Um trotz allgemeiner Kostensteigerungen und sinkender Kirchensteuereinnahmen auch in Zukunft weiter einen ausgeglichenen Haushalt zu erzielen – und damit handlungsfähig zu bleiben – müsse das Bistum Essen (Katholische Kirche) bis 2038 schrittweise rund 50 Millionen Euro dauerhaft einsparen. Die nötigen Anpassungen beginnen bereits im kommenden Jahr und sollen alle Bereiche betreffen. Betriebsbedingte Kündigungen sind jedoch nicht geplant, teilt das Bistum mit.
Weiter sinkende Kirchensteuereinnahmen aufgrund rückläufiger Mitgliederzahlen und steigende Kosten zwängen das Bistum Essen dazu, seine bisherigen Anstrengungen zur Sicherung seiner finanziellen Basis deutlich zu verstärken. Um künftig weiter einen ausgeglichenen Haushalt zu erreichen, habe der Kirchensteuer- und Wirtschaftsrat des Bistums die vom Leitungsteam des Bischöflichen Generalvikariates vorgestellten neuen Sparziele befürwortet. Diese Pläne sehen bis 2038 schrittweise und angepasst an sich verändernde Rahmenbedingungen ein dauerhaftes Einsparvolumen von rund 50 Millionen Euro vor. Schon ab 2027 sollen erhebliche Einsparungen umgesetzt werden. Die Budgetplanungen für das Jahr 2027 werden daran ausgerichtet sein.
„Nur so bleiben wir handlungsfähig“, betont die Ökonomin des Bistums, Dr. Mechthild Lütke Kleimann. „Wir müssen eine dauerhafte strukturelle Unterfinanzierung verhindern, denn wir stehen nicht vor einem nur vorübergehenden Engpass“, erklärt die Leiterin des Ressorts Finanzen und IT in der Essener Bistumsverwaltung. „Wir werden unsere Einnahmen kaum steigern können, weil unser Bistum weitgehend von den Beiträgen unserer Kirchenmitglieder lebt. Deren Zahl aber wird weiter sinken und in Zukunft – auch aufgrund des demografischen Wandels - dauerhaft deutlich kleiner sein, als heute. Darum müssen wir unsere Ausgaben dauerhaft reduzieren.“ Zwar verfüge das Bistum über Rücklagen, die aber begrenzt seien und vor allem der Vorsorge für plötzliche Risikosituationen dienten, so Lütke Kleimann.
„Die sich jetzt zuspitzende wirtschaftliche Situation des Bistums Essen kommt nicht überraschend“, sagt Generalvikar Klaus Pfeffer. „Wir setzen uns im Ruhrbistum schon seit mehr als 20 Jahren mit den gesellschaftlichen Entwicklungen auseinander, die auch weiter dazu führen werden, dass die Mitgliederzahlen der großen Kirchen kleiner werden.“ Mit derzeit rund 620.000 Mitgliedern zählt die erst 1958 gegründete Diözese nicht einmal mehr halb so viele Gläubige wie in den Anfangsjahren. „In den Nachkriegsjahren war in Deutschland die Mitgliedschaft in einer der beiden großen Kirchen noch relativ selbstverständlich, aber seit den 1960er Jahren hat sich dies in einer rasenden Geschwindigkeit völlig verändert“, erläutert der Generalvikar.
Das Bistum Essen stelle sich darum kontinuierlich darauf ein, dass die Kirche der Zukunft deutlich kleiner werde. Deshalb wurden und werden Kirchen, Gemeindeheime und andere kirchliche Immobilien aufgegeben und anderweitig genutzt sowie kirchliche Verwaltungsstrukturen vereinfacht. Zudem hat das Bistum beispielsweise das Kardinal-Hengsbach-Haus verkauft und die Städte Duisburg und Essen als Partnerinnen bei der Finanzierung seiner Schulen gewinnen können. „Es ist in den vergangenen Jahren schon viel geschehen“, so Pfeffer. „Gerade die Pfarreientwicklungsprozesse in den vergangenen zehn Jahren haben uns geholfen, unsere Strukturen an die sich verändernde Situation anzupassen.“
Jetzt allerdings verschärfe sich die Lage durch eine immer geringer werdende Kirchenbindung, die zu den negativen Effekten des demografischen Wandels hinzutritt. „Auch bei den Kirchenmitgliedern werden in den nächsten Jahren die geburtenstarken Jahrgänge der Babyboomer in den Ruhestand gehen“, erklärt Mechthild Lütke Kleimann. Diese verfügen in der Regel über ein gutes Einkommen und gehören noch in einer größeren Zahl den Kirchen an, während die Zahl der Kirchenmitglieder in den nachfolgenden Generationen deutlich kleiner ist. „Das führt in den nächsten Jahren zu deutlich geringeren Kirchensteuereinnahmen“, so Lütke Kleimann. Die Ökonomin macht auf eine weitere Herausforderung aufmerksam: „Wir sind schon jetzt sehr stark von den Erträgen unserer Finanzanlagen abhängig, um ein stabiles Jahresergebnis zu erzielen. Wir müssen aber auch auf Schwankungen der Finanzmärkte vorbereitet sein und können uns deshalb nicht auf diese Erträge verlassen. Das erhöht die Notwendigkeit, jetzt zu weiteren, zweifellos massiven Einsparungen zu kommen.“
