„Mein Großvater, der Täter“ ist ein hochemotionales Buch, ein Werk mit erschreckenden Passagen, die manche Zuhörer vor der Wucht der Fakten verstummen lassen. So konnten die Besucher am 28. April im Bürgerforum bei der Lesung mit Autor Lorenz Hemicker phasenweise die sprichwörtliche Nadel fallen hören.

Die Veranstaltung mit dem aus Kierspe stammenden FAZ-Journalisten gehörte zum Rahmenprogramm der Ausstellung, die zurzeit im Bürgerforum des Rathauses zu sehen ist. Sie erinnert an das Schicksal von Juden aus Lüdenscheid und dem Regierungsbezirk Arnsberg, die am 28. April 1942 von den nationalsozialistischen Machthabern nach Riga deportiert wurden. An dieses Ereignis erinnern der Ge-Denk-Zellen-Verein "Altes-Rathaus" in Kooperation mit dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge mit einer Ausstellung des Riga-Komitees, die noch bis zum 22. Mai zu sehen ist.

Rund 80 Zuhörer verfolgten am Dienstagabend gebannt die berührende und eindrucksvolle Recherche, die Lorenz  Hemicker in seinem Buch „Mein Großvater, der Täter" als Enkel des SS-Offiziers Ernst Hemicker schildert. Ernst, in den 1930er Jahren Ingenieur im Bauamt der Stadt Lüdenscheid, war während der Ermordung von Juden im Wald von Rumbula für das Ausheben der Massengräber verantwortlich. Er starb 1973 – fünf Jahre, bevor Lorenz Hemicker geboren wurde.

Heute sagt er über seinen Opa, den er persönlich nie kennengelernt hat: „Er war ein williger Vollstrecker. Ein Massenmörder, der geholfen hat, Zehntausende zu töten. Und er wurde zum Fluch für meinen Vater, den diese Schuld sein Leben lang bedrückte. Meinen Frieden kann ich mit ihm darum niemals schließen“.

Das Buch ist kein leichter Stoff – aber wie könnte es das auch sein? Wenn es um die Verbrechen der NS-Zeit geht, ist nichts leicht. Am eindrücklichsten klingen die Passagen, in denen der Autor selbst an den Orten der Verbrechen ist. Seine persönliche Auseinandersetzung, die Zerrissenheit zwischen dem "Opa", von dem in der Familie erzählt wurde, und dem Täter, der in den Dokumenten auftaucht, wird dabei besonders deutlich. Dabei gelingt es Lorenz Hemicker über die Verbrechen wie auch die Emotionen der Hinterbliebenen und Überlebenden zu schreiben, ohne sentimental, pathetisch oder effekthascherisch zu werden.

Lorenz Hemicker hält sein Buch „Mein Großvater, der Täter“ vor sich. Das Buch zeigt ein Schwarzweißfoto eines Mannes in Uniform und einen jüngeren Mann, der auf einem Motorrad sitzt.
Lorenz Hemickers Buch handelt nicht nur vom Nazi-Großvater, sondern auch von der Last des familiären Schweigens nach dem Krieg.
Foto: Bernd Benscheidt

Tatsächlich handelt Lorenz Hemickers Buch nicht nur vom Nazi-Großvater, sondern auch von der Last des familiären Schweigens nach dem Krieg, das erst durch eine drohende Anklage wegen Beihilfe zum Massenmord in den späten Sechzigern beendet wurde.

In der anschließenden Diskussion ging es unter anderem um die Bedeutung des Erinnerns. Dazu leisten der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge und die 88 Städte, die sich im Riga-Komitee zusammengeschlossen haben, einen wichtigen Beitrag. Stefan Schmidt, Landesgeschäftsführer des Volksbundes, wies auf die zahlreichen Jugend- und Bildungsprojekte des Volksbundes hin. In der Ausstellung ist auch ein Roll-up zu sehen, das über Klassenfahrten und Workcamps, unter anderem auch in Riga, informiert.