Ein Archivar, zwei Städte. Christian Maiwald ist der neue Mann für Geschichte in zwei Städten oben an der Volme. Halver und Kierspe haben sich für diese Aufgabe auf eine interkommunale Zusammenarbeit verständigt.

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„Ich bin Pressehistoriker“, sagt der 39 Jahre alte Kölner über sich. Das ist dann aber untertrieben. Der Neue, der sich nach langer Vakanz nun um das Gedächtnis gleich zweier Kommunen kümmert, hat dafür Altertumswissenschaft, Germanistik und Neuere Geschichte in Köln studiert, an der Universität und für Stiftungen gearbeitet.

Bei Christian Maiwald kommt der Forscher durch: Aus dem Jahr 1855 stammt der Vorgang, der die Beteiligung Halveraner Unternehmen an der Weltausstellung in Paris dokumentiert.
Foto: Florian Hesse

In seiner Forschung hat er das Phänomen der sogenannten „Lügenpresse“ untersucht. Eine Erfindung der Neuzeit sei das gar nicht. Schon im frühen 19. Jahrhundert hätten sich mit diesem und ähnlichen Begriffen Journalisten gegenseitig versucht zu diffamieren.

Mit Klischees aufräumen

Diese Information kommt am Rande des Gesprächs mit LokalDirekt zur Rede. Ziel des Treffens war, ihn als Mensch und Ansprechpartner für die Bürger und die Arbeit der Archive vorzustellen – und mit Klischees aufzuräumen, die vielfach mit dem Amt verbunden werden. Das macht Maiwald mühelos.

Noch kein "Archiv". Im Zwischenarchiv beziehungsweise der Altregistratur landet Material, auf das weiter direkter Zugriff gewährleistet sein muss.
Foto: Florian Hesse

Als zurückgezogenen Aktenschubser im Keller kann man sich den großen und kräftigen Mann nicht vorstellen. „Wie kann man analog und digital besser werden, welche Schätze verbergen sich wo. Wie kann man sie zugänglich machen?“ Diese Fragen treiben ihn um an seinem neuen Doppelarbeitsplatz, an dem er sich vier Tage um Halvers und donnerstags um Kierspes Archiv kümmert.

Das ist nicht allein die sogenannte „Erschließung“ von amtlichem und nichtamtlichem Archivgut. Natürlich ist das eine der Kernaufgaben. Nur der Archivar entscheidet, was letztlich aufgehoben werden muss und sollte. Wird es nicht mehr benötigt, laufen Aufbewahrungsfristen ab, „kassiert“ er es.

Das ist der Fachbegriff, wenn ein Schriftstück von der Entstehung in der Dienststelle über die Bereithaltung im Zwischenarchiv im zertifizierten Schredderbetrieb endet. Behält es Maiwald im Bestand, wird es zum sogenannten „Archival“, das dann für die Ewigkeit aufgehoben werden muss. So sagt es das (Archiv-) Gesetz.

Eine Hängeregistratur enthält eine Zettelsammlung des Heimatforschers und Unternehmers Alfred Jung. Seine Veröffentlichungen sollen bald im Regionalmuseum in der Villa Wippermann öffentlich zugänglich werden.
Foto: Florian Hesse

"Englische reinpolierte Schrauben"

Ein Archival hat Maiwald zum Gespräch mitgebracht. Es handelt von Halveraner Unternehmen, die bei der frühen Globalisierung einsteigen. Im fadengebundenen Ordner geht es um „englische reinpolierte Schrauben“, die ein Halveraner Unternehmer 1855 stolz auf der 1. Weltausstellung in Paris präsentiert. „Ein wunderbares Dokument“, findet der Historiker. Allerdings hat er auch etwas zu beanstanden. Der Zahn der Zeit hat am Papier genagt. Feuchtigkeit, vielleicht auch Schädlinge haben die Ränder brüchig gemacht.

Manchmal sind es nur Fragmente, die über die Jahrhunderte erhalten geblieben sind.
Foto: Florian Hesse

Das ist dann eine andere Facette des Archivar-Berufs. „Papier ist nicht geduldig“, ist ein Satz unter Archivaren. Sehr altes Papier ist von deutlich besserer Qualität. Die industrielle Herstellung in der Neuzeit führt zu geringerer Haltbarkeit. Säure zerfrisst es nach und nach, auch Metall schadet der Substanz. Entmetallisieren oder „enteisen“ nennt man das, bevor Archivgut in säurefreie Pappschachteln gepackt und eingelagert wird. Temperatur und Luftfeuchtigkeit sollten sich dann in engen Korridoren bewegen.

Datenschutz und Ahnenforschung

Doch was hat der Bürger vom Aufwand, der von der Öffentlichkeit meist unbemerkt für sie betrieben wird? Es gehe um Nachvollziehbarkeit und Transparenz von Verwaltungshandeln, sagt der Archivar dazu. Doch auch Ahnenforscher fragen um Unterstützung an, ebenso Schulen für Projektarbeiten. Wichtig zu wissen: Ins Archiv darf offiziell nur der Archivar, der dann im Findbuch recherchiert, wie er dem Fragesteller helfen kann und das Material (noch ein Fachbegriff) „aushebt“. Zu tun hat das mit Datenschutz, aber auch dem physischen Schutz des Archivguts.

Auch Bildmaterial und weiteres Archivgut lagert im Magazin. Zuvor aber muss es erschlossen und zugeordnet werden.
Foto: Florian Hesse

Blick in die digitale Zukunft

Ein Weg, das Archiv materialschonend und einfacher zugänglich zu machen, ist die Digitalisierung von Beständen. Thema ist das in der gesamten Archiv-Szene, einfach umzusetzen aber nicht. Im Alleingang sei das nicht zu stemmen, sagt Maiwald. Denn auch hier müsse bei der Erfassung jedes Dokument inhaltlich erschlossen werden. Dass an der Digitalisierung kein Weg vorbeiführt, ist auch in den Rathäusern und jeder anderen Verwaltung klar. Zunehmend werden Vorgänge papierlos geführt, eine wichtige Frage auch bei den Fachleuten der großen Landschaftsverbände Westfalen-Lippe und Rheinland.

Zwei Projekte, die konkret anstehen, haben Maiwald und Fachbereichsleiterin Annette Schulte bereits im Köcher. Im Magazin in Halver findet sich eine umfangreiche Sammlung von Werken des Heimatforschers Alfred Jung. Die soll umziehen in den Lesesaal des Regionalmuseums Villa Wippermann und so der Öffentlichkeit zugänglich werden. Und eher mittelfristig gehe es um die oben angesprochene digitale Langzeitarchivierung mit Anbindung an das System des LWL. „Ich stehe noch am Anfang“, sagt der Archivar. „Langweilig wird mir bestimmt nicht.“