Die Zahl der Obdachlosen steigt auch in Lüdenscheid immer weiter an. Was können diese Menschen tun, wenn die Temperaturen immer weiter sinken? Welche Hilfen kann jeder geben, um schwere Erfrierungen oder gar den Tod eines Menschen zu verhindern? LokalDirekt hat sich bei den Hilfeeinrichtungen der Stadt umgehört.
Die Kältewelle in Deutschland hält noch weiter an. Laut Wetterbericht soll das Wochenende vom 9. bis zum 11. Januar zwar teils sonnig, aber auch eiskalt werden. Bis zu minus 14 Grad sind angekündigt. Da freut sich jeder, der nach einem Spaziergang in der Sonne zurück in die warme Wohnung kommt und sich dort vielleicht auch noch mit einem heißen Kaffee aufwärmen kann.
Rund 120 Männer und Frauen in Lüdenscheid haben diese Möglichkeit nicht. Sie sind obdachlos, haben keine eigene Wohnung, nicht einmal ein eigenes Zimmer, in das sie sich zurückziehen können.
Zahl der Obdachlosen steigt von Jahr zu Jahr
Mara Tomaszik von der Stabsstelle Öffentlichkeitsarbeit der Caritas in Lüdenscheid ist sich sicher, dass die Dunkelziffer der Wohnungslosen in der Bergstadt noch deutlich höher ist. „Es gibt ja keine Pflicht, sich als wohnungslos zu melden. Daher orientieren wir uns bezüglich der Zahlen an den Menschen, die sich bei uns eine postalische Erreichbarkeit haben einrichten lassen. Dieser Briefkasten wird zum Beispiel für die Korrespondenz mit dem Jobcenter oder der Bank benötigt“, erklärt sie.
Sicher sei, dass die Zahl der Obdachlosen von Jahr zu Jahr steige, wobei sich der Anteil der Frauen auf zirka ein Drittel einpendle. „Die Frauen sind auf der Straße natürlich noch gefährdeter als die Männer. Wenn sie versuchen, sich privat einen Schlafplatz zu organisieren, müssen sie dafür oft auch ‚körperlich‘ bezahlen“, weiß Mara Tomaszik.
Die Caritas bietet für die Tagesstunden einen Aufenthaltsraum, den die Obdachlosen liebevoll „Unser Wohnzimmer“ nennen. Dort können sie sich aufhalten und dabei aufwärmen. Es gibt warme Mahlzeiten und Getränke, sie können telefonieren und den Internetzugang nutzen. Außerdem stehen Duschen zur Verfügung und es gibt die Möglichkeit, Wäsche zu waschen.
Iglus gegen die schlimmste Kälte
Nur Schlafräume gibt es bei der Caritas nicht für die Obdachlosen. „Wir haben allerdings wenigstens drei Iglus auf unserem Gelände stehen und haben auch einige Schlafsäcke im Fundus“, sagt Mara Tomaszik. „Darin ist es zwar 15 Grad wärmer als die Außentemperatur, aber wenn die bei minus 15 Grad liegt, ist das auch noch nicht wirklich warm. Es ist ein reiner Erfrierungsschutz“, ergänzt sie. Dazu kommt, dass nur diese drei Iglus auf das Gelände der Caritas passen, und die Anzahl bei weitem nicht ausreicht. „Wenn es sehr kalt ist, teilen sich die Obdachlosen die Iglus auch stundenweise. Während der eine versucht, sich draußen durch Bewegung warm zu halten, darf der andere ein paar Stunden drinnen schlafen. Dann wird getauscht“, hat sie die Solidarität unter den Obdachlosen beobachtet.
Lüdenscheids Hilfe gegen die Kälte
Die einzige Möglichkeit, in einer Notunterkunft zu übernachten, bietet die Stadt Lüdenscheid im Stadtteil Kalve.
Theoretisch stehen dort bis zu 90 Plätze als Übernachtungsmöglichkeit für Menschen zur Verfügung, die sonst keinen warmen Ort haben. „Diese maximale Auslastung würde voraussetzen, dass alle Räume als Doppelzimmer genutzt werden“, erläutert Sven Helmig, Pressesprecher der Stadt Lüdenscheid. „Das ist in der Praxis jedoch kaum realistisch, weil insbesondere Frauen, aber auch Männern über 50 Jahren nach Möglichkeit ein Einzelzimmer zur Verfügung gestellt werden soll.“
Bei der Belegung der Zimmer werde daher genau hingeschaut. „Wir achten darauf, mögliche Konflikte von vornherein zu vermeiden und die Situation für alle so ruhig wie möglich zu gestalten“, so Helmig. Die Unterkunft ist nach Geschlechtern getrennt, alleinstehende Frauen sind generell in einem separaten Bereich untergebracht. Auch ethnische und religiöse Hintergründe würden berücksichtigt, um Spannungen zu vermeiden und zumindest eine gewisse Privatsphäre zu ermöglichen.
