Eden Nael Liedtke lebt mit dem Gefühl, ständig zeichnen zu müssen. Zeichnen ist sein Leben. Schon als kleines Kind kritzelte er auf Fußleisten oder Türrahmen. In der städtischen Galerie sind seit Freitag, 27. März, über 100 Werke des aktuellen Stipendiaten der Märkischen Kulturkonferenz (MKK) zu sehen. „Wer die Ausstellung besucht, darf teilhaben an traumähnlichen Bildern“, sagte Galerieleiterin Dr. Susanne Conzen bei der Eröffnung der Ausstellung.
Was Eden Nael Liedtkes Werk auszeichnet, sind die Prägnanz der Zeichnungen mit ihren nuancierten Licht- und Schattenwerten ebenso wie ihre inhaltliche Intensität. Dazu kommt die Themenvielfalt. Die Zeichnungen die Spitzmaus, die sein Kater im Garten erjagt hat, das Kindheitsfoto auf dem Nachttisch der Mutter aber auch die Euphorie, sich nach medizinischen Eingriffen beim Umziehen nicht mehr unwohl zu fühlen.
Der Trans-Mann, geboren 1997 in Hamburg, stellt dar, wie er vielschichtige Metamorphosen durchläuft, damit er seinen Körper als den eigenen wahrnehmen kann. Diese Angleichung ist ein körperlicher und emotionaler Prozess, geprägt von Schmerz, Veränderung, Ermächtigung und Befreiung. Hier liegt eindeutig ein Schwerpunkt seiner Arbeit. In letzter Zeit hat er insbesondere den Prozess seiner medizinischen Angleichung als Trans-Mann dokumentiert. Themen wie Sexualität, Geschlechteridentität und Neurodiversität ziehen sich durch sein gesamtes Werk.
Nicht nur ein Zeichner
Dass Eden Nael Liedtke nicht nur als Zeichner wahrgenommen werden will, zeigt ein Ölgemälde. Es zeigt den Künstler und seine Partnerin hüllenlos im Bad bei einer zärtlichen Umarmung. Sich reinigen, nasswerden, baden – Szenen, die um diese Themen kreisen, tauchen immer wieder auf. „Das Bad ist für mich ein Raum, in dem man ganz für sich sein kann“, sagt der Künstler.
Beeindruckt hat ihn während eines zweimonatigen Stipendiums in Japan der Besuch eines Onsen. Diese traditionellen japanischen Thermalbäder sind ein zentraler Teil der japanischen Kultur, dienen der Entspannung, Gesundheit und sozialen Zusammenkunft. Der Besuch erfolgt meist nackt, streng getrennt nach Geschlechtern. Auch hier durfte Eden Nael Liedtke ganz für sich sein. „Ich wurde lediglich gefragt, wie viele japanische Wörter ich schon kenne“, berichtet er. Seine Eindrücke hat er in einem neunteiligen Werk verarbeitet, das eine Onsen-Szene zeigt.
Übergang vom Mädchen zum Mann
Andere Bilder zeigen Erinnerungen des Übergangs von der einen Geschlechtsidentität zur anderen. Im separierten schmalen Gang im dritten Galeriesaal dokumentiert der Künstler das behördliche Verfahren zur Personenstandsänderung, das er vor fünf Jahren durchleiden musste.
„Für den Prozess wurde verlangt, dass ich einen detaillierten Trans-Lebenslauf für fremde Gutachterinnen schreiben musste, die mir vom zuständigen Gericht zugewiesen worden sind. In anschließenden Treffen wurde ohne Vertrauensbasis über stereotyp-basierte, übergriffige Fragen, dem Translebenslauf und die persönliche Einschätzung der Gutachterinnen über die Legitimität meiner Identität entschieden“, heißt es in der Dokumentation. Das Verfahren kostete Eden Nael Liedtke 1800 Euro.
Das seit 1. November 2024 vollumfänglich in Kraft getretene Selbstbestimmungsgesetz (SBGG) ermöglicht inzwischen trans-, intergeschlechtlichen und nichtbinären Personen die einfache Änderung von Vornamen und Geschlechtseintrag durch eine Erklärung beim Standesamt. Das bis dahin gültige Verfahren wurde als menschenverachtend eingestuft.
Die Ausstellung ist bis zum 14. Juni zu sehen. Führungen finden am 14. April, 10. und 31. Mai sowie zur Finissage am 14. Juni statt.








