Eine - weitere - ebenso ernst gemeinte wie subjektive Liebeserklärung einer Großstädterin an eine kleine Gemeinde im Sauerland von LokalDirekt-Journalistin Marlene Herold.

Der geneigte Leser dieser App mag es an dieser Stelle bereits bemerkt haben. Einen solchen Text gab es schon einmal. Erschienen ist dieser im November 2023. Verändert hat sich einiges – wenn auch vielleicht weniger in Schalksmühle als bei mir. Grund genug also, mal wieder Bilanz zu ziehen.

Schalksmühle - totes Pflaster?

Mein damaliger Text begann mit der alles entscheidenden Frage, ob es sich denn überhaupt lohnt, in Schalksmühle aus dem Auto auszusteigen. Die Meinungen in meinem Umfeld dazu gingen schon damals auseinander, und auch heute noch ernte ich oft genug hochgezogene Augenbrauen, wenn ich Freunden von meinen Plänen für das kommende Wochenende berichte. Oder auch schon mal nur ein resigniertes Achselzucken: "Ach so, Dorffest. Natürlich kannst du nicht."

Aber, zugegeben: Wer meinen Text von 2023 nimmt und durch den Ortskern läuft, könnte durchaus fragen, was aus meiner damaligen Liebeserklärung eigentlich geworden ist. Denn bei aller Liebe zur Volmegemeinde: Der Ortskern ist im Alltag immer noch ziemlich tot. Der Leerstand ist nach wie vor ein Thema, öffnet ein Geschäft, schließt irgendwo ein anderes. Das Hotel hat noch immer keinen Pächter, geschweige denn, dass die Sanierung abgeschlossen wäre. Und wer an einem gewöhnlichen Vormittag über den Rathausplatz läuft, muss normalerweise keine Angst haben, von Menschenmassen überrannt zu werden.

Ein ganz normaler Dienstag in Schalksmühle - Symbolbild.
Foto: Herold

Und auch an den grundlegenden Ursachen hierfür hat sich nicht viel geändert. Noch immer dominiert der Internetversandhandel. Noch immer fahren diejenigen - und ja, auch ich - lieber ins Ruhrgebiet oder auch schon mal bis in die Niederlande, wenn sie ein sogenanntes "Einkaufserlebnis", wie Leerstandsmanager Bernd-Martin Leonidas es nennt, suchen.

So ganz stimmt die Behauptung, es habe sich überhaupt nichts getan, allerdings auch nicht. Zumindest während der Sommermonate gibt es mittlerweile einen Tag in der Woche, an dem auf dem Rathausplatz tatsächlich etwas los ist. Donnerstags findet dort in den Sommermonaten der Kulinarische Treff statt – ein Wahlversprechen, das Bürgermeister Christian Breddermann im März gemeinsam mit dem Stadtmarketingverein einlöste.

Leben auf dem Rathausplatz - in den Sommermonaten jeden Donnerstag beim Kulinarischen Treff.
Foto: Herold

Händler, Gastronomen und Landwirte bringen seitdem regelmäßig Leben auf den Platz. Einmal im Monat wird daraus ein Feierabendmarkt mit Live-Musik und erweitertem Getränkeangebot. Und siehe da: Menschen kommen. Sie bleiben sogar. Freiwillig. Und ja - zu diesen Menschen zähle regelmäßig auch ich.

Und dann kam der Wahlkampf

So weit, so Rathausplatz. Aber wer wissen will, was sich in den vergangenen drei Jahren in meinem Verhältnis zu Schalksmühle verändert hat, kommt an einem Thema kaum vorbei - der Kommunalpolitik.

Dabei hatte ich mir den Kommunalwahlkampf 2025 zunächst ziemlich übersichtlich vorgestellt. Drei Männer wollten Bürgermeister werden, die Kandidaten standen frühzeitig fest, die ersten Texte waren geschrieben und in meinem Kopf existierte bereits so etwas wie ein Plan für die kommenden Monate. Dann wurden aus drei Kandidaten vier. Und mein Plan war dahin.

Was folgte, waren Wahlkampfveranstaltungen. Ortsteilgespräche. Eine Podiumsdiskussion, die ich an einem sardischen Pool vorbereitete. Eine Menge Bratwürstchen, gegrillt von Fraktionsvorsitzenden - der Lohn der Lokaljournalistin, wenn man so will. Interviews, Portraits, lange Abende in der Redaktion und im Homeoffice.