Wer hier unterkommt, findet mehr als nur ein Bett: Es gibt Kochstellen und Bäder. Auch eine Waschmaschine steht zur Verfügung, die in Absprache mit dem Hausmeister genutzt werden kann.
Zulauf ist momentan höher als gewöhnlich
Derzeit sei die Unterkunft deutlich stärker frequentiert als sonst, erklärt Sven Helmig. Aktuell, Stand 7. Januar, seien 35 Männer und sieben Frauen untergebracht. „Angesichts der winterlichen Bedingungen und der eisigen Temperaturen ist der Zulauf momentan etwas höher als gewöhnlich“, berichtet er. „Neben der ‚Stammklientel’, die die Unterkunft immer mal wieder benutzt, gibt aber auch ‚neue Gesichter‘, die erstmals Schutz suchen.“
Rechtlich betrachtet handele es sich bei der Unterbringung in einer Obdachlosenunterkunft um eine Maßnahme der Gefahrenabwehr nach Paragraf 14 des Ordnungsbehördengesetzes NRW, erklärt Helmig. „Das heißt, hier werden Menschen aufgenommen, die nicht in der Lage sind, sich selbst anderweitig eine Unterkunft – etwa in einem Hotel oder einer Ferienwohnung – zu organisieren.“ Die Nutzung sei allerdings nur volljährigen Personen gestattet.
Im täglichen Geschehen wird die Unterkunft durch einen Hausmeister und vermehrte Präsenzstreifen des Kommunalen Ordnungsdienstes betreut. „Bei kleineren Streitigkeiten kann so schnell eingegriffen werden“, sagt Helmig. In Notfällen werde die Polizei hinzugezogen. Gerade in den kalten Winterwochen solle die Unterkunft aber vor allem eines sein: ein sicherer Ort, an dem niemand der Kälte schutzlos ausgeliefert ist.
Besondere Hilfe durch den Obdachlosen-Freundeskreis
Neben der Sammelunterkunft der Stadt Lüdenscheid gibt es aber auch noch eine weitere Möglichkeit für Obdachlose, der Gefahr durch die kalten Nächte zu entgehen.
Der Obdachlosen-Freundeskreis Lüdenscheid, der in der Kirchengemeinde Rahmede vor 30 Jahren gegründet wurde, hat ganz besondere Kooperationspartner für die Hilfe gegen die Kälte gefunden. „Wir arbeiten mit einigen Hoteliers zusammen, die uns bei dieser Wetterlage einige Zimmer zu reduzierten Preisen überlassen“, berichtet Frank Alles, aus dem Leitungsteam des Obdachlosen-Freundeskreises.
„Dafür müssen wir aber wissen, wo sich die wohnungslosen Menschen aufhalten. Entweder kommen sie von sich aus zu uns ins Bistro oder wir bekommen von aufmerksamen Menschen den Hinweis, dass sie irgendwo jemanden ungeschützt haben liegen sehen.“
Diese Hinweise sind wichtig, denn viele Obdachlose halten ihre Schlafplätze geheim, um dort nicht überfallen zu werden, wie es in der Vergangenheit immer mal wieder passiert sei. „Wenn wir wissen, wo die Schlafplätze sind, fahren wir vom Verein aus dorthin und reden mit den Menschen oder hinterlassen, wenn wir niemanden vorfinden, unsere Kontaktdaten. Wenn sie dann einen warmen Schlafplatz wünschen, vermitteln wir sie an unsere Partnerhotels.“
Hotelzimmer, um Leben zu retten
Wichtig ist ihm zu erwähnen, dass die Unterbringung in einem Hotelzimmer kein Dauerzustand ist. Es gehe dabei ausschließlich um die Nächte mit Temperaturen unter dem Gefrierpunkt, oder anders gesagt: Es geht darum, Leben zu retten. „Wir kümmern uns natürlich um die Obdachlosen, die wir in den Hotels unterbringen“, versichert Frank Alles. „Da gibt es genaue Spielregeln und wer sich nicht daran hält, fliegt sofort wieder raus. “
Das Hauptanliegen des Vereins ist und bleibt die Integration. Diese soll im Bistro in der Erlöserkirche in Lüdenscheid jeden Montag ab 18 Uhr angestoßen werden. „Dort werden erste Kontakte hergestellt und Gespräche geführt. Wir wollen nicht nur Probleme lösen, sondern den Obdachlosen zur Seite stehen. Immer. Teilweise ein Leben lang“, erklärt Alles.
