Ausgesprochen gut besucht war am Freitagabend in der evangelischen Kirche in Oberbrügge der Vortrag von Dr. Tankred Stöbe. Der ehemalige Präsident von Ärzte ohne Grenzen referierte über medizinische und ethische Entscheidungen in Krisengebieten. Gebannt folgten die über 100 Zuhörer den Schilderungen des Berliner Notfall- und Intensivmediziners, der von seinen zahlreichen Einsätzen in aller Welt berichtete.

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Zustandegekommen war dieser Vortragsabend als Teil einer Vortragsreihe (neben Oberbrügge sprach Tankred Stöbe auch im Lüdenscheider Klinikum und vor Schülern im Zeppelin-Gymnasium) dank der Initiative des Oberbrügger Ehepaares Bianca und Stefan Marschner. Sie hatten Dr. Tankred Stöbe im vergangenen Jahr im Rahmen des Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin in Wiesbaden kennengelernt und eingeladen. Dort war Ärzte ohne Grenzen Partnergesellschaft.

Nach der Begrüßung durch Pfarrer Thomas Wienand stellte Timo Groß den 57-jährigen Notfall- und Intensivmediziner vor, der seit 24 Jahren für Ärzte ohne Grenzen im Einsatz ist. In Überlingen am Bodensee aufgewachsen, begann er auf Umwegen 1991 ein Medizinstudium, legte an der Uni Witten/Herdecke 1998 sein Staatsexamen ab und promovierte 2002. Im gleichen Jahr bewarb er sich erfolgreich um die Mitarbeit bei der deutschen Sektion von Ärzte ohne Grenzen, deren Präsident er von 2007 bis 2015 war. Für seine Einsätze in Krisengebieten wie Afghanistan, Gaza, Haiti, Jemen, Sudan, Syrien und der Ukraine erhielt er das Bundesverdienstkreuz am Bande.

Pfarrer Thomas Wienand begrüßte die über 100 Gäste
Foto: Martin Büdenbender/LokalDirekt

Ohnmacht sorgt für Aufregung

Für ungeplante Aufregung sorgte am Freitagabend die plötzliche Ohnmacht einer Besucherin. Die Suche nach einem Arzt erübrigte sich. Tankred Stöbe unterbrach seinen Vortrag und war sofort zur Stelle. Nur wenige Minuten später fuhr ein Rettungswagen vor, um im Krankenhaus absichern zu lassen, dass es sich nur um einen Schwächeanfall handelte.

Die Selbstverständlichkeit dieser schnellen medizinischen Hilfeleistung und Versorgung, die in Deutschland die Regel ist, stand in einem krassen Gegensatz zur Situation in den Kriegs- und Krisengebieten, über die der Referent berichtete. Mit einer Reihe von schockierenden Fallbeispielen führte er seinen Zuhörern die katastrophalen Zustände in den Krisengebieten vor Augen. Tagelange Anreisen mit einem Geländewagen voll Hilfsgütern durch überflutete Regionen im Sudan, oder Reanimationsversuche in einem jemenitischen Krankenhaus, während nebenan geschossen wurde, gehörten ebenso dazu, wie die Begegnung mit psychisch gebrochenen Kindersoldaten in Afrika oder hungernden und kranken Kindern in Afghanistan.

Entscheidungen über Leben und Tod

Seine Zuhörer konfrontierte er mit humanitären Entscheidungsfragen. Betroffen machte die Geschichte der 53-jährigen Rose-Marie, die in Haiti im Januar 2024 eine Schussverletzung erlitt, deren unheilbare Folgen den Einsatz einer Beatmungsmaschine notwendig machten. Es gab aber nur zwei, die dringend auch für andere Notfälle benötigt wurden. „Wie würden Sie entscheiden?“, fragte der Mediziner in die Runde. „In Deutschland würde ein Mensch mit dieser Verletzung überleben. Aber in einem Bürgerkriegsgebiet bedeutet das den Tod.“

Die Drohnen-Attacke auf einen Bus im ukrainischen Ort Marhanets ging vor einem Jahr durch die Medien. Neun Tote und 42 Verletzte waren die Folge. Chirurgische Verletzungen konnten im Krankenhaus vor Ort versorgt werden. Um psychologische Hilfe für die traumatisierten Menschen wurden die Ärzte ohne Grenzen gebeten. Hilfe in vorderster Front. „Sollten wir das Leben unserer eigenen Leute riskieren?“, fragte Stöbe seine Zuhörer. „Wir haben uns damals dafür entschieden, zum Glück ist es gut gegangen.“

Helfer werden selbst Opfer

Nicht immer sind die Hilfseinsätze gut verlaufen. Das Risiko der Helfer, selbst Opfer zu werden, sei groß. Der gefährlichste Ort der Welt sei Gaza. „Dort haben wir 15 Mitarbeiter verloren.“ Die Lage der Menschen in Gaza sei katastrophal. 1,9 Millionen Menschen, etwa 90 Prozent der Bevölkerung, seien durch Kriegshandlungen vertrieben worden, viele sogar mehrfach. „Es gibt keinen sicheren Ort in Gaza.“ Völkerrecht werde missachtet und humanitäre Hilfe behindert.

Klare Stellung bezog Tankred Stöbe zur aktuellen Situation im Nahen Osten. „Das Schlimme an dieser Krise ist: Sie war ja nicht zwingend notwendig. Es gab Verhandlungen bis zum Abend davor. Es ist ein mutwillig vom Zaun gebrochener Krieg.“ Es kämen immer neue Krisenherde dazu und es gelinge nicht, auch nur einen Konflikt zu lösen. „Die internationale Politik versagt.“

"Erzählen Sie unsere Geschichten"

„Wir müssen diese Welt gemeinsam begreifen“, forderte er auf, die Augen nicht zu verschließen. Es sei in der Welt momentan vieles in Unordnung. Wenn wir die Nachrichten sähen, beschleiche uns ein Gefühl der Ohnmacht. „Als humanitärer Arzt, wenn ich vor Ort bin, kann ich den Menschen helfen. Das nimmt mir das Ohnmachtsgefühl.“ Es sei wichtig, über Leid und Elend in den Krisengebieten zu berichten. Von den notleidenden Menschen, die ihm dort begegneten, werde er immer wieder gebeten: „Bitte vergessen Sie uns nicht. Erzählen Sie unsere Geschichten.“