Wenn Kleidung plötzlich nicht mehr passt, weil ein Kind auf medizinische Hilfsmittel angewiesen ist, stehen viele Familien vor einem unerwarteten Problem. Genau hier setzen sogenannte Nähpatenschaften an. Sie helfen dort, wo Standardlösungen an ihre Grenzen stoßen — und schenken neben praktischer Unterstützung auch ein Stück Normalität.
24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche: Die Belastung für Eltern von Kindern mit schweren Erkrankungen oder Behinderungen ist konstant. Neben der Suche nach Pflegediensten, Auseinandersetzungen mit Krankenkassen oder häufigen Krankenhausaufenthalten wird oft auch Kleidung zur Herausforderung. Hosen passen nicht über Orthesen, Sondenschläuche erschweren das Anziehen von Oberteilen. In solchen Fällen helfen Nähpatinnen und -paten. Was hinter diesem besonderen Ehrenamt steckt, erzählt Nina Warmuth im Gespräch mit LokalDirekt.
Ein besonderes Ehrenamt
Ehrenamtliche Tätigkeiten gibt es viele — die Nähpatenschaft gehört dabei zu den eher seltenen, aber besonders berührenden Formen. In der Facebook-Gruppe „Nähpaten by Angie’s Elfenknöpfchen“ engagieren sich seit 2016 überwiegend Frauen, die Kindern mit lebensverkürzenden Erkrankungen oder schweren körperlichen Einschränkungen helfen.
Mit ihren Näharbeiten bereiten sie nicht nur den Kindern eine Freude, sondern entlasten auch die Eltern, die oft lange nach passender Kleidung suchen müssen. Die Nähpatinnen und -paten entscheiden selbst, wie viele Kinder sie begleiten und wie lange eine Patenschaft besteht. Laut Gruppenregeln gehört es dazu, den Familien etwa alle sechs Monate eine genähte Überraschung zu schicken.
Wie alles begann
Nina Warmuth engagiert sich seit fast zwölf Jahren ehrenamtlich als Nähpatin. Der Weg dorthin begann mit einer persönlichen Erfahrung: „Durch den Tod meines Vaters hatte ich Kontakt zu einem Hospiz. Dort habe ich Frauen getroffen, die für Bewohner Mützen gestrickt oder gehäkelt haben, wenn sie ihre Haare verloren hatten. Da ich nähen kann, habe ich mir das zum Vorbild genommen“, erzählt sie.
Zunächst nähte die Lüdenscheiderin Spenden für das Bergische Kinder- und Jugendhospiz Burgholz in Wuppertal. Über soziale Netzwerke wurde sie schließlich auf die Gruppe „Nähpaten by Angie's Elfenknöpfchen“ aufmerksam – und fand schnell Zugang zu den ersten Patenschaften. „Ich hatte innerhalb kurzer Zeit über 20 Patenkinder, weil mir so viele Schicksale nahegingen und ich möglichst vielen Familien helfen wollte“, erinnert sich Warmuth.
Viele Familien suchen Unterstützung
Bis heute suchen Hunderte Familien in der Facebook-Gruppe Unterstützung. Mit kurzen Vorstellungen ihrer Kinder schildern sie deren besondere Bedürfnisse. Nähpatinnen und -paten entscheiden dann individuell, ob sie helfen können.
Für Nina Warmuth spielte dabei auch die räumliche Nähe eine Rolle — nicht nur wegen der Versandkosten, sondern auch, um persönliche Treffen zu ermöglichen. Die Kontaktaufnahme beschreibt sie so: „Ich habe mir die Beiträge durchgelesen und bei Interesse eine Nachricht geschrieben. Nach kurzer Zeit merkt man, ob es passt. Wichtig ist, dass die Erwartungen realistisch bleiben, denn ich habe ja auch noch ein eigenes Leben mit Job und Familie.“ Sie betont, dass der Aufwand - genau wie bei anderen Ehrenämtern - oft unterschätzt werde. Denn die Kosten für Stoffe, Zubehör und auch die Versandkosten tragen die Nähpatinnen selbst. „Das ist eine bewusste Entscheidung, die man sich schon gut überlegen sollte“, sagt Warmuth.
Individuelle Hilfe aus Stoff
Was genau genäht wird, hängt ganz von den Bedürfnissen der Kinder ab. Viele von Warmuths Patenkindern werden über Sonden künstlich ernährt. Für sie fertigt sie farbenfrohe Sondenpads an. „So wird etwas Schweres ein bisschen fröhlicher“, erklärt sie.
Dazu kommen speziell angepasste Kleidungsstücke, etwa T-Shirts mit Öffnungen für Schläuche, die sich unauffällig verschließen lassen. Auch Pumphosen mit eingenähten Taschen, in denen beispielsweise Urinbeutel diskret untergebracht werden können, gehören dazu.
Für Kinder mit eingeschränkter Beweglichkeit oder Spastiken näht sie angepasste Schnitte, die das Anziehen erleichtern. Ergänzt wird das Angebot durch Mützen, Schals, Halssocken oder sogar Kuscheltiere. Auch praktische Dinge wie Medikamententaschen für den Schulalltag entstehen individuell nach den Vorlieben der Kinder.
Wenn aus Patenschaften Freundschaften werden
Aktuell betreut Nina Warmuth noch drei aktive Patenschaften. Mit der Zeit habe sie gemerkt, dass die große Anzahl an Kindern neben ihrem eigenen Alltag kaum zu bewältigen war: „Irgendwann wurde es zu viel, und ich konnte die Erwartungen nicht mehr erfüllen. Deshalb musste ich einige Familien bitten, sich neu zu orientieren“, erzählt sie.
Manche Patenschaften endeten jedoch aus einem anderen Grund: Fünf ihrer Patenkinder sind inzwischen verstorben. Der Kontakt zu einigen Müttern blieb dennoch bestehen — und entwickelte sich zu Freundschaften.
Auch die noch bestehenden Patenschaften sind über die Jahre enger geworden: „Die Kinder sind inzwischen älter, da wird nicht mehr so viel benötigt. Zum Geburtstag und zu Weihnachten bekommen sie von mir aber trotzdem immer eine Aufmerksamkeit zugeschickt“, lächelt Nina Warmuth.
Wenn Hilfe Spuren hinterlässt
Die Begegnungen mit den Familien haben auch Warmuth selbst verändert. Die Geschichten, die sie erlebt, gehen nicht spurlos an ihr vorbei. „Das war schlimm, als ich von den Todesfällen erfahren habe. Ich wusste oft nicht, was ich sagen soll. Gerade als Mutter fühlt man da besonders mit“, erinnert sie sich. Diese Erfahrungen hätten ihre Sicht auf das Leben verändert: „Dankbar für jeden Tag zu sein und dafür, dass es einem selber gut geht und die eigenen Kinder gesund sind, das hat für mich mehr Bedeutung bekommen“, erzählt die Mutter von zwei Kindern.
„Es ist nicht nur die Behinderung an sich. Die vielen Krankenhausaufenthalte, die Suche nach Hilfe, der Stress mit den Krankenkassen – das alles ist enorm belastend für die Familien. Wenn ich mit einer kleinen Geste ein Stück Erleichterung schaffen kann, mache ich das gerne“, betont sie.
Für Nina Warmuth steck hinter diesem Ehrenamt weit mehr als nur Nähen: „Wenn ich mit dem Zusenden eines Sondenpads das Lebend dieser Familien erleichtern kann, mache ich das gerne.“ Es seien kleine Gesten, die Spuren der Empathie hinterlassen - und Menschen zeigen, dass sie nicht allein sind.







