Kurze Sätze, klarer Sprache: Bachmann-Preisträgerin überzeugt bei Literaturtagen

„Wir schaffen das“, ermuntert Lena Schätte die Besucher der Literaturtage. Sie macht jene in der Aula des Evangelischen Gymnasiums Mut, die skeptisch waren, ob sie sich den Problemthemen wie Sucht, Vater-Tochter-Beziehung, und Stigmatisierung in der Gesellschaft stellen sollten. Die gerade mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnete Autorin hat letztlich alle überzeugt – mit ihrem bodenständigen Auftritt, vor allem aber mit ihrem Roman.
„Das Schwarz an den Händen meines Vaters“, heißt ihr zweiter Roman nach dem Erstlingswerk „Ruhrpottliebe“. In 64 Kapiteln schildert sie das Aufwachsen in einer Familie aus einfachen Verhältnissen, mit erschütternden Szenen aus dem Alltag, einem alkoholkranken, aber zugleich liebevollen Vater, einer handfesten, pragmatischen Mutter. „Eine Familie speziell, aber auch keine Ausnahme“, so Moderator Terry Albrecht. Der entlockt Lena Schätte auch, wie sie, schon in der Grundschule, zum Schreiben gekommen ist. Wie sie als Kind aus dem Arbeitermilieu Probleme hatte, sich im Literaturstudium in Leipzig zurechtzufinden und dass es schon in der Familie eine „Erzählkultur gab“, deren Struktur Lena Schätte erste Muster lieferte. Das Buch mit verschiedenen zeitlichen Ebenen ist dennoch kein „dicker Schinken“ geworden, liest sich fesselnd und leicht.
Auf gut 170 Seiten erzählt die Autorin aus Altena, die in Meinerzhagen „fast ein Heimspiel hat“, bemerkenswert leicht auch schwierige Abschnitte. Einfache Sprache, gleichzeitig aber klar und präzise, genau beobachtend oder erinnernd. Sie öffnet ein Fenster, gibt Einblick in ein Milieu, das zeigt, wohin Sucht führt, wie Co-Abhängige mitrutschen auf der Bahn nach unten. Sie schildert Normalität in einem Ausnahmezustand, der vielleicht gar keine Ausnahme ist. Eine Lage, die einige vielleicht besser überblenden oder kaschieren können als andere.
Witz und Tragik nah beieinander
Witz und Tragik liegen oft nah beieinander. Als „Motte“, so der Spitzname der Erzählerin, auf dem morgendlichen Schulweg sieht, wie das Auto ihres alkoholkranken Vaters in die Dorfbäckerei gefahren ist, wird dieser verletzt ins Krankenhaus gebracht. Als sie ihn dort besucht, baumeln an seiner Seite mit Blut gefüllte Drainagebeutel. Doch er scherzt, es sei seine „neue Handtasche“. Dramatisch, aber zugleich nüchtern, wie ein genau beobachtender Reporter, schildert „Motte“ auch die Szene, in der sie nach einer Party sturztrunken nach Hause gebracht wird. Sie steigt aus dem Taxi, übernachtet jedoch draußen, weil sie nicht mehr in der Lage ist, die Tür aufzuschließen. Gleichzeitig wird aber auch die Verbundenheit innerhalb der Familie deutlich.
Schreiben habe auch therapeutische Aspekte, sagt Lena Schätte. „Das kann ich jedem nur empfehlen." Geschrieben habe sie erst, als sie selbst „aus dem Sucht-Setting raus war.“
Buch schon als Bühnenstück
Autorin und Besucher standen den Abend gemeinsam durch – mit großem Beifall für Lena Schätte und Andrang auf das signierte Buch. Die Literaturtage, eine Kooperation der Stadtbücherei Meinerzhagen und der Buchhandlung Schmitz, hatten, mal wieder, „den richtigen Riecher“, die Bachmann-Preisträgerin einzuladen.
Ein Abend unspektakulär, geerdet, berührend mit vielen Impulsen fürs Kopf-Kino. Richtig emotional, vermutete Lena Schätte, würde es erst einen Abend später: bei der Uraufführung ihres Romans als Theaterstück am 7. November im Theater Oberhausen. Da würde sie in der ersten Reihe sitzen und es würden sicher ein paar Tränen fließen. Vermutlich solche der Erinnerung an die eigene Vita und solche der Freude über den Erfolg.