Strukturen anpassen: „Wir müssen Kirche ganz neu gestalten“
Generalvikar Pfeffer verweist deshalb auf das in den vergangenen Jahren gestartete Entwicklungsprogramm „Christlich leben. Mittendrin.“ „Es geht dabei nicht mehr darum, mit ein paar Einsparungen die kirchliche Lage zu verbessern, vielmehr müssen wir unsere Kirche ganz neu, und vor allem auch anders, gestalten“, so Pfeffer. „Wenn es auch in 10 oder 20 Jahren in unserer sich rasend schnell verändernden Gesellschaft noch christliches Leben geben soll, dann brauchen wir mehr als ein ‚Weiter so – nur etwas kleiner‘.“ Das Programm „Christlich leben. Mittendrin.“ werfe vor allem viele grundsätzliche Fragen auf, wie sich kirchliches Leben in einer völlig neuen Welt gestalten lasse. Es gehe dabei um weit mehr als nur um einen Prozess, der Strukturen verschlankt, um Einsparungen zu erzielen. „Wenn wir in den kommenden Jahren unsere Pfarreien zu noch größeren Einheiten auf kommunaler Ebene zusammenführen und in den einzelnen Städten und Kreisen zugleich möglichst viele katholische Trägerorganisationen zu einem großen und stabilen Netzwerk miteinander verbinden wollen, dann suchen wir dabei auch stets nach Antworten auf die vielen Fragen, wie wir gemeinsam unseren Glauben leben können und in unsere Gesellschaft unsere zentralen christlichen Werte weitertragen und lebendig erhalten“, so der Generalvikar.
„Es wird kein ‚Mein Bereich ist nicht betroffen‘ geben“
Die damit verbundenen Einsparungen werden alle Bereiche des Bistums Essen betreffen, hebt der Generalvikar hervor: „Es wird kein ‚Wir sind nicht betroffen‘ geben.“ Pfeffer verbindet diese Klarstellung mit einem Appell: „Wir brauchen eine Haltung, mit der wir uns gemeinsam um die Zukunft des christlichen Lebens in unserem Land bemühen – und zwar in einem Miteinander und nicht im Gegeneinander!“
Generalvikar Pfeffer und Ökonomin Lütke Kleimann sind aber zuversichtlich: „Wir haben die Fachleute und das nötige Know-how, die erforderlichen Maßnahmen wirksam umzusetzen. Wir müssen jetzt handeln, aber wir können es auch“, so die Finanzchefin. Gespart werden soll unter anderem bei den Personalkosten, beispielsweise durch die Bündelung von Aufgaben und die Optimierung von Abläufen. Dies beinhaltet auch, dass bei frei werdenden Stellen kritisch überprüft wird, ob sie wiederbesetzt werden. Hier seien bereits 2026 und 2027 erste Einsparerfolge möglich. Betriebsbedingte Kündigungen seien nicht geplant. Zudem werden alle finanziellen Zusagen des Bistums an andere kirchliche Träger auf den Prüfstand gestellt – einschließlich der Höhe der Zuweisungen an die Pfarreien. „Darüber hinaus werden wir auch im Blick auf das Programm ‚Christlich leben. Mittendrin.‘ in den kommenden Monaten sehr gründlich analysieren, welche finanziellen Mittel hier tatsächlich zur Verfügung stehen können“, betont Generalvikar Pfeffer.
Über Einspar-Entscheidungen so schnell wie möglich informieren
Weiteres Einsparpotenzial sehe das Bistum unter anderem in der bereits beschlossenen Strukturveränderung der Katholischen Erwachsenen- und Familienbildung (KEFB) im Bistum Essen. Zudem wird jeder neue Aufwand ab sofort nur noch getätigt können, wenn er gleichzeitig an anderer Stelle kompensiert wird. „In den Ressorts des Bischöflichen Generalvikariates sowie in Arbeitsgruppen, in denen auch Mitglieder des Kirchensteuer- und Wirtschaftsrates und Verantwortliche anderer Rechtsträger mitwirken, werden wir in den kommenden Wochen und Monaten weitere Vorschläge für Einsparungen erarbeiten, um das mit dem Kirchensteuer- und Wirtschaftsrat abgestimmte Vorgehen mit konkreten Maßnahmen umzusetzen“, beschreibt Lütke Kleimann. Und Generalvikar Pfeffer sichert zu: „Sobald die notwendigen Sparmaßnahmen konkreter werden, werden wir so schnell wie möglich die hiervon betroffenen Gruppen, Organisationen oder Kirchenmitglieder informieren.“








