Bei der Euro-Tandem-Tour fahren sehende und sehbehinderte Menschen gemeinsam durch Deutschland. Am Mittwoch, 2. September, machte die Gruppe Station im Märkischen Kreis — und zeigte dabei, dass Inklusion manchmal ganz einfach mit einem Tandem beginnen kann.
Ein Tandem nach dem anderen rollte auf den Platz des Märkischer Tennisclubs. Nach den Kilometern durch das Sauerland ist es Zeit für eine kurze Pause. Die Fahrer steigen ab, unterhalten sich, trinken etwas und kommen mit den Menschen vor Ort ins Gespräch. Rund 20 Tandems sind bei der Tour unterwegs, dazu einige Einzelfahrer. Vorne sitzt jeweils ein sehender Pilot, hinten ein blinder oder sehbehinderter Mitfahrer.
Die Euro-Tandem-Tour ist in diesem Jahr zum 14. Mal unterwegs und führt die Teilnehmer über mehrere Etappen durch Deutschland. Am Mittwoch machte die Gruppe Halt im Märkischen Kreis und fuhr unter anderem durch Halver und Schalksmühle. Ihr Ziel: auf Netzhauterkrankungen aufmerksam machen — und vor allem zeigen, was Menschen mit einer Sehbeeinträchtigung möglich ist.
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„Du musst lenken, ich trete“
Für Maren Schwerger ist die Tour eine Herzensangelegenheit. Ihr Vater gründete die HEM-Schwerger-Stiftung ursprünglich, um Gelder für die Forschung an Netzhauterkrankungen zu sammeln. Schwerger selbst hat die Erkrankung von ihrem Vater geerbt und führt die Stiftung heute weiter.
Der Schwerpunkt hat sich inzwischen verändert. Die Forschung sei mittlerweile ins Rollen gekommen, sodass die Tour vor allem eine andere Botschaft vermitteln soll: Menschen mit Sehbeeinträchtigung sollen nicht darauf warten, dass irgendwann eine Therapie gefunden wird. Sie sollen heute am gesellschaftlichen Leben teilhaben können.
Gerade das Tandemfahren sei dafür besonders geeignet. „Aber es ist eben auch toll, den Sehenden zu zeigen: ‚Ich kann das genauso wie du. Du musst halt lenken, ich trete“, sagt Schwerger.
Denn während Sportangebote für blinde Menschen häufig untereinander stattfinden, entsteht auf dem Tandem eine andere Form der Begegnung. Sehende und sehbehinderte Menschen treiben gemeinsam Sport, müssen sich aufeinander verlassen und erleben dabei, dass die Einschränkung des Sehens nicht bedeutet, auf sportliche Aktivitäten verzichten zu müssen.
Ein Anruf, ein Zug und ein neues Team
Wie spontan sich die Teams entwickeln können, zeigen Mona Nefer und Michael Rathing. Die beiden kannten sich vor der Tour nicht. Zusammengefunden haben sie über das Guide-Netzwerk.
Das Netzwerk bringt Menschen mit Sehbeeinträchtigungen mit sehenden Guides zusammen. Ursprünglich richtete es sich vor allem an Läufer. Mona, selbst Leistungssportlerin im Rennradbereich, suchte kurzfristig nach einem Piloten für die Euro-Tandem-Tour, nachdem ihr bisheriger Pilot ausgefallen war.
Michael Rathing aus Hannover bekam schließlich die Anfrage. Die Entscheidung fiel schnell: „Hast du Zeit und Lust?“, hat es geheißen, dann bat er seinen Arbeitgeber um Urlaub, setzte sich in den Zug und machte sich auf den Weg.