Hauptaufgabe des Vereins sei es, der Obdachlosigkeit vorzubeugen und denen, die es aus der Wohnungslosigkeit geschafft haben, weiter zur Seite zu stehen.
Lieber frieren, als in der Notunterkunft schlafen
Es gibt aber auch Männer und Frauen unter den Wohnungslosen, die sich strikt weigern, eine Nacht in einem geschlossenen Raum zu verbringen. Und das mit dem Wissen, dass die Kälte die größte Gefahr ist, der sich die Obdachlosen gegenübersehen. Sie kann durchaus zum Tod der Betroffenen führen.
„Psychische Erkrankungen sind häufig ein Grund, dass diese Menschen es schlecht aushalten, mit anderen zusammen in einem Raum zu sein. Einige empfinden es auch als hygienischer, allein zu bleiben, oder sie haben Sorge vor Kriminalität. Sie wollen lieber für sich sein und ihre Ruhe haben“, versucht Mara Tomaszik, diese Beweggründe zu erklären.
Was Bürger tun können
Einig sind sich alle Hilfsorganisationen, wenn es um die Frage geht, was jeder tun kann, der einen Obdachlosen auf der Straße sieht: „Nicht wegsehen. Mit aufmerksamem Blick durch die Stadt laufen und gerade bei diesen Temperaturen gegenseitig aufeinander aufpassen“, wünscht sich Mara Tomaszik. „Wenn ich das Gefühl habe, die Person könnte Hilfe brauchen: hingehen und freundlich fragen, ob Hilfe gewünscht wird“, rät sie.
Auf keinen Fall sollte ein Obdachloser, der nicht ansprechbar ist, einfach liegen gelassen werden. „In solch einem Fall auf jeden Fall den Notruf wählen. Viele Menschen unterschätzen, wie schnell die aktuellen Temperaturen tödlich sein können.“
Eine Einschätzung, die auch Frank Alles teilt. „Man sollte schon mal fragen, ob ein heißes Getränk oder etwas zu essen helfen würde“, sagt er. „Einfach hinhören und fragen, was der Mensch braucht.“
Wichtig wäre auch, die Obdachlosen zu fragen, ob sie wissen, wo es in der Stadt Hilfestellen gibt. Der Obdachlosen-Freundeskreis bietet an seinen Kontaktstellen auch Flyer an, die sich jeder Bürger mitnehmen kann. „Diese kann man in die Jackentasche stecken, und hat dann immer alle Infos dabei, um sie einem obdachlosen Menschen im Bedarfsfall weitergeben zu können“, rät Alles.
Hier gibt es Hilfen für Obdachlose
Das „Wohnzimmer“ bei der Caritas.
Ort: Martinus-Haus, Graf-von Galen-Straße 6
Öffnungszeiten: montags bis donnerstags 8 Uhr bis 16 Uhr, freitags 8 Uhr bis 13 Uhr.
Möglichkeiten: aufwärmen, essen, trinken, telefonieren, duschen, Wäsche waschen.
„Alles. Und Suppe.“
Ort: AJZ, Altenaer Straße, hinter dem Fitness-Gym.
Öffnungszeiten: dienstags, mittwochs, donnerstags 16 Uhr bis 18.30 Uhr, sonntags von 13 Uhr bis 15.30 Uhr.
Möglichkeiten: kostenfreie Getränke und Essen, zweimal pro Woche auch warm.
Hinweis: Es gibt keine Bedürftigkeitsprüfung, das Motto laute: „Du bist hungrig, dir ist kalt – komm rein.“
Notunterkunft der Stadt Lüdenscheid
Ort: Stadtteil Kalve, Leifringhauser Straße 1-5
Möglichkeiten: Übernachten, duschen, Wäsche waschen.
Hinweis: Keine Verpflegung.
Obdachlosen-Freundeskreis Lüdenscheid
Ort und Öffnungszeiten:
1. Bistro, Eingang Herzogstraße 16 am Graf-Engelbert-Platz, montags ab 18 Uhr
2. In der evangelischen Kirchengemeinde Oberrahmede, Im Grund 6, dienstags und donnerstags von 9 Uhr bis 13 Uhr










