Eine große Belohnung hat sich Ayka verdient. Die vierjährige Dobermannhündin, die seit drei Jahren in der Suchhundeausbildung von Anja Milk trainiert, fand am Montagabend, 18. Mai, im Haus Waldfrieden eine vermisste Person. 20 Minuten brauchte die Hündin, um die demenziell erkrankte Bewohnerin im hohen Gras liegend aufzuspüren.

Bewohnerin verschwunden - Suchhunde angefordert

Das Haus Waldfrieden in Halver ist ein Zuhause für demenzkranke Patienten. Die Krankheit bringt es mit sich, dass die Bewohner den Rückweg eventuell nicht mehr finden, wenn sie ihre Wohngemeinschaften zu einem kleinen Spaziergang verlassen haben.

„Das ist im Normalfall kein Problem“, beschreibt Bernd Lauermann, Gründer und Geschäftsführer des Hauses Waldfrieden das Konzept der Anlage. „Wir haben hier rund 800 Meter befestigte Wege, die alle noch gehfähigen Bewohner eigenständig nutzen können.“ Diese wurden bei der Gründung der Einrichtung so angelegt, dass sie in Kreisen um die einzelnen Wohngruppen verlaufen, aber auch miteinander verbunden sind. So kommen die Spaziergänger nahezu automatisch wieder an ihrem Haus an. Sie haben aber auch die Möglichkeit, mit Bewohnern der anderen Häuser Kontakt aufzunehmen.

Am Montagabend, 18. Mai, verließ eine Bewohnerin aber offensichtlich diesen Weg, als sie sich nach dem Abendessen zu einem kurzen Spaziergang aufmachte. Als sie nicht zurückkehrte, suchte das Pflegepersonal sie auf dem Gelände, fand sie aber nicht.

Daraufhin trat die Alarmierungskette in Kraft. „Wir haben in allen Dienstzimmern Zettel mit den Kontaktdaten der Polizei und der Suchhundeausbildung hängen“, erklärt Lauermann. „Wir setzen dabei auf die eigenständige Arbeit des Pflegepersonals unter Umgehung eines langen hierarchischen Weges und vermeiden somit zeitintensive Informationen an die Verwaltung.“

Nachdem das Pflegepersonal als Erstes die Polizei über die vermisste Person informierte, alarmierte es gegen 19.15 Uhr Anja Milk mit ihrer Suchhundeausbildung. Sie alarmierte drei weitere Mensch-Hunde-Teams, darunter auch Stephanie Sieper mit ihrer vierjährigen Dobermannhündin Ayka.

Die Geruchsprobe darf nicht kontaminiert sein

„Wir haben alles stehen und liegen gelassen und sind sofort nach Haus Waldfrieden gefahren“, beschreibt Anja Milk den Ablauf der Suchaktion. Im Zimmer der vermissten Person suchten die Helfer als Erstes eine nicht kontaminierte Geruchsprobe. „Das ist gerade bei dementen Personen besonders schwierig“, erläutert Anja Milk die Problematik. „Sie bekommen ja bei nahezu jedem Handgriff Hilfe, was bedeutet, dass auch jedes Kleidungsstück von jemand anderem angefasst wurde.“

Schließlich verwendeten die Helfer Haare aus der Bürste und die Einlagen der Hausschuhe als sichere Geruchsprobe. Mit diesem Duft in der Nase konnte Ayka sich dann auf die Suche machen. Ayka startete die Suche im Zimmer der Bewohnerin, da nicht klar war, wo diese sich zuletzt aufgehalten hatte. Weil das Pflegepersonal das Gelände schon abgesucht hatte, lag die Vermutung nah, dass die Patientin den Bereich des Haus Waldfriedens verlassen hatte.

Zwei Frauen in Westen und eine Dobermannhündin posieren auf einem gepflasterten Weg vor Büschen und einem Gebäude. Die Hündin trägt ein Halsband.
Anja Milk (l.) und Stephanie Sieper mit Ayka.
Foto: Gerdel

Vermisste Person nach 20 Minuten gefunden

Ayka zeigte aber an den Ausgängen ganz klar an, dass die Spur dort nicht weiterging und beharrte auf einer Suche innerhalb des Geländes. Nach 20 Minuten wurde sie auch dort im hohen Gras fündig. Es war eine Stelle, die für das Pflegepersonal allein durch den hohen Bewuchs uneinsichtig war.

