 Jahre alt ist. Für junge Schiedsrichter könne es häufig schwieriger sein, so Liedtke, da sie befürchten müssen, von älteren Spielern nicht ernst genommen zu werden. Dasselbe gilt auch für Frauen: Laut Mitgliederstatistik des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) sind lediglich 4,6 Prozent der Unparteiischen im organisierten Fußball weiblich.
Stella Bierkoch ist seit 16 Jahren als Schiedsrichterin im Kreis tätig. Neben verbalen Anfeindungen muss sie sich häufig sexistische und frauenfeindliche Kommentare anhören. Vor körperlicher Gewalt habe die 32-Jährige jedoch grundsätzlich wenig Angst, da sie an einen sogenannten „Frauenbonus" glaubt: „Zum Glück sind viele andere Männer auf dem Platz, die in solchen Situationen eingreifen und mich verteidigen würden", erklärt sie. „Leider gibt es aber auch einige schwarze Schafe, die meiner Meinung nach nie wieder auf einen Sportplatz gehören sollten."
Ansprechpartner und Präventionskurse
Seit einigen Jahren haben alle Landesverbände des Deutschen Fußball-Bundes Anlaufstellen für Gewalt- und Diskriminierungsfälle eingerichtet. Die jeweiligen Ansprechpersonen werden regelmäßig geschult und begleitet, um insbesondere Betroffenen von Gewalt- und Diskriminierungsvorfällen Unterstützung anbieten zu können.
Auch der Deutsche Handballbund (DHB) bietet Präventionskurse an, die darauf abzielen, Gewalt gegenüber Schiedsrichtern zu verringern. In diesen Kursen werden unter anderem die Unterschiede zwischen psychischer und physischer Gewalt erläutert, Grundlagen der Gewaltprävention vermittelt sowie praxisnahe Tipps für Vereine gegeben. Zudem wird erklärt, wie entsprechende Vorfälle erkannt und erfasst werden können.








