Klugscheißerei: Was sieht man eigentlich wirklich, wenn man glaubt, den Nordhelle-Turm zu erkennen? Schon seit napoleonischer Zeit wurden auf der höchsten Erhebung des märkischen Sauerlands Nachrichten- und Aussichtstürme errichtet. Heute findet sich hier "das" Naherholungsgebiet im Quadrat zwischen Attendorn und Meinerzhagen, Plettenberg und Herscheid mit bester Fernsicht und urigem Gasthaus.
Selbst das Kulturamt des Märkischen Kreises war darauf hereingefallen, als vor Jahren ein Trinkbecher mit den Städten und Gemeinden des Kreises und ihren jeweiligen Sehenswürdigkeiten herausgebracht wurde. Plettenberg wurde auf dem Pott mit einem Fernsehturm gesegnet. Das war gleich drei- bis vierfach falsch: Plettenberg hat einen solchen Turm nicht und das abgebildete Teil steht in Wahrheit auf dem Plettenberg im Hohenzollerschen.
Wobei im Oestertal in Plettenberg …. da steht doch ein Fernsehturm nahebei und so gut wie jeder sagt, die Nordhelle erkenne man genau an diesem Sender. Ja, es ist schon ein Kreuz mit der Nordhelle und ihren Türmen. Zeit also für eine echte Besserwisserei: Das, was man von Attendorn, Herscheid, Plettenberg und Meinerzhagen weithin sieht, was man von Roscheid aus per Mountainbike, auf Langlaufskiern oder ganz klassisch zu Fuß erreicht und als Nordhelle-Fernsehturm zu identifizieren glaubt, ist in Wahrheit der Sendeturm auf dem Waldberg.
Das wird man als Klugscheißer vom Dienst ja wohl noch sagen können – und ansonsten herzlich einladen dürfen zu einem Besuch im Naherholungsgebiet rund um die Nordhelle, zu einer Visite im Irrgarten der Türme. Denn derer gibt es reichlich; die Geschichte der Türme beginnt nämlich bereits in napoleonischer Zeit.
Von zwei Seiten aus kommt man auf dem Höhenrücken zur Nordhelle
Will man zum Waldberg und/oder zur Nordhelle, dann bieten sich zwei Möglichkeiten an. Vom Wanderparkplatz Roscheid aus sind es zu Fuß und per Rad über den Südhangweg sieben Kilometer zur Nordhelle. Bei guter Schneelage wird die Strecke für Skilangläufer gespurt.
Wer die Nordhelle mit dem Auto anfahren möchte, der kommt von Herscheid aus über Rüendanz und Reblin , von Attendorn über Listerscheid und Valbert, danach der Landstraße 707 folgend, zu den Wanderparkplätzen unterhalb des Wipfels. Von dort aus geht es zu Fuß zum Irrgarten der Türme.
Direkt bei den Parkplätzen findet der Ausflügler eine Infostation zum Sauerland-Höhenflug und Kartenwerk sowie Erklärtafeln zum Naturschutz- und Erholungsgebiet Nordhelle. Hier starten zu besonderen Anlässen auch geführte Wanderungen mit dem Förster. In der Saison findet man dort oft einen heimischen Imker, der seinen Honig anbietet.
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Vom Parkplatz an der L 707 gehts über eine gesperrte Straße zum WDR-Turm
Über eine für den Normalverkehr gesperrte Asphaltstraße mit mäßiger Steigung geht man angenehm aufwärts. 67 Höhenmeter gilt es zu nehmen, um auf die mit 663 Meter über Normalnull höchste Erhebung des Märkischen Kreises, auf die Nordhelle, hinauf zu kommen. Wanderer, Familienausflügler, Biker kommen uns entgegen. Der 150 Meter hohe Stahlbeton-Sendemast des WDR, rot-weiß geringelt, kommt uns hinter jeder Biegung in den Blick. Der Sender überträgt die Hörfunkprogramme des WDR und des Deutschlandfunks sowie 15 öffentlich-rechtliche Fernsehprogramme im DVB-T2-Standard. Ein Vorläufer dieses Mastes entstand 1962, der aktuelle Mast wurde 1984 gebaut.
Vis-a-vis steht, und das ist der historisch bedeutsamste Turm, der SGV-Aussichtsturm. Er wurde nach Robert Kolb, dem Planer der SGV-Hauptwanderwege, benannt. Schon in napoleonischer Zeit habe sich auf der Nordhelle ein steinerner Turm befunden, gibt das Festbuch zum 100jährigen Bestehen des SGV Herscheid an. Der Turm habe einen Spiegeltelegraph getragen, sei aber später zerfallen. Um 1890 habe die Heeresverwaltung in Berlin auf der Nordhelle ein trigonometrisches Mal errichten lassen, das auch als Aussichtspunkt genutzt wurde. Doch 1903 fiel der Holzturm einem Sturm zum Opfer. Schon da reifte bei den Verantwortlichen des SGV Herscheid der Plan, einen Aussichtsturm aus Bruchstein zu errichten.
Aussichtstürme auf Bergeshöhen seien zu dieser Zeit in der Mode gewesen. Allein zwischen 1891 und 1894 seien 25 Aussichtstürme gebaut worden. 1912 konnte der Grundstein zum Turm auf der Nordhelle gelegt werden; 1913 wurde er mit einer Sternwanderung eingeweiht. Familienwanderungen zur Nordhelle mit einem Besuch des Aussichtsturms gehörten fortan zum sauerländischen Wochenendprogramm. Nach dem Bau der Eisenbahn nach Herscheid wurden ganze Sonderzüge mit Wintersportlern oder zum Waldbeerensammeln in der damals heideähnlichen Landschaft eingesetzt. Die dichte Bewaldung des Ebbegebirges erfolgte nämlich erst später.
