Die gesetzlichen Krankenkassen zahlen künftig für psychotherapeutische Leistungen 4,5 Prozent weniger Honorar. Diplom-Psychologin Melanie Hedtfeld reagiert wie viele Berufskolleginnen und -kollegen mit Fassungslosigkeit. Sie ist sich sicher, dass darunter auch die Patienten leiden werden.
Wie gehen wir mit dem Thema 'mentale Gesundheit' um? Wie gehen wir mit Patienten um?, kritisiert Melanie Hedtfeld den Beschluss des Erweiterten Bewertungsausschusses. Für sie geht damit eine Abwertung der Psychotherapie und psychischen Erkrankungen einher. Die Halveranerin betreibt eine Praxis für Psychotherapie und Coaching und sah die Branche auf einem guten Weg. Endlich gebe es eine Enttabuisierung. Die mentale Gesundheit bekam Aufmerksamkeit. Gerade vor dem Hintergrund der wachsenden Bedeutung mentaler Gesundheit stoße eine solche Entscheidung auf erhebliche Irritation, heißt es in einem Statement der Psychotherapeuten Kammer NRW. Psychotherapie genieße in der Bevölkerung ein hohes Vertrauen und leiste einen unverzichtbaren Beitrag zur Behandlung psychischer Erkrankungen und zur Stabilisierung mentaler Gesundheit.
Mehr Privatpatienten und Gruppentherapien
Hedtfeld wird nun wieder mehr Privat- statt Kassenpatienten annehmen, zeigt sie die unmittelbaren Konsequenzen auf. Das führe unweigerlich zu längeren Wartezeiten für einen Therapieplatz. Seit 2025 hat sie einen halben Kassensitz inne und von 17 auf nur noch zwei Privatpatienten abgebaut.
Während eine solche Therapiestunde 167 Euro einbringt, bekommt sie für dieselbe Zeit mit einem Kassenpatienten rund 119 Euro. Dem entgegen stehen hohe Kosten: Für die Übernahme eines halben Kassensitzes zahlen Psychotherapeuten in dieser Region zwischen 35.000 und 70.000 Euro, so Hedtfeld. In Köln könnten es auch 100.000 Euro oder mehr sein.
5000 Euro weniger im Jahr
Konkret werden ihr durch die Kürzungen jährlich rund 5000 Euro fehlen, schätzt sie. Gleichzeitig steige die Miete für ihre Praxis. Auch die nun notwendige Umstrukturierung koste sie Geld. Auffangen kann die Diplom-Psychologin dies nur teilweise, erklärt sie. Etwa durch mehr Gruppen- statt Einzeltherapien. Man könne ihr nun vorwerfen, nur an sich zu denken. Und das mache und müsse sie tatsächlich auch. Familiär bedingt sei eine Vollzeitauslastung nicht möglich und sie habe wie jeder andere auch laufende Kosten, die gedeckt werden müssen.
Kassenzulassungen gedeckelt — auch in ihrem Umfang.
Laut der Kassenärztlichen Bundesvereinigung lag der Anteil aller Psychotherapeutinnen im Jahr 2025 bei 78,2 Prozent. Hedtfeld betont: "Zum einen sind die Kassenzulassungen gedeckelt — auch in ihrem Umfang. Zum anderen ist die Branche frauendominiert. Viele haben Kinder und arbeiten halbtags. Ich würde keinen vollen Versorgungssitz machen wollen. Das schaffe ich gar nicht."
"Und jetzt wird uns das wieder weggenommen"
Die Erhöhung werde auch damit begründet, dass Psychotherapeuten in den vergangenen Jahren überproportional begünstigt wurden, erklärt Hedtfeld. Das sei aber nur die halbe Wahrheit. Es sei nur das angeglichen worden, was jahrelang in Schieflage war: "Und jetzt wird uns das wieder weggenommen." Immer noch würden sie und ihre Kollegen im Vergleich zu anderen Fachärzten deutlich schlechter bezahlt.
"Das ist Kürzungspolitik nach dem Rasenmäherprinzip. Die psychotherapeutischen Praxen leiden heute schon unter steigenden Kosten und der anhaltenden Inflation. Niemand käme in Tarifverhandlungen auf die Idee, in dieser Lage die Gehälter zu kürzen. Doch ausgerechnet für die Fachgruppe der vertragsärztlichen Versorgung mit den mit Abstand niedrigsten Honoraren wird eine solche Absenkung beschlossen. Das ist skandalös", so die Präsidentin der Bundes Psychotherapeuten Kammer (BPtK), Dr. Andrea Benecke. "Psychotherapeuten und -therapeutinnen werden erneut auf dem Klageweg für eine angemessene Honorierung sorgen müssen."
Die sogenannten Strukturzuschläge werden hingegen zum 1. April um 14,25 Prozent angehoben. (Anm. der Redaktion: Psychotherapeuten und -therapeutinnen erhalten den Strukturzuschlag, wenn sie im jeweiligen Quartal eine bestimmte Mindestanzahl an genehmigten Behandlungsstunden für gesetzlich versicherte Patientinnen und Patienten erbringen, sodass ihre Praxis wirtschaftlich ausgelastet ist und laufende Kosten abgedeckt werden können.) In der Summe bedeutet das laut BPtK selbst für psychotherapeutische Praxen, die die Strukturzuschläge in vollem Umfang erhalten, eine Absenkung der Honorare um circa 2,8 Prozent. "Ja, wenn ich mehr mache, bekomme ich über den Strukturzuschlag etwas mehr", sagt Hedtfeld. Aber genau da sei eben speziell für Frauen nicht viel Luft nach oben, weshalb ihre "Stellschrauben" eben die Privatpatienten und Gruppentherapien seien.
Vernetzung, Petitionen und Demos
Als die Honorarkürzung verkündet wurde, gründeten Hedtfeld und ihre Kollegen WhatsApp-Gruppen, um sich auszutauschen und zu vernetzen. Sie unterzeichneten eine Petition, die bereits mehr als 350.000 Unterstützer fand (Stand 17. März, 15 Uhr). Am Donnerstag, 19. März, wollen sie vor dem Düsseldorfer Landtag demonstrieren; auch die Halveranerin plant ihre Teilnahme.
Auf die Frage, ob sie es inzwischen bereut, sich für einen Kassensitz entschieden zu haben, antwortet Melanie Hedtfeld: "Ja, schon. Ich befinde mich angesichts der vielen Vorgaben, Maßnahmen und Kürzungen beinahe in einer Scheinselbstständigkeit." Sie betont aber auch, dass sie ihren Job trotz aller Hürden sehr liebe. "Wir Psychotherapeuten helfen gerne Menschen."
"Ich sehe eine 50:50 Chance"
Das Bundesministerium für Gesundheit (BMG) kann diesen Beschluss innerhalb von zwei Monaten beanstanden. "Ich sehe eine 50:50 Chance", sagt Hedtfeld. "Mein Verstand sagt, dass sie das kippen müssen. Aber die Realität ist eben auch: die Kassen brauchen Geld."