Podiumsdiskussionen lassen sich auch von sardischen Pools aus vorbereiten. Offensichtlich.
Foto: Herold

Klingt erst mal alles entbehrungsreich, war es aber keinesfalls. Denn ich habe in diesem Sommer unfassbar viel gelernt. Verstanden, welche Probleme die Menschen in den Ortsteilen wirklich bewegen. Welche Fragen die Einwohner in Heedfeld umtreiben und welche die Dahlerbrücker. Lernte die Kandidaten selbst kennen, an den Orten, die ihnen in der Gemeinde am meisten bedeuten. Und das alles zwischen Kaffee, Kuchen, Bratwürstchen und wilden Himbeeren aus Dahlerbrück.

Wilde Himbeeren aus Dahlerbrück.
Foto: Herold

Ich erlebte, wie eine neue Ortsgruppe sich gründete - und nach der Wahl prompt in den Rat einzog. Und auch die Kehrseite der Medaille lernte ich kennen. Nach einem abgebrochenen Interview wurde mein Postfach von bösen Mails geflutet. Seitdem weiß ich: Lokalpolitik ist emotionaler, als man zunächst annehmen sollte.

Dennoch bleibt sie in der Volmegemeinde, bei allem Streit über Ämter, Müllsäcke, Trinkbrunnen und einer Kastrationspflicht für Katzen immer eins: demokratisch und auf Augenhöhe.

Meine Liebe zu ihr ist daher - auch deshalb - nach wie vor ungebrochen.

Gelebte Lokalpolitik in Schalksmühle.
Foto: Herold

"Marlene, ich hab da was für dich"

Vor drei Jahren war ich meist noch diejenige, die sich ihre Geschichten zusammensuchte. Mittlerweile finden mich besagte Geschichten oft selbst. "Marlene, ich hab da was für dich", ist jedenfalls ein Satz, den ich mittlerweile erstaunlich oft höre. Im Supermarkt, auf dem Rathausplatz, bei Veranstaltungen oder am Telefon. Manchmal geht es um eine Neueröffnung. Manchmal um Ratten. Manchmal um ein Unternehmen oder einen Verein. Manchmal um Angelegenheiten, die scheinbar seit Monaten niemanden interessieren.

Und manchmal geht es darum, dass jemand die Weihnachtsdekoration an einem Kreisverkehr hässlich findet. Denn ja, auch dafür bin ich mittlerweile offenbar zuständig.

Über Geschmack lässt sich bekanntlich streiten.
Foto: Herold

Dabei bewegen mich vor allem immer wieder die kleinen Geschichten. Über jemanden, der Kindern aus der Ukraine eine Ferienwoche an der Glör ermöglicht, während er gedanklich bereits den nächsten Hilfstransport plant. Über Feuerwehrleute, die ihre Freizeit opfern, um Türen zu öffnen, Ölspuren zu beseitigen - oder auch mal größere Brände zu löschen. Über Menschen, die Vereine am Leben erhalten. Ein Flüchtlingsnetzwerk gründen. Einen privaten Flohmarkt in ihrem Ortsteil organisieren. Für den Kinderhospizverein wandern. Ein altes Bauernhaus in Schuss halten. Angebote im Kulturort schaffen. Sich Abendstunden und Wochenenden für die Kommunalpolitik um die Ohren schlagen.

Denn genau von ihnen lebt diese Gemeinde.

Bratwurst und Bier zwischen Nähe und Distanz

Und so wurden in den vergangenen drei Jahren aus Namen für mich Menschen. Verwaltungsmitarbeiter treffe ich am Bierstand wieder, Namen von Fraktionsmitgliedern muss ich schon lange nicht mehr im Ratsinformationssystem nachschlagen.

Denn: Wer so lange wie ich über eine kleine Gemeinde schreibt, trifft die Menschen früher oder später in völlig anderen Zusammenhängen wieder. Auf dem Schützenfest, beim Kneipenfestival oder auch schon mal auf Konzerten. Aus Namen, die ich vor drei Jahren noch googeln mussten, wurden Bekannte. Aus manchen wurden Freunde.

Kritische Fragen am Montag. Wein am Samstag. Beides kann gleichzeitig wahr sein.
Foto: Herold

Und ja, natürlich wirft das eine Frage auf: Wie viel Nähe verträgt journalistische Distanz?

Meine Antwort darauf ist mittlerweile ziemlich einfach. Denn journalistische Distanz bedeutet für mich nicht, jemanden nicht kennen oder mögen zu dürfen. Sie bedeutet, trotzdem dieselben Fragen zu stellen. Nicht wegzusehen, wenn etwas schiefläuft.

