„Bewegte Welt“ – der Schriftzug in der Lüdenscheider Phänomenta war für Prof. Dr. Hubertus Bardt eine Steilvorlage. Beim Arbeitgebertag 2026 des Arbeitgeberverbandes  (AGV) Lüdenscheid referierte der Geschäftsführer des Instituts der deutschen Wirtschaft am 28. Mai zum Thema „Wirtschaft zwischen Krise und Transformation“.

 

Dass in Deutschland einiges in Bewegung kommen muss, um den Schritt aus der Krise in eine erfolgreiche Transformation zu schaffen, daran ließ der Wirtschaftsfachmann keine Zweifel aufkommen. Aber: „Nach sieben Jahren ohne nennenswertes Wachstum befindet sich die Wirtschaft in einer Art Schockstarre“, sagte Hubertus Bardt vor Vertretern aus Unternehmen, Verwaltung, Politik und Gewerkschaft.

Die Wirtschaftsleistung befinde sich auf dem Niveau des Jahres 2019, die Wohlstandslücke wachse Jahr für Jahr. Insbesondere in der Industrie sei keine Trendwende zu erkennen. Lediglich die Pharmabranche nahm er aus diesem düsteren Szenario aus.

Vieles sei den zahlreichen Krisen und geopolitischen Umbrüchen zuzuschreiben. Insbesondere hätten sich die Verhältnisse zwischen der Exportnation Deutschland und China gravierend verändert. China sei als Absatzmarkt praktisch weggebrochen. Andererseits dränge China mit zahlreichen Produkten auf den europäischen und deutschen Markt. „An diese Veränderungen müssen wir uns schnell anpassen“, forderte Hubertus Bardt, der als Experte für Wirtschafts-, Industrie und Klimapolitik gilt.

Er befürchtet, dass sich die Probleme durch steigenden Fachkräftemangel noch verstärken werden, wenn nicht gegengesteuert wird. Der demografische Wandel und die Verrentung der Baby-Boomer schwäche das Wirtschaftswachstum. Der verstärkte Einsatz künstlicher Intelligenz (KI) sei einer der großen Hebel, dem entgegenzuwirken.

Daneben fordert er von der Politik mehr Verlässlichkeit, Verbesserung der Standortbedingungen, Bürokratieabbau und das Abschmelzen überbordender Regelungen. „Auch die Regelungsdichte lähmt die Wirtschaft.“ „Vor allem die Einführung von Berichtspflichten war ein Stimmungskiller“, stellte Hubertus Bardt fest. Zu den negativen Faktoren zählt er auch hohe Arbeitskosten sowie hohe Sozialabgaben und exorbitante Energiepreise. „Die Politik muss insgesamt die Rahmenbedingungen verbessern und positive Signale aussenden.“ Das vermisse er zurzeit.

Für Hubertus Bardt ist allerdings das Glas halbvoll und nicht halbleer. Deutschland besitze sehr hohe Kompetenzen im Bereich der Ingenieur- und Naturwissenschaften. Nirgendwo sei die Zusammenarbeit von Wirtschaft und Forschung so gut verzahnt. Außerdem habe es die deutsche Industrie hervorragend geschafft, Abläufe in der Produktion mithilfe von Informations- und Kommunikationstechnologie intelligent zu vernetzen. „In Sachen Industrie 4.0 sind wir Vorreiter.“ Zudem könne sich Deutschland noch auf eine überwiegend intakte Infrastruktur stützen. Ein großer Vorteil sei auch der Zugang zum EU-Binnenmarkt mit seinen 450 Millionen Konsumenten. Große Hoffnungen setzt er auch auf Kooperationen zwischen Start-ups und etablierten Unternehmen. „So käme wieder mehr Dynamik und Innovationskraft in die Wirtschaft.“

Andreas Kostal spricht auf einer Veranstaltung. Er trägt einen dunklen Anzug, ein helles Hemd und eine blau gestreifte Krawatte.
Andreas Kostal: "Sie haben uns schonungslos die Defizite aufgezeigt."
Foto: Wolfgang Teipel/LokalDirekt

Andreas Kostal, neuer Vorsitzender des AGV Lüdenscheid, räumte ein, dass nicht mehr viel Zeit bleibe, den Standort Deutschland wieder in die Spur zu bringen. „Sie haben uns schonungslos die Defizite aufgezeigt und die notwendigen Schritte benannt“, sagte er. „Jetzt müssen wir den Mut aufbringen, diese Schritte auch zu gehen.“