Die Polizei, die sich während der Suche im Hintergrund hielt, hat danach die weiteren Formalitäten übernommen. Die beiden anderen Hundeführer, die als Ersatz im Hintergrund warteten, wiesen währenddessen den Krankenwagen ein, sodass eine lückenlose Rettungskette gegeben war.

Nach einer kurzen Untersuchung im Krankenhaus konnte die Bewohnerin des Hauses Waldfrieden wieder in ihren Wohnbereich zurückkehren. „Wir freuen uns, dass wir mit unseren Hunden schon zum zweiten Mal helfen konnten, eine vermisste Person unbeschadet aufzufinden“, sagt Anja Milk.

Ehrenamtliche Helfer auf zwei und vier Beinen

Die Suchhundegruppe, die ehrenamtlich arbeitet, hat eine Kooperation mit den Häusern Bethanien und Waldfrieden. „Mehr ist für uns nicht zu schaffen, da wir ja alle auch berufstätig sind und nach einem nächtlichen Einsatz morgens wieder im Job sein müssen“, erklärt Anja Milk. Kommt ein Anruf wegen einer vermissten Person während der Arbeitszeit, sind die Hundeführer auf den guten Willen ihrer Arbeitgeber angewiesen, helfen zu dürfen.  

„Aber im Notfall kommen wir natürlich auch an andere Einsatzstellen. Wichtig ist aber, dass immer zuerst die Polizei kontaktiert wird“, betont die Trainerin. Natürlich kann es auch immer mal zu einem ‚blinden Alarm‘ kommen. „Das ist aber egal. Wir fahren lieber einmal zu viel. Und wir warten auch nicht erst ab, ob die verschwundene Person doch noch auftaucht, denn je früher wir im Ernstfall da sind, umso leichter ist die Spurensuche für die Hunde.“

Training in der Stadt und in den Pflegeheimen

„Unsere Gruppe ist mit Hunden unterschiedlicher Charaktere für die Suche in unterschiedlichen Gebieten breit aufgestellt: Gebäude, Stadt, Wald. Da werden jeweils andere Eigenschaften gebraucht. Wichtig ist aber vor allem, dass Hund und Hundeführer als Team funktionieren.“

Bernd Lauermann freut sich ebenfalls über die Hilfe der Suchhundegruppe. „Es ist toll, dass die Hunde in Halver in so unterschiedlichen Gebieten auf den Ernstfall vorbereitet werden. Da die Teams das Gelände durch ihre permanenten Übungseinsätze kennen, läuft das hier immer sehr geregelt ab“, sieht er die Vorteile des Trainings im Haus Waldfrieden. „Aber es könnte ja auch mal jemand aus einer Häuslichkeit oder ein Kind aus einer Schule vermisst werden, dann ist das gut, dass die Teams die ganze Stadt als Trainingsgebiet nutzen. Es ist einfach sehr gut, dass sie sich vor Ort so gut auskennen.“

Die Trainingsgruppen sind, um viele Plätze in Halver kennenzulernen, regelmäßig im Stadtgebiet unterwegs. „Wer uns dort trifft und sich für das Thema Mantrailing, so der Fachbegriff für die Suche nach Menschen mit Hund, interessiert, kann mich gerne ansprechen. Wichtig ist, sich ganz normal zu verhalten. Die Hunde dürfen auch gern kurz angesprochen oder gestreichelt werden, denn das würde ihnen im realen Einsatz auch passieren und sie müssen lernen, mit solchen Situationen umzugehen.“ Das ständige Training ist wichtig. Anja Milk: „Durch ständige Wiederholungen im Mantrail-Training wird das Mensch-Hund Team nicht besser. Nur wenn Fehler erlaubt sind und erkannt werden, entsteht Entwicklung.“

Für das Mantrailen sind Hunde fast aller Rassen geeignet. Nur für die Vierbeiner mit den rassetypischen Kurznasen ist das Suchen zu anstrengend. Das Training kann schon mit Welpen, nach der Eingewöhnungsphase in die Familie, begonnen werden. Aber auch ältere Hunde können jederzeit einsteigen.

Das Mantrailen ist für den Menschen ein Hobby, das Leben retten kann. Für den Hund ist es in erster Linie Spaß.