Nach tödlichen Schüssen in Stade ist die Trauer in der Stadt groß. In einer Jugendhilfeeinrichtung starben sechs Menschen. Die Polizei hat den mutmaßlichen Schützen festgenommen. Unter den sechs Toten sind vier Frauen und zwei Männer. Das wirft auch an anderen Orten Fragen auf. Dazu erreichte uns folgende Zuschrift:
„Wer schützt eigentlich uns?“
Seit der Gewalttat in Stade lässt mich ein Gedanke nicht mehr los.
Das hätte auch hier passieren können. Das hätte auch ich sein können.
Nicht, weil ich Polizistin bin. Nicht, weil ich Soldatin bin. Sondern weil ich Sozialarbeiterin bin.
Ich arbeite seit Jahren in der Jugendhilfe. Mein Beruf besteht darin, Kinder zu schützen. Vor Gewalt. Vor Vernachlässigung. Vor Missbrauch. Manchmal bedeutet das auch, Eltern zu sagen, dass ihr Kind nicht länger bei ihnen bleiben kann. Es gibt kaum eine einschneidendere staatliche Entscheidung.
Und trotzdem scheint kaum jemand darüber nachzudenken, wer eigentlich diejenigen schützt, die diese Entscheidungen treffen müssen oder diesen Kindern ein zu Hause geben.
Seit Jahren berichten wir von Bedrohungen, Einschüchterungen und Übergriffen. Die Fälle werden schwieriger, die Konflikte heftiger und die Hemmschwelle zur Gewalt sinkt. Wir sprechen darüber. Auch mit unserem Arbeitgeber. Mit dem Ergebnis: Es wird gespart.
Über Personalschlüssel wird diskutiert. Über Haushaltslöcher. Über fehlende Mittel. Über alles – nur nicht darüber, dass Menschen ihren Arbeitsplatz manchmal mit einem mulmigen Gefühl betreten.
Im Studium habe ich gelernt, Gespräche zu deeskalieren. Ich habe gelernt zuzuhören, zu vermitteln und Krisen zu bewältigen.
Ich habe nicht gelernt, was ich tun soll, wenn jemand eine Waffe zieht.
Unsere Arbeitsstätten sind öffentlich zugänglich. Unsere Namen sind bekannt. Wir fahren allein zu Hausbesuchen. Wir betreten Wohnungen, in denen Menschen verzweifelt, wütend oder hoch emotional sind. Situationen können innerhalb weniger Sekunden kippen.
Und dennoch scheint unser Schutz oft nur dann Thema zu sein, wenn irgendwo etwas Schreckliches passiert.
Danach kehrt wieder Ruhe ein.
Bis zum nächsten Mal.
Ich werde auch morgen wieder zur Arbeit gehen. Nicht, weil ich keine Angst kenne. Sondern weil ich weiß, dass es Kinder gibt, die uns brauchen. Kinder, die keine eigene Stimme haben und darauf vertrauen müssen, dass jemand für sie einsteht.
Doch wer steht für uns ein?
Wir erwarten keine Sonderrechte. Wir erwarten nur das, was jeder Mensch an seinem Arbeitsplatz erwarten darf: dass alles getan wird, damit er abends gesund nach Hause kommt.
Wer Kinder schützt, darf nicht schutzlos sein.
Die Tragödie von Stade darf keine Randnotiz bleiben. Sie muss endlich der Moment sein, an dem aus Betroffenheit Verantwortung wird.“
Die Verfasserin ist eine Sozialarbeiterin aus dem Märkischen Kreis, Raum Lüdenscheid. Name und Anschrift der Verfasserin sind der Redaktion bekannt.
Die im Leserbrief geäußerten Ansichten geben die Meinung der Verfasserin wieder. Für den Inhalt des Leserbriefs ist ausschließlich die Verfasserin verantwortlich.









