Dreimal mussten zusätzliche Stühle hereingetragen werden, als der Heimatfreund und Bahnfotograf Oliver Reitz im Nahverkehrsmuseum des Vereins Traditionsbus Mark Sauerland einen Diavortrag über die Bahn der 80er Jahre im Volmetal hielt. Seine Bilder und Detailschilderungen begeisterten am Samstag, 14. Februar, ein kundiges Publikum. Eingeladen hatte der Eisenbahnfreunde- und Modellbahnclub Efmec Lüdenscheid.

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Der Name Reitz hat in der Stadtgesellschaft und der Bahnszene Lüdenscheids einen besonderen Klang und ist über drei Generationen positiv beleumundet. Hermann Reitz senior war mittelständischer Unternehmer im Werkzeugbau, sein Sohn Hermann Reitz junior, verstorben 2010, folgte ihm nach. Neben dem Werkzeugbau schuf er in einer eigenen Firma tausendundein Ausrüstungsteile für Modelleisenbahnen von der Schraube bis zum Signal, war Kommunalpolitiker und stellvertretender Bürgermeister, Gründer des Bürgervereins zur Förderung des Schienenverkehrs (BFS Bürgerbahn). Dass der zentrale Knotenpunkt von Bahn und Bus heute Hermann-Reitz-Platz heißt, würdigt Hermann Reitz' Kampf für den Erhalt der Bahn in der Kreisstadt. Die dritte Generation wird von Oliver Reitz verkörpert – von Kindesbeinen an ist er mit der Bahn im heimischen Raum in Berührung gekommen.

"Viele bekannte Gesichter hier", freute er sich im Versammlungsraum des Traditionsbusvereins, in dem ein Schild am Querbalken "Willkommen in der Remise" grüßt, ungezählte Details von Bahn und Bus von der Vergangenheit künden und ein Haltestellenschild "W. Hoffmann Presse-Allee" an zahllose gedruckte Stories von der heimischen Bahn erinnert. Apropos bekannte Gesichter: "Viele von Ihnen habe ich damals im Bahnladen Schnurre gesehen", begrüßte Oliver Reitz sein Publikum. Der Bahnladen an der Heedfelder Straße war über mehr als drei Jahrzehnte die Anlaufstelle für Eisenbahnfreunde jeder Couleur – da trafen sich Miniaturbahner ebenso wie Fans der Bundesbahn. Oliver Reitz hatte das Geschäft, seinem Vater folgend, fortgeführt.

Fortgeführt und veredelt hatte Oliver Reitz auch die Fotografietätigkeit seines Vaters. Hermann Reitz hatte einst den Dampfbetrieb der Bahn im Volmetal und in der Bergstadt mit der Kamera festgehalten, hatte seinem Sohn den Ratschlag gegeben, nicht dem Alten hinterherzulaufen, sondern stets den jetzt und heute stattfindenden Bahnbetrieb zu fotografieren – denn irgendwann werde das Aktuelle historisch und begehrt sein. So kamen im Laufe der Jahrzehnte wahre Fotoschätze zusammen.

Diavortrag mit Technik der 80er Jahre

Oliver Reitz begann seinen Diavortrag, den er ganz klassisch mit der Technik der 80er Jahre mit Projektor und Live-Erklärung gestaltete, im Bahnhof Brügge. Die Zuschauer sahen das Bahnhofsgebäude, die Bahnsteigdächer, die tägliche Rangierlok der Baureihe V 260/261 im seinerzeit klassischen Bundesbahn-blau-beige. Reitz setzte dem regen Güterverkehr im Bahnhof Lüdenscheid ein Denkmal, zeigte die langen schweren Güterzüge mit der 2500-PS-Lok V 218 im Steilstreckenbetrieb, präsentierte vor allem die in die Landschaft eingebettete Bahn und stellte Raumzusammenhänge her. Dass die Bahn in Brügge vom Bahnhof hinauf zur Lösenbach eine volle 180-Grad-Kurve beschreibt – Oliver Reitz konnte das in einem spektakulären Bahnbild beweisen, um nur ein Beispiel zu nennen.

Die Zuschauer sahen den Bahnanschluss des Schrotthändlers am Wehberg, den Rangierbetrieb in Lüdenscheid, mehrere Loks im Bahnhof der Bergstadt, das Stellwerk, die vielen Güterwagen, das senfgelbe Empfangsgebäude. Oliver Reitz: "Vergleicht man das mit heute, so ist in Lüdenscheid kein Stein auf dem anderen geblieben." – Zurück auf die Steilstrecke Brügge–Lüdenscheid: Auf Reitz‘ Bildern kämpft sich der Wendezug bergwärts, während im Hintergrund die Nordtangente und das Kreishaus im Bau sind. 1983 war das. Auch der Bahnanschluss Steinebach kommt ins Bild. Tatsächlich: Das alles gab es einmal in einer anderen Zeit, einer anderen Eisenbahnwelt.

Es war vor allem eine Eisenbahnzeit, in der die Bahn funktionierte. Oliver Reitz‘ Bilder zeigen weder Hochglanz-Bahnanlagen noch zur Schau gestelltes Konzerngehabe, sondern eine Bahn durchaus mit Gebrauchsspuren und abgegriffenen Stellen. Doch diese Fotos belegen, was jene Bahn konnte. Jeden Abend fuhren zwei lange Güterzüge von Brügge nach Hagen, die auch die passgenau von Dieringhausen und Gummersbach zugelaufenen Stückgutwagen mitnahmen. Es war eine Bahn, bei der im Winter wie selbstverständlich der Schneepflug aus Hagen kam und die Strecken räumte. Es war die Zeit der Slogans "Alle Wetter, die Bahn" oder "Alle reden vom Wetter – wir nicht".

