Die Dampfstraßenbahnlok „Rur“ von 1899 ist bei der Sauerländer Kleinbahn erfolgreich abgenommen worden. Die "Kleinbaan"-Maschine der Selfkantbahn soll zum Erntedankfest am 5. Oktober 2025 in Hüinghausen dampfen

Es ist eine absolute Sensation: Über 50 Jahre nach ihrer Abstellung ist die Dampfstraßenbahnlok „Rur“ der einstigen Dürener Dampfstraßenbahn AG wieder betriebsfähig und vom TÜV abgenommen. Die Wiedergeburt der einzigartigen Maschine wurde in vierjähriger Arbeit in der Werkstatt der Sauerländer Kleinbahn möglich; der niederländische Eisenbahn-Enthusiast Wim Pater mit seiner Liebhaber-Organisation „Kleinbaan“ stand hinter der technischen Großtat.

Wer die Kastendampflok, die sehr entfernt an die Loks der ehemaligen Plettenberger Kleinbahn erinnert, bei ihrer Ankunft 2020 in Hüinghausen erlebte, wird kaum glauben wollen, was er heute zu sehen bekommt – nämlich eine Lok, die wie gerade erst geliefert dasteht.

1899 beschaffte die Dürener Dampfstraßenbahn für ihren Güterverkehr die Kastendampflok „Rur“, der sieben weitere Schwestermaschinen folgten. Die „Rur“ – immer wieder umgebaut – war in Düren bis 1942 im Einsatz, dann wurde sie als Werksbahnlok an eine Papierfabrik verkauft. Dort wurde sie zur Dampfspeicherlok umgerüstet, wurde also mit externem Dampf aufgepumpt, ohne selbst befeuert zu werden. Der letzte Einsatz bei der Werksbahn muss in den 60er Jahren erfolgt sein.

Im Oktober 1972 wurde die „Rur“ von der Papierfabrik Schoeller der Selfkantbahn im äußersten Westen von Nordrhein-Westfalen überlassen. Zu einer Aufarbeitung kam es nicht und es blieb bei einem behelfsmäßigen Neuanstrich Anfang der 1980er Jahre. Erst Wim Pater verhalf der „Rur“ zu einer durchgreifenden Wiederherstellung. Mit neuem Kessel ausgestattet, ging es an eine 100prozentige Rekonstruktion, die in diesen Tagen in Hüinghausen abgeschlossen wurde.

Seit Ende 2020 befindet sich die Maschine im Sauerland, berichtet Benjamin Riedesel, der die Kleinbahn-Werkstatt in Hüinghausen leitet und Vorsitzender der Märkischen Museumsbahn ist. „Der neue Kessel von der Firma Lonkwitz-Edelstahltechnik in Wetzlar kam bereits mit und hatte bei seinem Bau auch bereits die Prüfung absolviert. Er befand sich aber noch nicht auf der Lok“, schildert er.

Dem Grunde nach wurde in Hüinghausen ein Neubau nach den alten Plänen verwirklicht; wer über Jahre die Werkstatt besuchte, sah eine Maschine quasi aus dem Nichts heraus wiederentstehen. Soeben konnte die fast fertiggestellte Maschine der Dipl.-Ingenieurin Martina Mader vom TÜV Nord vorgestellt werden. Sie gehört am TÜV-Standort Hannover zur Abteilung Dampf & Druck  -  so heißt die Abteilung, die sich auch mit Tankanlagen beschäftigt, wirklich.

Man glaube gar nicht, wie viele Dampf-Industriekessel im Einsatz sind, erzählt die Ingenieurin im Gespräch. Von wegen gestrige Technik … Die vielen Industrieanlagen sind quasi das Brot- und Buttergeschäft der Hannoveraner TÜV-Abteilung. Dampfloks hingegen sind ein rares Gut und gewissermaßen Liebhaberobjekte von Martina Mader. Zwölf Maschinen betreut sie für den TÜV, hat unter anderem die bereits bei der Sauerländer Kleinbahn eingesetzte „Spreewald“ abgenommen und die „Plettenberg“ bei der Museumseisenbahn in Bruchhausen-Vilsen schon selbst bewegt.

Nun ist sie nach Hüinghausen gekommen, um die wiederentstandene „Rur“ in einem zweitägigen Prüf-Marathon abzunehmen. Der Dampfkessel wird bei 25,9 bar mit Wasser abgedrückt; nachdem das erfolgreich absolviert ist, wird das Wasser abgelassen, die Lok wird angeheizt, Dampf erzeugt. Armaturen, Schieber und Regler werden überprüft, die Sicherheits- und Speiseeinrichtungen abgenommen. Der zulässige Betriebsdruck des Kessels auf der zweiachsigen Maschine ist mit 14 bar angesetzt.

Alle Prüfungen hat die neuerstandene Maschine positiv absolviert und war auch bereits vor einen Zug der Sauerländer Kleinbahn gespannt. Mitglieder der Selfkantbahn waren bei alledem dabei. Nach der erfolgten Abnahme ist der Lokkasten in sattem Dunkelgrün lackiert worden, damit die Maschine vom 12. bis 14. September (Jubiläum 125 Jahre Geilenkirchener Kreisbahn) und am 28./29. September (Herbstfest im Selfkant) fahren kann. Rechtzeitig wird sie dorthin transportiert.

Danach kommt die Lok nach Hüinghausen zurück und wird beim Erntedankfest am 5. Oktober 2025 bei der Sauerländer Kleinbahn eingesetzt. Danach wird sie ins Selfkant zurückkehren und der dortigen Museumsbahn voll einsatzfähig zur Verfügung stehen.