Bei der Outfitwahl viel zu lange überlegen und dann doch etwas anderes anziehen, um keine unpassenden Kommentare zu hören. Den längeren Nachhauseweg wählen, weil er besser beleuchtet und menschengefüllter ist. Auf der Straße angehupt werden, „gaffende“ Blicke und Sprüche kassieren. Sexuelle Belästigung ist für viele Frauen Alltag — und dennoch häufig ein Tabuthema.

Überregionale Nachrichten

Jede dritte Frau in Deutschland ist in ihrem Leben von sexueller und/oder körperlicher Gewalt betroffen. Knapp 30 Prozent erleben diese Gewalt in ihrer Partnerschaft, zwei von drei Frauen machen Erfahrungen mit sexueller Belästigung. Und die Zahlen steigen seit Jahren — auch in Deutschland.

Stimmen gegen das Schweigen

Der Monat April wird in den USA, aber auch in Deutschland, als „Sexual Assault Awareness Month“ genutzt. Als Aufklärungs- und Präventionsmonat besteht das Hauptziel darin, sexuelle Gewalt sichtbar zu machen und im besten Fall langfristig zu reduzieren. Dazu werden in den Vereinigten Staaten von vielen Gruppen wie beispielsweise staatlichen Stellen, Universitäten oder Beratungsstellen Aufklärungskampagnen organisiert, die über sexuelle Gewalt, Zustimmung („consent“) und Prävention informieren.

Auch in Deutschland wird dieser Monat seit einigen Jahren genutzt, um Aufmerksamkeit zu schaffen — mit Kampagnen, Aktionen und Informationsangeboten. So zum Beispiel mit dem „Day of Action“, an dem Hochschulen, Beratungsstellen oder andere ähnliche Organisationen dazu aufrufen, die Stimme gegen sexuelle Übergriffe zu erheben, Solidarität mit den Überlebenden zu zeigen und diesen vor allem ans Herz zu legen: Ihr seid nicht alleine.

Doch so wichtig diese Initiativen sind: Das Problem verschwindet nicht mit dem Ende des Monats. Sexualisierte Gewalt bleibt Realität — jeden Tag.

Die Zahlen steigen — der Schutz nicht

Die Zahlen der polizeilich erfassten Sexualstraftaten in Deutschland steigen von Jahr zu Jahr weiter an. Statistiken zeigen ab 2017 einen drastischen Anstieg, allein zwischen 2020 und 2021 gab es einen Zuwachs von mehr als 25.000 Fällen. Und laut Polizeistatistik für das Jahr 2025 ist die Gesamtzahl der Sexualdelikte mit 131.335 Fälle nochmals um 2,8 Prozent gegenüber dem Vorjahr angestiegen. In allen Kriminalstatistiken sind die Opfer mit einem großen Abstand weiblich — und die meisten Täter (98,6 Prozent im Jahr 2025) männlich.

Ein weiterer besorgniserregender Anstieg gerade in den letzten Jahren verzeichnet sexualisierte Gewalt im Internet. Seit 2021 sind die Zahlen in Deutschland drastisch gestiegen, besonders auch im Zusammenhang mit Kindern und Jugendlichen. Ebenso wird künstliche Intelligenz (KI) immer häufiger zum Erstellen von pornografischen "Deepfakes", also KI-generierten oder manipulierten Medieninhalten wie Videos oder Bildern, missbraucht, die echte Personen täuschend echt imitieren — und ohne ihre Einstimmung diskreditieren.

Die Statistiken geben jedoch längst nicht die Anzahl der wirklich vorkommenden Fälle wider. Denn nur etwa 20 Prozent aller Sexualstraftaten werden auch tatsächlich bei der Polizei angezeigt — die übrigen 80 Prozent bleiben im Verborgenen.

Scham, Schuldgefühle und Zweifel halten viele Betroffene davon ab, zur Polizei zu gehen. Gedanken wie „War das überhaupt schlimm genug?“ oder „Zählt das als Übergriff?“ führen dazu, dass Erlebtes relativiert wird. Aber: Nicht angezeigt heißt nicht, dass es nicht passiert ist.

Zustimmung ist Pflicht, nicht Option

Seit 2016 herrscht in Deutschland das „Nein heißt Nein“-Prinzip, das heißt: Alle sexuellen Handlungen sind laut Strafgesetzbuch nur dann erlaubt, wenn sie freiwillig und einvernehmlich sind. Zuvor waren Vergewaltigungen oder sexuelle Nötigungen nur dann strafbar, wenn zusätzlich Gewalt, eine Bedrohung für den/das eigene/n Leib oder Leben bestand oder eine Ausnutzung einer schutzlosen Lage vorlag. Mit der Gesetzesform ist die Botschaft an Betroffene eindeutig: Die Schuld liegt beim Täter. Ein Nein ist ein Nein. Freizügige Kleidung ist keine Einladung. Und auch ohne ein klares Ja gibt es keine Zustimmung.

Wenn Aussage gegen Aussage steht

Zur Polizei gehen, dort fremden Menschen seine Geschichte erzählen und sich unangenehmen Befragungen oder sogar medizinischen Untersuchungen stellen: Vor all diesen Herausforderungen stehen Betroffene, wenn sie den oder die Täter anzeigen wollen.

