„Notruf Feuerwehr- und Rettungsdienst, in welcher Stadt ist Ihr Notfall?“ Gut 200.000 mal klingelte das Telefon im vergangenen Jahr an einem der Einsatzleittische im neuen Brandschutz- und Rettungsdienstzentrum des Märkischen Kreises im Gewerbegebiet Rosmart in Altena.
Davon waren 95.000 Notrufe die 90.000 Einsätze auslösten, 40.000 mal war der Rettungsdienst gefordert. Beim Rest ging es um verschiedenste Hilfeleistungen. Zumeist, allerdings nicht immer, sind am anderen Ende der Leitung Menschen, die dringend Unterstützung brauchen. Die bekommen sie auch so schnell wie eben möglich.

„Ist es tatsächlich ein Notruf, erfolgt eine genau festgelegte strukturierte Abfrage“, erläutert Stephan Volkmann. Der 53-jährige Brandrat ist Leiter der Kreisleitstelle des Märkischen Kreises. Seine Disponenten am Telefon arbeiten nicht nur die Fragenliste ab, sie übernehmen auch die Gesprächsführung.
„Der Anrufer ist hoch belastet und in einer Ausnahmesituation. Die Frage nach dem Standort erfolgt deshalb zuerst, weil der dann bekannt ist, falls das Gespräch mal abbricht.“
Jede Information ist wichtig
Hat der Disponent die Grundinformation, entweder lässt er sich so genau wie möglich schildern, was passiert ist, oder er lässt sich den Notfall genau schildern. Das ist nötig, um gezielt das richtige Rettungsmittel auf den Weg zu bringen. Denn das ist die Aufgabe der Mitarbeitenden in der Leitstelle – selbst fahren sie nicht zu den Einsätzen. Sie sorgen vielmehr dafür, dass das passende sowie am schnellsten verfügbare Personal und Fahrzeug zum Ort des Geschehens geschickt wird. Volkmann: „Das geschieht bereits parallel zum Telefonat. Bei extremen Einsätzen bleiben die Disponenten so lange am Telefon, bis der Rettungswagen vor Ort eingetroffen ist.“
Falls es wirklich um Leben und Tod geht und eventuell eine Reanimation erforderlich ist, dann geben die speziell ausgebildeten Mitarbeitenden der Kreisleitstelle per Telefon die erforderlichen Anweisungen dafür. Das ist gar nicht so selten. Stephan Volkmann: „Mehr als 400 Reanimationen haben wir pro Jahr. Da kommt es auf das exakte Anleiten des Notrufers an. Wir legen das Telefon nicht auf bis die Hilfe vor Ort eingetroffen ist“, so der 53-Jährige Brandrat. Alle 43 Mitarbeiter der Kreisleitstelle haben eine Rettungsdienst- und Feuerwehrausbildung. Sie wissen genau, was sie tun.
Missbrauch der Notrufnummer 112 nimmt zu
Das wissen einige Anrufer allerdings nicht immer. Der Missbrauch der Notrufnummer 112 nimmt von Jahr zu Jahr zu. Davon kann auch Uwe Krischer ein Lied singen. Der 59-Jährige ist Regiebetriebsleiter Rettungsdienst Brand- und Bevölkerungsschutz bei der Kreisverwaltung.
„Der Restaurantbesitzer will im Winter wissen, wann vor seinem Lokal endlich gestreut wird, weil die Gäste bald kommen. Ein Hausbesitzer erkundigt sich, wann die gelbe Tonne abgeholt wird“, erklärt Uwe Krischer.