Das ist manchmal ein schmaler Grat. Und vermutlich funktioniert er nur, wenn beide Seiten wissen, welche Rolle gerade gefragt ist. Freundschaft oder Sympathie ändern nichts daran, dass ich meinen Job mache. Und eine unangenehme Frage am Montag bedeutet umgekehrt nicht, dass man sich am Samstag aus dem Weg gehen muss.

Und deshalb fahre ich mittlerweile nicht mehr nur nach Schalksmühle, weil ein Termin in meinem Kalender steht. Vielmehr besuche ich Feuerwehrfeste, Kneipenfestival und Theatervorstellungen. Und wenn am Wochenende irgendwo gefeiert wird, stellt sich mir inzwischen seltener die Frage, ob ich nach Schalksmühle fahre - sondern vielmehr die, wie ich anschließend wieder zurück nach Hagen komme. Ich habe die Dorffeste in den letzten drei Jahren schätzen gelernt - nicht nur, weil ich hier gefühlt mittlerweile mehr Menschen kenne als in meiner Heimatstadt, sondern auch, weil ich mich hier sicherer fühle.

Mowgli im Ratssaal

Und offenbar färbt das ab. Denn mittlerweile ist Schalksmühle auch für meine Tochter nicht mehr nur der Ort, an dem ihre Mama arbeitet. Mit ihren neun Jahren hat sie wahrscheinlich mehr Ratssitzungen erlebt als mancher erwachsener Schalksmühler. Das liegt weniger an ihrem Interesse an kommunalen Haushalten, Bebauungsplänen und Abwassergebühren als an einer ziemlich profanen Tatsache: Lokaljournalismus, Kommunalpolitik und Alleinerziehendsein lassen sich bei Abendterminen nicht immer sauber voneinander trennen.

Kurz vor der Ausschussitzung noch ein Blick auf den Rathausplatz.
Foto: Herold

Also sitzt sie gelegentlich mit im Ratssaal. Malt, liest, hört mit einem Ohr zu und erklärt anschließend meinen erstaunten Eltern die Sitzverteilung im neu gewählten Rat der Stadt Hagen. Nun ja, was soll ich sagen. Unter Apfelbäumen findet man nun mal recht selten Birnen.

Und nicht nur das - die Schalksmühler kennen auch sie mittlerweile. Sie war hier Sternsingerin, nimmt an Angeboten des Jugendzentrums teil, begrüßt Bürgermeister und Ratsmitglieder mit Handschlag. Und bewegt sich auf Veranstaltungen mittlerweile mit einer Selbstverständlichkeit, die mich selbst gelegentlich noch stutzig macht.

Mia - im vereinsfremden Shirt - bei den Turniertagen des TuS Linscheid.
Foto: Herold

Wenn man so will, wächst sie hier ein wenig so auf wie Mowgli unter den Wölfen. Nur eben zwischen Ratsmitgliedern, Verwaltungsmitarbeitern und Ausschussunterlagen. Und vermutlich hält sie es mittlerweile für vollkommen normal, dass erwachsene Menschen nach Feierabend über einen Kreisverkehr diskutieren. Oder einen anderen Kreisverkehr. Oder Fahrbahnmarkierungen. Oder darüber, wie viele Tablets eine Schule eigentlich braucht.

Mia Valentina "Mowgli" Herold und der stellvertretende Bürgermeister Harald "Harry" Haböck.
Foto: Herold

Nach Feierabend: 10.000 Schritte über Heedfeld

Lokaljournalismus findet überwiegend am Schreibtisch statt. Gewichtsabnahme und Sport bedauerlicherweise nicht. Wohl dem, dessen Heimweg nach Neueröffnung der Rahmedetalbrücke ohnehin über Heedfeld führt.

Abendliche Laufrunde. Hier: Rotthausen.
Foto: Herold

Und so kenne ich auch dort mittlerweile Schleichwege, auf denen ich mich noch vor drei Jahren heillos verlaufen hätte. Heedfeld, Hülscheid, Altenhülscheid, Harrenscheid, Stallhaus, Linscheid, Rotthausen - nach Feierabend erledige ich meine täglichen Schritte gerne in Schalksmühle. "Wann ziehst du eigentlich um?", ruft mir ein vorbeifahrender Ratsherr auf einer dieser Runden aus dem Auto zu. "Eigentlich gar nicht", antworte ich wahrheitsgemäß. Er nickt verstehend. "Wenn du es dir anders überlegst, sag Bescheid", erklärt er dann noch, winkt und fährt weiter. Und tatsächlich, ein Umzug ist, allen Gerüchten zum Trotz, nach wie vor nicht geplant. Aber wer weiß schon, was das Leben noch mit sich bringt.