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Der Robert-Kolb-Turm litt zeitlebens unter Klima, Krieg und Karies
Der 18 Meter hohe Robert-Kolb-Turm machte zeitlebens schwere Zeiten durch. Er litt unter der aggressiven Witterung mit Frost, Regen, Eissturm und 250 Nebeltagen pro Jahr. Die Wände durchfeuchteten, immer wieder musste das Mauerwerk saniert werden. 1940 beschlagnahmte die Wehrmacht den Turm als Ausguck gegen feindliche Flieger; 1945 lag der Turm im „großen (Ruhr-)Kessel und war schwer umkämpft. Zum Kriegsende stand nur noch eine Ruine, die dem Abriss entgegensah. Doch es kam anders: Der Nordwestdeutsche Rundfunk plante eine Sendeanlage, die auf dem Turm errichtet werden sollte. Drei Jahre, von 1951 bis 1954, wurde der Turm saniert und der Sender in Betrieb genommen. Jetzt konnten auch Wanderer wieder aufsteigen!
Das ging bis 1962, als der Turm wegen Feuchtigkeitsschäden gesperrt werden musste. 1986 brach gar ein großes Mauerstück aus der nach Osten weisenden Turmwand heraus. Karies! Es hätte das Ende sein können. Doch wieder wurde saniert und zwar in einer Qualität, dass der Robert-Kolb-Turm seit 1990 wieder bestiegen werden kann. Und wie man es auch sieht – dem Borkenkäfer sei zweifelhafter Dank: Seit die Fichten zur West-, Nord- und Ostsicht hin gefallen sind, bietet sich eine Aussicht, die überwältigend ist. Nach Südwesten hin sieht man bis ins Rheinland, nach Nordosten bis in die Soester Börde. Unmittelbar im Blick hat man auch den bereits angesprochenen WDR-Sendeturm sowie zwei weitere große Sendeanlagen.
200 Meter weiter nach Nordosten findet sich im Wald ein Fernmelde-Sendemast der Bundeswehr, der als Stahlbetonturm ausgeführt ist. Prägnanter ist aber der 1,2 Kilometer entfernte Fernmeldeturm auf dem Waldberg – jener, der fälschlicherweise seit seinem Bau 1983 als die Landmarke der Nordhelle angesehen wird. Der Turm nach einem mehrfach in Deutschland errichteten Einheitstyp ist 150 Meter hoch und gehört einer Tochter der Deutschen Telekom. Über ihn wird im wesentlichen der Mobilfunkverkehr abgewickelt.
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Der vierte Turm ist der Waldberg: Grandioser Blick ins Oestertal
Wir haben damit auf dem Kolbturm die Peilung aufgenommen, verabschieden uns von einem Ehepaar, das ebenfalls auf der Aussichtsplattform den Fernblick genoss und nehmen Kurs auf den Waldberg. Es erfordert einen gewissen Zickzackkurs auf dem Wegenetz, bis sich uns ein herrlicher Blick bietet: Geradeaus schauen wir auf den Waldberg mit seinem Turm, etwas nördlicher, auch hier sei dem Borkenkäfer gedankt, liegt tiefblau wie in einem Fjord die Plettenberger Oestertalsperre. So wie heute sah man sie nie. Das Bild ist unbeschreiblich schön.
Unsere Strecke führt uns weiter über den nördlichen Panoramaweg in Richtung L 707 / Wanderparkplätze. Unter uns liegen Kiesbert, Vor der Heide, der Daum, Reblin und Ebbefeld. Man meint, auf einer Wolke zu liegen und ins Ebbetal hinunterzuschauen, so schön ist dieser gut gangbare Weg. Über ihn stoßen wir wieder auf die Asphaltstraße zwischen Parkplätzen und Kolbturm.
Und zum Schluss: Guten Appetit in der "Herscheider Hütte"
Wir steuern noch einmal die Nordhelle an, denn ein Ziel fehlt uns noch: die seit 1967 geöffnete „Herscheider Hütte“ auf der Nordhelle. Und ein Besuch hier oben wäre ohne eine Einkehr in die inzwischen in „Gaststätte Nordhelle“ umbenannte und erweiterte Stube nur halb so schön. Wirtin Sabine Schuppert-Teschner führt hier mit einer resolut-burschikosen Freundlichkeit eine Ausflugs-Gastronomie, die mit rustikalen und bodenständigen Gerichten, herzhaften und süßen Spezialitäten für jeden Geschmack punktet. Von Freitag bis Sonntag ist ganzjährig vpn 12 bis 18 Uhr geöffnet. „Seit über 15 Jahren mache ich das“, sagt Frau Wirtin, „die Gäste sind mein Leben“.
Gut und preisgünstig gestärkt finden wir den Weg zum Wanderparkplatz Nordhelle zurück. Es ist schon schön, unser Sauerland und erst recht bezaubernd ist unser Naherholungsgebiet hoch oben im Ebbe – im Quadrat zwischen Attendorn und Meinerzhagen, Plettenberg und Herscheid. Verlauft Euch nicht in diesem Irrgarten der Türme. Und sagt nie wieder, man erkenne die Nordhelle an ihrem Fernsehturm …..