Außergewöhnliche Fahrzeugeinsätze

Und es war die Zeit, in der die Deutsche Bundesbahn im Bahnhof Lüdenscheid eine Leistungsschau veranstaltete – damals, im Jahr des 150. Geburtstages der deutschen Eisenbahnen, 1985. Oliver Reitz zeigte, was damals ging. Aus Braunschweig kam der "Weltmeisterzug" von 1954, schmuck dekoriert mit einem V-förmig skalierten "BFS" auf der Stirn. Der Dieselschnelltriebzug der Reihe VT 08 (613) kam an diesem Wochenende bis Dieringhausen, Krummenerl und Halver. Ebenfalls nach Halver kam zu diesem Fest der Akkutriebzug ETA 515, nachgeschoben von der Rangierlok V 260. Diese Eisenbahn hatte vor mehr als 40 Jahren Elektrotriebwagen mit Batteriespeicher, etwas, das heutzutage als sensationelle Neuigkeit wieder hochgejazzt wird. Alles schon mal dagewesen, alles nicht neu – Reitz wusste es per Dia und persönlichem Erleben zu belegen.

Auch außergewöhnliche Fahrzeugeinsätze brachte Oliver Reitz auf die Leinwand. Eine Sonderfahrt mit der Dampflok der Baureihe 24 – man sah sie in Meinerzhagen, in Grünenbaum, in der Sankel-Kurve. Die sechsachsige Reichsbahn-Diesellok der Reihe V 232 vor dem Schotterzug aus Krummenerl. Die aus Leig-Einheiten gebildeten Expressgutzüge im oberen Volmetal, aufgenommen bei Haus Rhade. Die Verladung der belgischen Panzer in Brügge, früher mehrmals im Jahr üblich, kam ins Bild. Typische Reisezüge, bestehend aus den damals unvermeidlichen "Silberlingen" und den grünen vierachsigen Umbauwagen, Oliver Reitz zeigte sie in einer herrlichen Landschaft mit voll bewaldeten Berghängen. Tatsächlich, es stimmt: Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können. Das ganze Tal, die ganze Eisenbahn, alles schien besser in Schuss zu sein. Dem diente auch der Unkraut-Spritzzug mit dem Spitznamen "Blümchentod", aufgenommen in Oberbrügge. Verkrautete, zugewucherte Bahnanlagen, wie es sie heute gibt, waren noch unbekannt.

Und ja: Die heutige Eisenbahnmisere und -tristesse war nicht zwangsläufig vorbestimmt, wie Oliver Reitz belegen kann. Er zeigte Bilder der Dortmund-Märkischen Eisenbahngesellschaft, mit der die MVG Ende der 90er Jahre mit nagelneuen Talent-Triebwagen ins Bahngeschäft einstieg. "Bei der MVG waren alle hochmotiviert, dies war ‚unser Zug‘, der auf die Gleise gesetzt worden war." Das Intermezzo dauerte gerade einmal fünf Jahre, dann kehrte die Deutsche Bahn zurück. Es sollte dann eine ganz andere Eisenbahn sein als die verblichene Deutsche Bundesbahn, es sollte eine Konzerneisenbahn kommen, bei der "schlimmer geht immer" zum Leitmotiv wurde.

Die Dias von Oliver Reitz zeigten ein Volmetal und eine Eisenbahn, wie es beides nicht mehr gibt. Die Wärme, die die Aufnahmen verströmen, ist der untergegangenen Zeit ebenso zuzuschreiben wie der klassischen Technik aus Diafilm und Projektor. Das Licht und die Farben, die Gnade des Diafilms, winzige unschöne Details vornehm zuzudecken, schaffen eine Stimmung, die digitale Fotografie und Beamerprojektion in ihrer Kälte und Unbarmherzigkeit nicht hervorzubringen vermögen. Chapeau!

Dieter Hohaus bringt Zugabe

Eine Zugabe brachte danach der Lüdenscheider Eisenbahnfreund Dieter Hohaus dar. Er hatte Aufnahmen des Bahngeschehens in Hagen, dem Volme- und dem Lennetal der 50er Jahre mitgebracht, die ihm einst der Brügger Bahnfan Karl-Heinz Wengenroth überlassen hatte. Es war die Zeit der Hagener Dampflok-Baureihen 03.10, 44, 57 und der 86er aus dem Bahnbetriebswerk Dieringhausen. In Brügge sah man die Baureihe 50 mit dreiachsigen Umbauwagen oder die 78 im Wendezugbetrieb. Die ersten V 100-Dieselloks kamen mit Vorkriegs-Eilzugwagen und Packwagen mit Dachkanzel aus Köln, eine Sonderfahrt führte zwei 82er-Dampfloks durchs Tal. Hohaus‘ Bilderreigen endete mit der "Schnurre" und ausgedienten, abgestellten Wagen der Kreis-Altenaer-Eisenbahn am Wehberg. Auch dort: Es war einmal …

Zweimal hat nun eine Bilderschau wie diese beim Traditionsbus Mark Sauerland stattgefunden. Die begeisterten Zuschauer wünschen sich eine Fortsetzung – irgendwann. Das könnte die schöne Tradition begründen, für ein, zwei Stunden in die Vergangenheit von Bahn und Bus zurückzureisen.