Bis dahin heißt es für mich nach der Arbeit weiterhin regelmäßig: Kopfhörer rein, Musik an, Kopf aus. Und wo ließe sich das besser umsetzen als beim Blick auf den Sonnenuntergang über Heedfeld. Dass der Weg dorthin meist bergauf führt, verschweige ich an dieser Stelle großzügig.

Sonnenuntergang. Ohne Worte.
Foto: Herold

Liebe macht nicht blind

Oder zumindest nicht vollständig. Denn bei aller Liebe zur Volmegemeinde - ich kenne auch die Schwachstellen. Die blinden Flecken. Die Themen, die seit Jahren von Ausschuss zu Ausschuss geschoben werden. Die endlosen Ratssitzungen, in denen sich Stunden um ein und dasselbe Thema im Kreis gedreht wird - nur, damit am Ende doch wieder alle dafür stimmen. Ich kenne die Schlaglöcher, die Leerstände und die Ruinen der Gemeinde. Die fehlenden Angebote für Kinder und Jugendliche.

Die verwaiste Grundschule Klagebach.
Foto: LokalDirekt

Manchmal sitze ich in Ausschüssen und denke: Das kann doch nicht ernsthaft jetzt schon wieder Thema sein. Manchmal habe ich große Lust, einfach aufzustehen und zu gehen. Oder ein Lied auf dem Klavier zu spielen, immerhin ist das ja bereits vorhanden. Aber da mir diese Form der journalistischen Intervention dann doch unverhältnismäßig erscheint, gehe ich anschließend wieder nur nach knapp drei Stunden nach Hause und schreibe den zehnten Text über ein und dasselbe Thema. Jedoch ohne neuen Nachrichtenwert.

Der Kreisverkehr an der A45 war Gegenstand zahlreicher Diskussionen.
Foto: Herold

Und vielleicht liegt genau da der wesentliche Unterschied zu meiner Liebeserklärung aus dem Jahr 2023. Damals mochte ich Schalksmühle, obwohl ich den Ort und seine Probleme nicht besonders gut kannte.

Heute mag ich ihn, obwohl ich ihn ziemlich gut kenne.

Ab wann ist man eigentlich nicht mehr ortsfremd?

Meine damalige Liebeserklärung aus dem Jahr 2023 endete damit, dass eine Ortsfremde am Abend zurück nach Hause fährt und am nächsten Morgen mit guter Laune wieder zurückkommt. Und auch, wenn sich an der Tatsache allein seitdem nicht viel geändert hat - ganz so einfach ist es dann doch nicht mehr.

Denn wann ist man eigentlich nicht mehr ortsfremd? Wenn das eigene Kind von den Mitgliedern von Rat und Verwaltung aufgezogen wird wie Mowgli von den Wölfen? Wenn man kein Navi mehr braucht? Wenn man beinahe alle Wander- und Laufstrecken kennt? Wenn man große Teile seiner Freizeit im Nachbarort verbringt? Wenn man in Ausschüssen nicht mehr den Kopf heben muss, weil man schon an den Stimmen erkennt, wer gerade das Wort hat? Wenn Mitglieder einer Fraktion eigene Spitznamen für einen haben?

Laufrunde über Rotthausen - ob ortsfremd oder nicht.
Foto: Herold

Vielleicht gibt es auf all diese Fragen auch gar keine klare Antworten. Denn ein Umzug steht für mich tatsächlich nach wie vor nicht zur Debatte. Und wenn mich jemand fragt, woher ich komme, lautet meine Antwort natürlich nicht Schalksmühle.

Aber vielleicht ist Heimat am Ende auch gar keine Frage der Postleitzahl. Vielleicht reicht schon ein Ort, an dem man weiß, welche Straße wohin führt. Wen man anrufen muss, wenn man eine Frage oder ein Problem, egal welcher Natur auch immer, hat. Welcher politische Dauerbrenner auch in der kommenden Woche wieder auf der Tagesordnung stehen wird und wann und wo das nächste Dorffest stattfindet.

Mein Herz hat Schalksmühle mir jedenfalls bis heute nicht zurückgegeben. Vielleicht habe ich aber auch einfach irgendwann aufgehört, danach zu fragen. Denn ob ich nun ortsfremd bin oder nicht, spielt am Ende vermutlich sowieso keine Rolle.

Spätestens am Montag bin ich eh wieder da.

Herz? - Verloren. Nicht nur im Höhengebiet.
Foto: Herold

Hier geht's zur ersten Liebeserklärung an die Volmegemeinde:

Schalksmühle: Herz? – Verloren | LokalDirekt