Kurz darauf saßen beide gemeinsam auf dem Tandem. „Wir kannten uns ja noch nicht“, erzählt Rathing. Trotzdem sei die anfängliche Unsicherheit schnell verschwunden. Auf die Frage, ob die beiden harmonieren, kommt eine klare Antwort: „Absolut. Es hat bisher super geklappt.“
Für Mona ist die Tour nicht neu. Sie war bereits bei der letzten Tour vor zwei Jahren dabei und wollte unbedingt wieder teilnehmen. Für Rathing dagegen ist das gemeinsame Fahren eine neue Erfahrung.
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Ein Paralympics-Athlet auf dem Tandem
Auch Willi Brem ist bei der Euro-Tandem-Tour dabei. Der Paralympics-Athlet hat im Biathlon bereits drei Goldmedaillen gewonnen und bringt damit reichlich sportliche Erfahrung mit. Gemeinsam mit seiner Pilotin nimmt auch er die Strecke unter die Räder.
Was ihn an der Tour reizt und welche Erfahrungen er dabei macht, erzählt Brem im Videointerview.
„Hier fühle ich mich nicht wie eine Last“
Eine ähnliche Erfahrung macht Vanessa Wagner. Eigentlich ist sie Para-Judo-Athletin und erst vor zwei Wochen bei der Europameisterschaft Dritte geworden. Mit Fahrradfahren hat sie bislang dagegen deutlich weniger Erfahrung. Dass sie überhaupt auf dem Tandem sitzt, war eher Zufall: Ein geplatzter Urlaubsplan führte dazu, dass sie gemeinsam mit ihrer Familie nach einer Alternative suchte — und dabei auf die Ausschreibung der Euro-Tandem-Tour stieß.
„Ich habe noch nie so eine Tour gemacht“, erzählt Wagner. Die ersten 100 Kilometer auf dem Tandem fuhr sie hier zum ersten Mal. Was sie besonders begeistert, ist weniger die sportliche Herausforderung als das Gefühl, Teil einer Gemeinschaft zu sein: „Dieser Teamgeist in der ganzen Gruppe und auch so als Zweierteam ist toll“, sagt sie. Sie bekomme Unterstützung und könne gleichzeitig selbst etwas beitragen. Einen Satz sagt sie dabei besonders eindringlich: „Manchmal fühlt man sich im Alltag wie eine Art Last — und das fühle ich hier nicht.“
Stattdessen erlebt Wagner auf der Tour, dass vieles möglich ist: Sie probiert Dinge aus, die für sie neu sind – etwa im Stehen auf dem Tandem zu fahren. Auch die Schussweste eines Polizeibeamten durfte sie während eines Stopps anprobieren.
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Mehr als nur eine Radtour
Genau solche Momente machen für Maren Schwerger den besonderen Wert der Euro-Tandem-Tour aus. Es gehe nicht nur darum, möglichst viele Kilometer zurückzulegen. Die Fahrt soll Begegnungen schaffen und zeigen, dass Sehbehinderung nicht automatisch bedeutet, auf Sport, Abenteuer oder Gemeinschaft verzichten zu müssen.
Denn auch die Geschichte der Tour begann ursprünglich mit einer ganz anderen Idee. Schwerger erzählt, ihr Vater habe lediglich mit einer internationalen Fahrt von Berlin nach Bonn Aufmerksamkeit für Netzhauterkrankungen schaffen wollen. In Bonn sollten Spenden an eine Universitätsklinik übergeben werden. Die Aktion war jedoch so erfolgreich, dass sich daraus eine Veranstaltung entwickelt hat, die seitdem alle zwei Jahre stattfindet.
Am Mittwoch führte die Strecke die Teilnehmer nach ihrem Stopp in Halver weiter durch den Märkischen Kreis. Nach der Pause wurden die Tandems wieder startklar gemacht. Vorne und hinten nahmen die Fahrer ihre Plätze ein. Dann ging es gemeinsam weiter.
Denn vielleicht ist das die wichtigste Botschaft dieser ungewöhnlichen Radtour: Auf einem Tandem muss zwar nur einer lenken — aber vorankommen können beide nur gemeinsam.







