Als kabarettistische Größe haben viele die Kleinkünstlerin Christine Schütze offenbar nicht auf dem Schirm. Nach bescheidenem Vorverkauf kamen am Freitagabend, 10. April, dann aber doch noch mehr Zuschauer als erwartet zum KUK-Kabarett. Sie erlebten ein zweistündiges Programm, dessen Besuch sie nicht bereut haben dürften.

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Feinsinnige Analyse des Alltags

"Also, mir ist sie zu dünn!“ ist der Titel ihres Programms, beim dem Christine Schütze feinsinnige Analyse des Alltags mit famoser Klavierbegleitung koppelt. Der Titel soll einem Zitat eines Zuschauers entspringen, der sich nach ihrer Vorstellung auf einem Kreuzfahrtschiff äußern sollte, wie er es fand. Die Reaktion, die sich auf ihre Person bezog, nicht auf die Inhalte, ist für sie typisch: „Es macht einen Unterscheid, ob Männer oder Frauen Kabarett machen.“ Bei einem Mann hätte man sich zuerst über die Inhalte geäußert — und erst dann vielleicht über sein Übergewicht.

Macho-Gehabe kann sie nicht ab, schickt einen musikalischen Gruß in Richtung Moskau, dessen Umsetzung schnell Frieden stiften und Leben retten können: „Vladimir, stell dich auf die Beine und kämpf' alleine.“ Ansonsten ist die „große Politik“ nicht ihre Sache. Auch wenn Schütze den idealen Mann in den Fokus nimmt, der angeblich im Baumarkt gesichtet wurde, wird der Abend nicht zum Geschlechterkampf.

Christine Schütze hält ein Mikrofon und spricht auf einer Bühne vor dunklem Hintergrund.
Etwa 90 Besucher waren zum Auftritt der Kabarettistin Christine Schütze gekommen.
Foto: Rüdiger Kahlke

Was „Framing“ mit uns macht

Die musikalisch untermalte Selbstbetrachtung der „Wonder Woman“ ist eine subtile Kritik am eigenen Geschlecht, an den Frauen, die alles mit Leichtigkeit zu wuppen scheinen, ein Schlaglicht auf den neuen Trend der Tradwives, die alten Klischees folgen. Frauen rät sie, nicht traurig zu sein, wenn ihnen kein Bauarbeiter hinterher pfeife: „Es liegt nicht an euch. Es ist der Fachkräftemangel.“

Christine Schütze zeigt Risse auf, schildert wie beim „Framing“ Wirklichkeit verändert wird. Aus einem „Seitensprung“ wird dabei eine „sexuelle Herausforderung“, Probleme werden euphemistisch zur „Baustelle“ und Altenteile zur „Residenzen“, in denen man zwar alt wird, aber nicht alt sein muss.„Neue Begriffe für alte Sachen“, folgert die Hamburgerin. So werden aus Alten für die Werbung attraktive „Silver Ager“. Sie zeigt, wie eingängig Alliterationen wirken und warum Norddeutsche wie sie so sparsam reden: Wegen des Schietwetters in Hamburg und Kiel müssen sie Energie sparen. Da hilft es, sich auf kurze Floskeln zu beschränken. In einem Song nimmt sie sich Reizüberflutung und der künstlichen Intelligenz an, zeigt die Diskrepanzen auf: „Wir wissen so viel, verstehen so wenig.“

Christine Schütze sitzt am Flügel und singt in ein Mikrofon. Im Hintergrund ein roter Vorhang und Scheinwerfer.
Zwischendurch gönnte Christine Schütze dem Publikum eine Pause, um alles „sacken zu lassen“. Mit einem Medley von Musik-Klassikern zeigte sie ihre Klasse am Klavier.
Foto: Rüdiger Kahlke

Realität ist skurril genug

Christine Schütze macht kein Schenkelklopfer-Kabarett, reißt nicht vom Hocker, geht nicht unter die Gürtellinie. Sie setzt feine Stiche mit hanseatischer Coolness, respektvoll, aber nicht ohne Richtung. Die Realität zu schildern reicht, um Skurrilität deutlich zu machen. Damit erinnert sie an das Vorbild ganzer Reporter-Generationen wie Egon Erwin Kisch, der vor 100 Jahren die Gesellschaft beobachtete und zu der Erkenntnis kam, dass nichts phantastischer sei als die Sachlichkeit.

Für Sie habe sich die Anreise gelohnt, hatte sie eingangs mit Blick auf die etwa 90 Besucher gesagt. Der Beifall am Ende zeigte, dass es sich auch für die Besucher gelohnt hatte. Kabarett, mal anders, mit eigener Klasse.