Diese Entscheidung kostet sie nicht nur Überwindung, sondern bringt auch eine emotionale und psychische Last mit sich. Nicht selten "überrennen" Scham- und Schuldgefühle die Opfer, wenn sie das Erlebte erzählen und sich dadurch noch einmal intensiv damit auseinandersetzen müssen. Und viele, zu viele schweigen dann lieber.

Hinzu kommt: Viele Fälle basieren auf „Aussage gegen Aussage“. Ohne Zeugen oder eindeutige Beweise kommt es häufig nicht zu einer Verurteilung. Verfahren können sich über Monate oder Jahre hinziehen. Diese Unsicherheiten schrecken viele Opfer sexualisierter Gewalt ab — und tragen dazu bei, dass Täter oft unentdeckt bleiben.

Umso mutiger und wichtiger ist es, wenn sich Betroffene der Polizei anvertrauen und einsehen, dass das Geschehene schlichtweg strafbar ist. Und dass durch das Verschweigen einer solchen Tat nicht nur der Täter geschützt wird, sondern möglicherweise weitere Opfer einer künftigen Gefahr ausgesetzt sind. Eine Anzeige ist auch nach mehreren Monaten noch möglich.

Ein Vorfall – aber ein Trauma, das bleibt

Sexualisierte Gewalt hat tiefgreifende Auswirkungen. Viele Betroffene entwickeln psychische Erkrankungen wie Depressionen, Angststörungen oder eine posttraumatische Belastungsstörung (PTBS). „Flashbacks“, Albträume, Schlafstörungen oder das Gefühl, nicht richtig „da“ zu sein, können den Alltag bestimmen. Häufig ziehen sich Betroffene zurück, verlieren Vertrauen und kämpfen mit Schuldgefühlen.

Ein solches Erlebnis resultiert in den meisten Fällen in einem Trauma. Körperliche und psychische Folgen können sich dabei unterschiedlich schnell bemerkbar machen. Einige Betroffene reagieren bereits in den ersten Tagen oder Wochen durch Symptome wie Schlaf- oder Essstörungen oder psychosomatische Beschwerden, andere bemerken die Anzeichen schleichend oder erst nach mehreren Monaten.

Einfluss auf den gesamten Alltag

Symptome können sich allerdings nicht nur körperlich oder psychisch äußern, sondern den ganzen Alltag beeinflussen. Häufig ziehen sich Opfer sexualisierter Gewalt von ihren Freunden oder ihrer Familie zurück, entwickeln Vertrauensprobleme, insbesondere im Bezug auf Intimität, und haben Schwierigkeiten, sich in ihrem (Ausbildungs-)Beruf oder in der Schule zu konzentrieren. Selbstwertprobleme können entstehen und in manchen Fällen sogar Suizidgedanken.

In all diesen Fällen ist es wichtig, sich Hilfe zu holen, um Langzeitfolgen wie wiederkehrende „Flashbacks“, emotionale Taubheit, negative Selbstwahrnehmung in Form von Schuldzuweisung oder Wertlosigkeit oder auch chronischen Schmerzen (Kopf, Rücken oder Bauch) entgegenzuwirken — und vor allem, um das Erlebte in einer Traumatherapie aufarbeiten zu können.

Ein Thema, das nicht verstummen darf

Zu „provokante“ Kleidung, Alkoholeinfluss, kein klares Nein oder ein Verharmlosen der Vorfälle: All diese „Argumente“ klingen für die Opfer nach Schuldzuweisungen und sind — neben der Tat — eine zusätzliche, die Seele zermürbende Form von Gewalt. Dabei sollte gerade Betroffenen signalisiert werden, dass sie nicht alleine sind. Dass die Schuld einzig beim Täter liegt. „Ist der Weg beleuchtet genug?“, „War das Top zu weit ausgeschnitten?“, „Hätte ich etwas anders machen sollen?“ — all das sind Fragen, die gar nicht erst im Kopf entstehen dürften.

Es sind die kleinen Dinge wie die zehnmal überdachte Outfitwahl, das Teilen des Live-Standorts mit Freunden oder Familie — nicht einfach so, sondern zur Sicherheit—, mit denen sich vor allem Frauen schon in jungen Jahren auseinandersetzen (müssen), um sich vor sexueller Belästigung, Übergriffen und Gewalt zu schützen.

Dennoch steigen die Fallzahlen seit Jahren. Die Dunkelziffer ist noch höher. Zu hoch. Die meisten Fälle bleiben unsichtbar. Nicht, weil sie selten sind, sondern weil sie zu häufig Tabuthema sind — im Freundeskreis, in der Familie und oftmals auch bei den Opfern selbst. Was zeigt: Auch wenn die Tat vorbei ist — die seelischen Folgen für Betroffene sind es nie.

Hilfe statt Schweigen: Anlaufstellen für Opfer sexualisierter Gewalt

Auch wenn es für Betroffene zunächst unangenehm scheint, sich Hilfe zu holen: Die Überwindung dazu ist nicht nur sehr mutig, sondern auch rein rechtlich richtig — und für das eigene Wohlbefinden und den Körper wichtig.

Wer Opfer von sexualisierter Gewalt wurde und sich anonym Hilfe holen möchte, erhält diese unter folgenden Telefonnummern:

Hilfe im Märkischen Kreis für Betroffene solcher Situationen gibt hier: