Es war der Ministerpräsident des Landes NRW, Hendrik Wüst, der bei seinem Amtsantritt das Thema Einsamkeit mehr in die Öffentlichkeit bringen wollte und dazu nun alle Fraktionskollegen in NRW darum bat, im Rahmen einer Themenwoche „Einsamkeit“ direkt vor Ort ins Gespräch zu kommen. „Wir sind hier, um zuzuhören“, leitete der Landtagsabgeordnete Ralf Schwarzkopf (CDU) in den circa zweistündigen Austausch ein.
Margit Hillesheim, Vorsitzende der Arche, und Leiterin des Arche Care House, Ute Gall, gründeten bereits im Jahr 2006 den Verein mit der Vision, sich um Mitmenschen zu sorgen. Zu Beginn nahm Gall daher Bezug auf ihre Überlegungen zur deutschen Sorgekultur. Die Sorge würde aktivieren, um Verantwortung zu übernehmen, sich zu kümmern, zu bedenken, gestalten und eben nicht auszuweichen. „Was hier gewachsen ist, ist erstaunlich“, erklärte Hillesheim. Die Arche organisiert sich mit 120 Ehrenamtlichen und 19 Hauptamtlichen; zehn Jahre waren sie nur ehrenamtlich aufgebaut.
Zur Arbeit der Arche gehört auch die Hospizarbeit. „Man ist fürs Leben, wenn man im ambulanten Hospiz arbeitet“, erklärte Ute Gall zu den Hintergründen der Arbeit. Vor kurzem sei sie bei einem alten Ehepaar gewesen, das ein massives Problem mit der Einsamkeit hatte. Sie wären ohne Kinder und ohne Freunde und hätten nur noch sich. Diese Schicksale motivierten sie für ihre tägliche Arbeit. „Ich bin wütend, aber es ist eine ‚Mach-Weiter-Stimmung'“, sagte sie dazu. Doch diese Perspektivlosigkeit treffe eben nicht nur die ältere Generation, sondern alle Menschen.
„In 20 Jahren haben wir hier ein dickes Problem“, erläuterte sie weiter, denn bereits heute seien 30 Prozent der über 65-Jährigen im Stadtteil Gevelndorf Alleinlebende. Prognosen zeigten, dass bis 2040 diese Zahl auf 42 Prozent steigen werde.
Das Angebot der Arche in Lüdenscheid ist vielfältig – vom ambulanten Hospiz, der Trauerbegleitung, der Alltagsunterstützung, der Versorgungsplanung bis hin zu einer eigenen Akademie. Ein ambulanter Pflegedienst befindet sich im Aufbau. Im Bereich der Trauerarbeit gibt es eine Kooperation mit der Stadt Lüdenscheid und dem SOS Kinderdorf. Dennoch wird dieser Bereich, wie viele andere, über Spenden finanziert.
Der Standort in Lüdenscheid wird von den Verantwortlichen als Quartier gesehen, was bedeutet, dass die Bewohner von Gevelndorf, dem Stadtteil in dem die Arche besonders aktiv ist, gemeinsam mit Vereinen, Kirchen und Institutionen eine Anlaufstelle haben, um zusammenzukommen und sich zu vernetzen. Spürbar war, dass es an dem Abend immer wieder um das Thema Vernetzung ging, um der Einsamkeit entgegenzuwirken. So gibt es Kindergruppen für einsame Kinder, ein Erinnerungscafé für demenziell Erkrankte und ein morgendliches Frühstücksangebot.
An dem Abend wurde deutlich, wie wichtig das ehrenamtliche Engagement und auch die Pflege der Ehrenamtler ist. „Ehrenamtspflege ist eine echte Pflege“, beschrieb Ute Gall den Aufwand. Im ambulanten Hospiz hat die Arche einen Pool von 100 Ehrenamtlern, die meist zu einem Drittel im direkten Einsatz sind. Die weiteren Kräfte befinden sich auf Abruf oder in einer „Pause“. „Politik sieht Ehrenamt“, skizzierte Schwarzkopf. Mit der Ehrenamtskarte, die er als Beispiel nannte, können Ehrenamtler Vergünstigungen bei verschiedenen Aktivitäten erhalten. Auch für Ute Gall ein wichtiges Thema, welches sie direkt verfolgen wolle.
Als Gründe für die Einsamkeit – vor allem im Alter – wurden Bewegungsschwierigkeiten und Scham angeführt. Um dem entgegenwirken zu können, brauche es aufmerksame Mitmenschen, die mit offenen Augen die Probleme sehen würden. Im Beispiel des vereinsamten Ehepaares könnten Aktionen wie „Vorlesen für Kinder“ und „Waldspaziergänge mit Jugendlichen“ Lösungsansätze sein.
Besonders im hohen Alter nehmen laut Arche Depressionen durch das Gefühl der Perspektivlosigkeit zu. Einen Blick auf die jüngere Generation warf Gabi Buss von der Frauenunion Lüdenscheid, die von einer vereinsamten 24-Jährigen erzählte. „Es ist so wichtig, dass sie die Leute zu Hause abholen“, lobte sie das Engagement. Auch Mert Can Cetin, Vorsitzender des Kreisverbandes „Junge Union Mark“, führte zu einer „gefühlten neuen Einsamkeit“ der jüngeren Generation aus, die trotz SocialMedia und privater Kontakte oftmals eine Leere verspüren würde. Die Idee von Patenschaften, die innerhalb des Gesprächs aufkam, unterstützte er und machte deutlich, dass mögliche Patenschaften zwischen Jung und Alt eben keine Einbahnstraße seien.
Im Austausch wurde klar: Einsamkeit ist ein alle Generationen betreffendes Problem – mit teilweise verheerenden Konsequenzen. Es gelte, Angebote wie die Arche zu unterstützen und einen stets offenen Blick für seine Mitmenschen zu haben. Die Vorsitzende Margit Hillesheim war überzeugt, dass das Arche Care House ein Prototyp für das Land sein könnte. Ihre Vision: „Hier ist ein Ort, da kriege ich Hilfe!“
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