Als Biologe und Hobby-Ornithologe ist Oliver Krischer fasziniert von der Mittelgebirgslandschaft im Ebbegebirge. Als Minister für Umwelt, Naturschutz und Verkehr schaute er sich am Freitag, 23. Januar, die Fläche im Ebbe zwischen Valbert und Herscheid an, die Teil der Wildnis-Initiative des Landes Nordrhein-Westfalen wird.
Wälder im Märkischen Kreis sollen der natürlichen Entwicklung überlassen werden und zur Bereicherung der Artenvielfalt und des Naturerlebens beitragen. Fachleute des Landesamtes für Natur, Umwelt und Klima und des Landesbetriebes Wald und Holz Nordrhein-Westfalen werden in den nächsten Monaten eine Kulisse von rund 230 Hektar begutachten, um die genauen Grenzen zur Erweiterung der bestehenden Wildnisentwicklungsgebiete im Ebbegebirge zu erarbeiten.
Beim Ortstermin mit Landrat Ralf Schwarzkopf betonte Oliver Krischer: „Mit der Wildnis-Initiative schaffen wir wertvolle Lebensräume für bedrohte Arten im Landeswald. Wildniswälder sind wichtige Bausteine für unser Naturerbe und eröffnen den Menschen beeindruckende Naturerlebnisse.“ Der Minister betonte, dass die Wildnisgebiete für Wanderer und andere Freizeitnutzer weiterhin uneingeschränkt zugänglich blieben. „Sie stellen eine Bereicherung des touristischen Angebots der Region dar“, so Krischer. Es gebe an anderen Stellen im Land schon sehr konkrete Überlegungen, die Wildnisgebiete öffentlich zu präsentieren, „deutlich zu machen, wie die Natur das Regiment übernimmt“.
Gut die Hälfte der geplanten Erweiterungskulisse im Ebbegebirge ist bereits als Naturschutzgebiet und als europäisches Fauna-Flora-Habitat-Gebiet geschützt. Durch die Aufnahme in das Netz der Wildnisentwicklungsgebiete entstehen hier künftig natürliche Wälder, in deren Entwicklung kaum und idealerweise sogar gar nicht mehr eingegriffen wird. „Der Landesbetrieb Wald und Holz Nordrhein-Westfalen wird sich auch um die neuen Wildnisentwicklungsgebiete kümmern. Oberstes Ziel sind dabei natürliche Abläufe, damit die Natur wieder in ihre eigenen Kreisläufe zurückfinden kann“, erläuterte Thomas Kämmerling, Leiter Wald und Holz NRW. „Wo es notwendig ist, fördern unsere Försterinnen und Förster vor Ort aktiv die Naturnähe und machen die Gebiete mit gezielten Angeboten für Besucherinnen und Besucher erlebbar.“
Daniel Knorn vom Forstamt Attendorn erläuterte die Besonderheiten der Ebbegebirgslandschaft. Diese sei zu Beginn des 20. Jahrhunderts durch industriellen Raubbau weitgehend abgeholzt gewesen. Die Aufforstung sei zum größten Teil mit der Fichte erfolgt, die vor einigen Jahren der Borkenkäferkalamität zum Opfer fiel. Aus dieser Katastrophe für die Waldbesitzer ergibt sich nun eine günstige Voraussetzung für die Entwicklung des Wildnisgebiets, denn es müssen verhältnismäßig wenige Fichten entnommen werden.
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Lebensraum für seltene und gefährdete Arten
In Wildnisentwicklungsgebieten können Bäume ihr natürliches Höchstalter erreichen und als Alt- und Totholz wertvollen Lebensraum für seltene und gefährdete Arten bieten. Viele Arten sind gerade auf solche Wälder mit unterschiedlichen Altersphasen und vielfältigen Strukturen angewiesen. Schwarzspechte bauen bevorzugt in alten Buchen ihre Höhlen, die später auch von Hohltauben, Fledermäusen und Käuzen genutzt werden. Auch der seltene Hirschkäfer mit seinen geweihartigen Oberkiefern, der Urwaldrelikt-Käfer Eremit und Bockkäfer finden in alten Bäumen wertvollen Lebensraum. Zudem ziehen sich Wildkatzen bevorzugt in ungestörte Wälder zurück und ziehen dort ihre Jungen groß. Neben der großen Bedeutung für den Erhalt der biologischen Vielfalt unterstützen Wälder mit natürlicher Entwicklung auch den natürlichen Klimaschutz, dienen der Forschung, fungieren als wichtige Referenzfläche in Zeiten des Klimawandels und ermöglichen zudem attraktive Naturerfahrungen.
Bei einem Spaziergang durch einen Teil der zukünftigen Wildnis zeigte sich Minister Krischer fasziniert von den naturhistorischen Besonderheiten. Hohe Niederschlagsmengen bedingen Moorflächen und ein spezifisches Bauminventar, wie zum Beispiel die Karpatenbirke. Dass es in dieser Region die wahrscheinlich letzte Sichtung eines Auerhahns in Nordrhein-Westfalen gegeben habe, findet Krischer bezeichnend. Diese und andere Geschichten kann er in einem Buch nachlesen, das im Ralf Schwarzkopf überreichte.