Warum das so ist, erklärt er sich so: „Die Leute haben für sich gesehen sicher ein Problem. Dass sie uns anrufen, liegt an der immer weiter abnehmenden Selbsthilfefähigkeit. Der Großteil der Menschen weiß sich nicht mehr zu helfen. Früher hat man mal den Nachbarn nebenan oder den auf der gegenüberliegenden Straßenseite gefragt – heute wählt man den Notruf.“ Darüber hinaus sei das Anspruchsdenken gewachsen: „Ich zahle Steuern, davon werdet ihr bezahlt, also helft mir gefälligst.“
Die Ressourcen sind beschränkt
Hilfe kommt natürlich, wenn sie wirklich nötig ist. „Unsere Ressourcen sind aber beschränkt. Deshalb muss der Disponent genau prüfen, welches Rettungsmittel erforderlich ist und zum Einsatzort geschickt werden muss, sonst kann es zu Einschränkungen woanders kommen.“ Die bereitstehenden Rettungsmittel – Rettungswagen (RTW), Krankentransportwagen (KTW), Notarzt-Einsatzfahrzeug (NEF) – reichen aus, um die aktuelle Entwicklung von Einsatzzahlen und Einsatzdauer abzuarbeiten.
Der Kreis als Träger des Rettungsdienstes verfügt selbst über eigene Rettungswachen in Altena, Balve, Meinerzhagen, Halver, Werdohl und Altena-Rosmart mit zwei KTW, 12 RTW und drei NEF sowie über insgesamt 152 Beschäftigte inklusive der Auszubildenden. Über eigene Wachen verfügen die Städte Iserlohn, Lüdenscheid, Hemer, Menden und Plettenberg.
Uwe Krischer gibt zu, dass die Schließung von Krankenhäusern im Märkischen Kreis zu längeren Anfahrzeiten und somit auch zu mehr erforderlichen Fahrzeugen führt. Falls es mal richtig eng wird, greift man auf die sogenannte „überörtliche Hilfe“ aus der Nachbarschaft zurück. In der Verwaltung des Regiebetriebs Rettungsdienst, Brand- und Bevölkerungsschutz sind zurzeit 20 Mitarbeitende beschäftigt.
BRZ-Neubau im Mai 2021 in Betrieb genommen
Letztere sind wie die Kreisleitstelle im nagelneuen Brandschutz- und Rettungsdienstzentrum des Märkischen Kreises im Industriegebiet Altena-Rosmart untergebracht. Der Neubau hat 21 Millionen Euro gekostet und bietet modernste Arbeits-, Aus- und Fortbildungsmöglichkeiten. „Wir haben den Neubau im Mai 2021 bezogen – im Juni kam die Flutkatastrophe“, erinnert sich Stephan Volkmann. „Wir waren froh, dass wir da schon hier waren.“
Im BRZ findet die Fortbildung für alle 600 im Rettungsdienst tätigen Mitarbeiter der Wachen im Märkischen Kreis statt. Ebenso der zweite Grundausbildungslehrgang für hauptamtliche Feuerwehrleute. Genauso deren Fortbildungen. Das sind rund 2.000 Feuerwehrleute pro Jahr. Die Grundausbildung ist bei den Wehren vor Ort. Auf Rosmart gibt es auch eine sogenannte Atemschutzstrecke. Jeder Atemschutzgeräte-Träger muss einmal im Jahr seine Tauglichkeit nachweisen. Das machen 1.800 Teilnehmer pro Jahr.
An der Richard-Schirrmann-Straße laufen alle in 14 kreisangehörigen Städten und Gemeinden über die Nummer 112 abgesetzten Notrufe auf. Ausnahme ist Iserlohn. Die dortige Berufsfeuerwehr verfügt noch über eine eigene Nachrichtenzentrale und arbeitet die Notrufe im Feuer- und Rettungsdienst eigenständig ab.
Grundlage dafür ist das „Gesetz über Brandschutz, die Hilfeleistung und den Katastrophenschutz NRW.“ Das, so Stephan Volkmann, erlaube mittleren und großen Kreisangehörigen Städten, die Träger einer Rettungswache sind, die Notrufe aus ihrem Stadtgebiet entgegenzunehmen.
Notruf schaltet Ortungsfunktion frei
Es hält sich immer noch hartnäckig die Falschinformation, dass nur Rettungskräfte aus der jeweiligen Kommune wissen können, wo der Einsatzort ist. „Mit jedem Handy-Notruf wird heute eine Ortungsfunktion freigeschaltet. Der Disponent am Telefon sieht sofort, von wo der Notruf kommt.
In Sekundenschnelle wird die Adresse auf das Navigationsgerät im Rettungswagen übertragen“, erklärt der Chef der Kreisleitstelle. Über die Datenpflege werde sogar aktuell eingepflegt, wo Straßensperrungen sind. Über die abgerissene Rahmede-Talbrücke wird also kein Rettungswagen mehr geschickt.

Die Kreisleitstelle kann bei Notrufen sogar helfen, wo man es gar nicht vermutet. Stephan Volkmann erinnert sich besonders an zwei Anrufe: „Eine Tochter hatte ihre Mutter, die gerade in Österreich Urlaub machte, aus dem Märkischen Kreis angerufen. Das Gespräch brach plötzlich ab. Sie meldete sich in ihrer Not bei uns. Wir nahmen Kontakt zu der dortigen Leitstelle auf und schickten die Kollegen zum Einsatzort.
Die Frau war tatsächlich zusammengebrochen, konnte aber noch rechtzeitig ins Krankenhaus gebracht werden. Oder der Notruf eines Pärchens aus dem Kreis, das auf der Nordseeinsel Norderney nach einem Ausflug zum gestrandeten Wrack wegen der steigenden Flut nicht mehr rechtzeitig wegkam. Wir haben die Kollegen der dortigen Leitstelle informiert. Alles ist gut gegangen.“ Das sei keinesfalls Hexenwerk. „Wir haben ein Erreichbarkeitsverzeichnis aller Leitstellen in Deutschland mit bevorzugten Leitstellen-Nummern hinterlegt. Wenn wir dort anrufen, klingelt es wie bei einem Notruf.“
Nora-Notruf-App eine gute Hilfe
Eine weitere Verbesserung sei die Nora-Notruf-App – ein barrierefreier Zugang zum Notruf. Sie sei für Sprach- und Hörgeschädigten entwickelt worden. Unter www.nora-notruf.de könne sich jeder darüber informieren und einen Link finden, um die App herunterladen zu können. In der Nora-Notruf-App seien alle Leitstellen in Deutschland aufgeschaltet – auch die 52 aus Nordrhein-Westfalen.








